Portrait des Künstlers Stefan Wewerka, 2013 im Forum Gestaltung
Portrait des Künstlers Stefan Wewerka (1928-2013). Bildrechte: Hans-Wulf Kunze

Ausstellung in Magdeburg Moderner Provokateur: Stefan Wewerka und seine schräge Welt

Witzig, grotesk und im wahrsten Wortsinn schräg ist die Kunst von Stefan Wewerka. Ein Querdenker in allen Bereichen, international bekannt und langsam auch in seiner Geburtsstadt Magdeburg gewürdigt. Das Forum Gestaltung in Magdeburg zeigt vom 29. März bis zum 14. Juli 2019 die Ausstellung "Stefan Wewerka: Dekonstruktion der Moderne".

von Sandra Meyer, MDR KULTUR-Landeskorrespondentin Sachsen-Anhalt

Portrait des Künstlers Stefan Wewerka, 2013 im Forum Gestaltung
Portrait des Künstlers Stefan Wewerka (1928-2013). Bildrechte: Hans-Wulf Kunze

Wundervoll grotesk: Stühle aus Gummi, oder aus Termiten zerfressenem Holz, mal dreieckig, mal geschwungen mit schrägem Sitz, oder aussehend wie ein ägyptischer Thron – es sind kuriose Konstruktionen mit denen der Künstler Stefan Wewerka in den 60er- und 70er-Jahren bekannt geworden ist. Seine Entwürfe sind witzig, aber mit Sinn dahinter, sagt Kurator der Ausstellung, Norbert Eisold: "Die Überlegung, dass sich ein Stuhl in jede beliebige Form verwandeln kann, also zwischen dem Statuenhaften und dem völligen Verfall, bewegt sich die Spannweite. Das ist für mich die Spannweite um Leben und Tod, um die es bei ernst zu nehmender Kunst immer geht."

Wewerka: Ein Querdenker aus Magdeburg

Stefan Wewerka wurde 1928 in Magdeburg geboren und studierte bei einigen Bauhausabsolventen in Berlin. Er arbeitete als Architekt unter Hans Scharoun an der Berliner Philharmonie, war Designer, Bildhauer und Maler – doch letztlich begriff er sich auch als Provokateur. Deshalb auch der Titel der Ausstellung: "Dekonstruktion der Moderne". "Stefan Wewerka ist ein Erbe dieses Bauhaus-Denkens, das die Fragen neu stellt, nach dem, wie wir sein wollen, wie wir wohnen wollen wie wir kommunizieren wollen", sagt der Kurator.

Wewerka sinniert darüber, dass man die Erdkugel zerschneiden müsste und anders wieder  zusammenbauen sollte. In London ist es dann plötzlich ganz heiß und in Afrika ist kalt. Das gewinnt heute ja eine ganz merkwürdige Aktualität.

Norbert Eisold, Kurator der Ausstellung
Verschiedene Werke von Stefan Wewerka in einer Ausstellung.
Stuhl nach dem Entwurf des Magdeburger Künstlers Stefan Wewerka. Bildrechte: Gabriele Brusche

Wewerka denkt quer. Er sucht, zu verändern. Er zersägt Dinge und setzt sie neu zusammen. Er kreiert einen Küchenbaum für eine Kleinstwohneinheit – das ist ein Metallpfeiler, an dem mehrere Ebenen angebracht sind: Ganz unten eine zum Kochen, darüber eine zum Schneiden, darüber ein Gemüsekorb, darüber Halterungen für Tassen und Töpfe. Wewerka lässt sich fotografieren, während er aufrecht zu Boden fällt. Dabei ging es dem 2013 Verstorbenen nicht nur um eine witzige Attitüde – und witzig sind seine Auftritte und Arbeiten oft –, sondern es ging ihm um eine veränderte Wahrnehmung, sagt Eisold:

"Es gibt da diesen wunderbaren Text, den er 1962 in Paris geschrieben hat und der auch das Entree der Ausstellung bildet, wo er darüber sinniert, dass man die Erdkugel zerschneiden müsste und anders wieder  zusammenbauen sollte. In London ist es dann plötzlich ganz heiß und in Afrika ist kalt. Das gewinnt heute ja eine ganz merkwürdige Aktualität."

Extravagante Tische und ein schräger Koffer

Wewerka setzt sein Umfeld bewusst in Schieflage, konstruiert im wahrsten Wortsinn eine schräge Welt: Er fertigt einen Koffer, nicht rechteckig, sondern als Parallelogramm, er näht ein Mini-Nachthemd für den jungen Karl Valentin oder ein Sakko mit einer Tasche so groß, dass eine Zeitung hineinpasst, oder er designt einen extravaganten Tisch: "Der Tisch ist in Form eines Fächers, der die übliche Position des Gegenübersitzens auflöst und verändert. Und man nannte ihn von politischer Seite auch einen demokratischen Tisch."

Verschiedene Werke von Stefan Wewerka in einer Ausstellung.
Blick in die Ausstellung "Stefan Wewerka: Dekonstruktion der Moderne" im Forum Gestaltung in Magdeburg. Bildrechte: Gabriele Brusche

Diese Art die Welt zu sehen die Welt zu reflektieren, [...] dieses Kritische in der Haltung tut Magdeburg ganz gut, glaube ich.

Norbert Pohlmann, Geschäftsführer des Wewerka-Archivs

Der Fächertisch und auch sein dreibeiniger Stuhl werden bis heute bei der Möbelmanufaktur Tecta produziert, und sein 1980 für Tecta entworfener Pavillon, wurde auf der "Documenta 8" gezeigt. Mit anderen Worten: Wewerka war und ist bis heute ein bedeutender Name in der Kunst, nur in seiner Geburtsstadt Magdeburg hat sich das noch nicht herumgesprochen, sagt Norbert Pohlmann, Geschäftsführer des Wewerka-Archivs in Magdeburg. "Stefan Wewerka als international renommierter und anerkannter Künstler ist im Osten, genau wie die gesamte  westeuropäische Kunst, weniger rezipiert worden und auch staatlicherseits nicht gezeigt worden. Und dieser große Sohn der Stadt – ich sage es so pathetisch – hat es nicht nur verdient, sondern es ist eine Notwendigkeit ihn zu rezipieren." So hat Pohlmann dafür gesorgt, dass es seit 2014 ein Wewerka-Archiv in Magdeburg gibt. Vielleicht, hofft er, wird sich so der eigenwillige Geist des Künstlers verbreiten.

Verschiedene Werke von Stefan Wewerka in einer Ausstellung.
Werk von Stefan Wewerka. Bildrechte: Gabriele Brusche

"Diese Art die Welt zu sehen die Welt zu reflektieren, die Art sich Welt anzueignen, auch mit dem spöttischen, mit dem grotesken, mit dem satirischen Blick, der aber nie destruktiv ist, sondern immer wieder aufklärerisch und mit großer Lust, die Dinge hintergründig, aber beim Namen zu nennen. Dieses Kritische in der Haltung tut Magdeburg ganz gut, glaube ich."

Die Ausstellung So zeigt sich die Schau wie eine allgemeine Verunsicherung, bei der man sich auch mal bücken muss, um die Welt wieder aus der Schieflage zu bringen – das ist witzig, bissig und einfach großartig.

Angaben zur Ausstellung: Stefan Wewerka: Dekonstruktion der Moderne
29. März - 14. Juli 2019

Adresse:
Forum Gestaltung Magdeburg
Brandenburger Str. 10
39104 Magdeburg

Öffnungszeiten:
Ausstellungen: Mittwoch bis Sonntag, 14 bis 18 Uhr
Für Interessierte und Gruppen sind auch außerhalb dieser Zeiten Besuche vereinbar.

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 28. März 2019 | 06:15 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 28. März 2019, 08:24 Uhr

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