Ausstellung Tilo Schulz zeigt Kunst als Essay – Versuche über den Moment

Tilo Schulz gehört hierzulande zu den interessantesten Konzeptkünstlern. Das mag vielleicht auch daher rühren, dass er nicht an einer Kunsthochschule studiert hat und sich so einen ganz eigenen Weg suchen musste. Der 1972 in Leipzig geborene Autodidakt ist seit Anfang der 1990er Jahre mit internationalen Ausstellungen vertreten, ob bei der Manifesta in Luxemburg oder anlässlich der Biennale in Venedig. Daneben hat sich Tilo Schulz aber auch als Kurator profiliert – sein Gespür für Inszenierungen beweist er auch nun wieder bei seiner aktuellen Schau in der Leipziger Galerie Jochen Hempel.

Ausstellung Tilo Schulz
Blick in die Ausstellung Bildrechte: Galerie Jochen Hempel/Björn Siebert

Fragen nach dem Moment

Ausstellung Tilo Schulz
Papierfaltung von Tilo Schulz Bildrechte: Galerie Jochen Hempel

Der Titel der Ausstellung lässt aufhorchen. Tilo Schulz nennt seine Schau "Ein räumliches Essay über den Moment". Doch was verbirgt sich hinter dieser Überschrift? Es sei ein unfertiges Essay, was sich aus verschiedenen Blickwinkeln um die Frage des Moments bewege. Die verschiedenen Elemente der Ausstellung – Installation, Papierfaltungen, Malerei – bewegen sich alle einzeln um die Frage "Was ist der Moment? Ist es der Moment davor oder danach? Passiert gerade was? Oder ist es ein Moment, der außerhalb des Geschehens steht?", so der Künstler.

Den Schaffensprozess integrieren

Die Reflexion über den Moment – diesem Thema nähert sich Tilo Schulz zunächst mit dem Medium der Malerei. Man sieht  Holztafeln mit farbigen Rechtecken – doch die geometrische Ordnung – sie wird gestört durch die Spuren des Malprozesses. Auf den Holztafeln, die farbige Flächen tragen, gebe es noch einen leeren Raum, auf dem der Entstehungsprozess in das Werk integriert werde.

Ausstellung Tilo Schulz
Blick in die Ausstellung "Ein räumliches Essay über den Moment" von Tilo Schulz Bildrechte: Galerie Jochen Hempel

Und dann gibt es Beschmierungen, Farbränder, wo sozusagen der Prozess, wie ein Bild eigentlich entsteht, mitreingeholt wird. Das Abschmieren von Farbe vom Pinsel, das Suchen nach einer bestimmten Farbe, wo man Farben mischt oder ausprobiert.

Tilo Schulz, Künstler

Die verschiedenen Phasen des Malprozesses sind so gleichsam festgehalten. Doch das Bild bleibt unvollendet. Und so enthält es die Spuren der Vergangenheit, aber auch die Möglichkeiten der Zukunft. Auch bei seinen Papierarbeiten kreist Tilo Schulz um diesen Zustand des Dazwischen-Seins. Dabei hat er weiße Papiere gefaltet und zusammengenäht. Und das ergibt höchst ästhetische Papierobjekte, die ebenfalls die Spuren des Arbeitsprozesses zeigen – von der Faltung bis zur anschließenden Entfaltung.

Der Moment, in dem es nicht passiert

Ausstellung Tilo Schulz
Schwarze, stinkende Gummibahnen hat Tilo Schulz ausgerollt. Bildrechte: Galerie Jochen Hempel/Björn Siebert

Und darum geht es auch bei einer Installation mit riesigen schwarzen Bahnen aus Gummi. Diese seien an die Wand geschraubt, rollen die Wand herunter und rollen in den Raum hinein. Und dann gebe es aber auch dieselben Rollen zusammengerollt. Diese beiden Zustände des Entrollens und des Zusammengerollten verdeutlichen das Dazwischen, diese beiden Zustände, zwischen denen man sich als Publikum bewege, so Schulz. Die bühnenhafte Situation, welche dadurch erzeugt werde, lässt den Betrachter und die Betrachterin sich fragen "Hat hier etwas stattgefunden oder wird hier etwas stattfinden?".

Aber es ist definitiv der Moment, in dem etwas nicht passiert.

Tilo Schulz, Künstler
Ausstellung Tilo Schulz
Blick in die Ausstellung Bildrechte: Galerie Jochen Hempel

Kein Zweifel – es sind höchst komplexe Fragen, die Tilo Schulz hier aufwirft. Die Ästhetik mag auf den ersten Blick sehr spröde sein, doch auf den zweiten Blick entfalten die reduzierten Arbeiten eine ganz eigene Sinnlichkeit. Wie z.B. der Geruch der Gummibahnen, der einfach nicht zu ignorieren ist. Und dieser Eindruck wird auch noch verstärkt durch kurze literarische Texte an der Wand – wie z.B. das rätselhafte Fragment mit den Worten "Laut hallt in schwarzen Gestank." Für den Künstler sei das etwas ganz Konkretes, was im Raum passiert. Er verbindet die Geräuschkulisse des Raumes mit dem Geruch seiner Materialien.

...nämlich dass diese Gummimatten, die als bühnenartige Versatzstücke sich den Raum hier erobern, stinken natürlich unendlich. Und ein Laut der hallt, [...] entwickelt sich aber eben hier in einem Raum, der auch erfüllt ist von diesem Gummigestank.

Tilo Schulz, Künstler

Zwischenraum als Erfahrung

Die gesamte Installation aus Malerei, Text und Skulptur möchte einen Erzählraum schaffen, um über die verschiedenen Momente des Lebens und der Kunst nachzudenken. Es geht um den Augenblick und die Zwischenräume, wie sie Tilo Schulz auch in seinem eigenen Leben erfahren hat – und zwar in den wilden Zeiten der friedlichen Revolution und den Monaten danach. Mit dem Wegfall der DDR und den damit einhergehenden Veränderungsprozessen, brach die familiäre Situation von Tilo Schulz. Die DDR und das moralische Gerüst, in dem er aufgewachsen war, fielen weg und es kam ein ganz neues Gesellschaftssystem.

Und es gab aber diesen Moment, in dem viel möglich war, in dem viel diskutiert wurde. Das waren nur ein paar Monate 89/90, aber es gab eben diesen Moment.

Tilo Schulz, Künstler

Der dramatische Moment der Weltgeschichte und die Augenblicke der Kunst – das alles schwingt in der aktuellen Schau von Tilo Schulz mit.

Mehr Informationen Die Ausstellung "Ein räumliches Essay über den Moment" von Tilo Schulz ist vom 7. November bis 18. Dezember 2020 in der Galerie Jochen Hempel zu sehen.

Galerie Jochen Hempel
Spinnereistraße 7 | Halle 4
04179 Leipzig

Öffnungszeiten
Do und Fr: 11-17 Uhr
Sa 11-16 Uhr

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 14. November 2020 | 08:15 Uhr