Ausstellung "50 Jahre Freund und Kupferstecher" Hallescher Kunstverein zeigt Kupferstiche von Wolfgang Böttcher

Heute ist die handwerkliche Tradition des Kupferstichs fast völlig erloschen. Es ist eine schwierige und daher seltene Technik. Besonders in Leipzig und Umgebung lassen sich aber immer wieder Kunstschaffende dieser Technik finden, was fast immer mit ihrer Ausbildung an der Leipziger Hochschule für Grafik und Buchkunst zu tun hat. Zu ihnen gehört auch der Künstler Wolfgang Böttcher, Jahrgang 1948, der die Kunst des Kupferstechens bereits seit 50 Jahren praktiziert. So heißt jetzt auch seine neue Ausstellung in der Oper Halle "50 Jahre Freund und Kupferstecher".

Ausstellung Wolfgang Böttcher
Menhire am Canal Grande, Kupferstich von Wolfgang Böttcher Bildrechte: Jürgen Domes
Ausstellung Wolfgang Böttcher 5 min
Bildrechte: Jürgen Domes

Wolfgang Böttcher praktiziert seit 50 Jahren das anspruchsvolle Handwerk des Kupferstichs. Ulrike Thielmann hat den Künstler in seinem Atelier besucht.

MDR KULTUR - Das Radio Di 13.10.2020 12:00Uhr 04:48 min

Rechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Ausstellung Wolfgang Böttcher 5 min
Bildrechte: Jürgen Domes

Wolfgang Böttcher praktiziert seit 50 Jahren das anspruchsvolle Handwerk des Kupferstichs. Ulrike Thielmann hat den Künstler in seinem Atelier besucht.

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Die berühmten rot-weiß gestreiften Pflöcke am Canal Grande in Venedig zeigen bei Wolfgang Böttcher ihr wahres Wesen, sie sind Menhire: Monumente aus grauer Vorzeit, die von Menschen absichtsvoll, in bestimmten Weisen, positioniert wurden. Noch heute werden Plätzen mit solchen Steinen magische Kräfte zugeschrieben, was beim Canal Grande unbestritten ist. Böttchers venezianische Menhire führen gar ein menschliches Eigenleben, mit von ihm prächtig in Kupfer gestochenen Turbanen und Halskrausen beim Carneval, mutieren so zu Verkündern ewiger Wahrheiten in Venedig. Die Neigung des Leipziger Kupferstechers zu seinem Sehnsuchtsland Italien ist nicht zu übersehen, in der Oper in Halle, in jenen Blättern, die die Ausstellung mit Böttchers Werken vorstellt.

Das ist die Verfremdung des Eigenen. Und wenn man zurückkommt, sieht man die eigene Umgebung mit neuen Augen. Es hat eigentlich immer die Lebendigkeit der eigenen Heimat erhalten, ohne dass man in Jammertöne verfällt, ohne dass man politische Dinger überwichtig nimmt. Es hat zu einer Kontinuität geführt, die aber nur durch die Verfremdung, durch Reisen, möglich war.

Wolfgang Böttcher, Kupferstecher

Inspiration durch das Reisen

Jährlich zieht es Wolfgang Böttcher, 1948 in Leipzig geboren, mit seiner Frau, der Künstlerin Brigida Böttcher, über die Alpen. Gut 30 Italienreisen haben sie seit ‘89 absolviert – und diese immer in Kunst übersetzt. In Künstlerbücher als auch in Kupferstiche mit Titeln wie "Laboratorio di Cartapestra" oder "Medusa von Ghibellina".

Der Kupferstich ist eine alte Kunst, mit alten Meistern: Dürer und Raimondi, Caraglio und Matthäus Merian. Allesamt lebten sie in der Renaissance, da ist das Studium im Mutterland an Originalschauorten zwingend. In jener Zeit ließ sich in der Druckgrafik auch der sogenannte Manierismus finden, übersteigerte, malerische Gesten, denen Böttchers Lehrer Werner Tübke an der Leipziger Kunsthochschule zu neuem Ansehen verhalf.

Böttcher assistierte Tübke von 1982 bis 1984 auch bei der freihändig gezeichneten Übertragung seines Monumentalgemäldes in Bad Frankenhausen. "Man wurde 'vergattert', auf Deutsch gesagt, als Nationalmannschaft. Das betraf die Übertragung der 1:10-Fassung auf die große Leinwand und Vorarbeiten auf großen Leinwänden, wo viele nach der Wende abhandengekommen sind und keiner weiß, wohin."

Langsamkeit und Präzision sind essenziell

Ausstellung Wolfgang Böttcher
Wolfgang Böttcher, Kupferstecher Bildrechte: Jürgen Domes

Seit seiner Studienzeit, von 1966 bis 1971 an der Hochschule für Grafik und Buchkunst in Leipzig, beschäftigt sich Böttcher mit dem Kupferstich, der zeitaufwändigsten Technik überhaupt, die noch dazu hohe Ansprüche an das handwerkliche Können stellt. Böttcher bezieht sich in seinem Werk auf die Alten Meister seiner Zunft, aber auch auf moderne Kunstpositionen. "Die neue Entdeckung ist das Wesentlichste. Und die neue Methode ist das Handwerk. Und ohne diese Duplizität ist das eigentlich nichts wert."

Ausstellung Wolfgang Böttcher
Sizilianische Anprobe, Kupferstich von Wolfgang Böttcher Bildrechte: Jürgen Domes

Anders als bei der Radierung werden beim Kupferstich die Flächen nicht geätzt, alle Hell-Dunkel-Strukturen müssen als Schraffuren einzeln in die Metallplatte geritzt werden. Jeder Strich muss sitzen. Die so erzwungene Langsamkeit und Präzision, die die alte Drucktechnik abverlangt, ist wohl einer der Gründe dafür, dass sie heute kaum noch ausgeübt wird.

Man fängt eigentlich blind an zu stechen und entwickelt das Thema auf der Fläche. Also man zeichnet nicht darauf, sondern man hat die Zeichnung ganz grob im Kopf, welche sich allerdings entwickelt. Es ist nicht so, dass man sie perfekt abrufbar hat, sondern die Langsamkeit der Technik ermöglicht es, dass man sich Stück für Stück vortastet.

Wolfgang Böttcher, Kupferstecher

Wolfgang Böttcher, der nicht nur in Kupfer sticht, sondern auch in Eisen, der auch radiert und malt, begreift das Kupferstechen als Antithese zu schnell realisierter Kunst. Davon kündet auch sein Anwesen, der "Kunsthof Muschwitz", bei Lützen gelegen, rund 30 Kilometer von Leipzig entfernt. Eine Glasvitrine im Atelier zeigt, welchen Apparaturen Böttchers Leidenschaft gilt: einem wahren Fundus an Grabsticheln, traditionsreichen Gerätschaften des Kupferstichs mit schön geformten Stichelheften aus edlen Hölzern, teils alte Werkzeuge – vorher gebraucht von anderen Kupferstechern, auch aus Leipzig, von Meistern wie Werner Tübke oder Karl Krug, die Wolfgang Böttcher so bei der Arbeit beflügeln.

Bilder in der Ausstellung von Wolfgang Böttcher
Ausstellungseröffnung "50 Jahre Freund und Kupferstecher" in der Oper Halle Bildrechte: Jürgen Domes

Mehr Informationen Die Ausstellung "50 Jahre Freund und Kupferstecher" läuft zunächst bis zum 04. November 2020. Danach öffnet sie erneut vom 08. Dezember 2020 bis zum 31. Januar 2021.

Oper Halle
Kunstvereinsgalerie
Universitätsring 24
06108 Halle

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 13. Oktober 2020 | 12:10 Uhr