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Eine historische Aufnahme des farbintensiven Wandbildes am Rathaus in Plauen. Bildrechte: Friedrich Kracht/Karin Kracht

DDR-Baukunst

Plauen saniert umstrittene DDR-Kunst von Karl-Heinz Adler und Friedrich Kracht

von Ulrike Thielmann, MDR KULTUR-Kunstkritikerin

Stand: 01. August 2021, 04:00 Uhr

Ohne das Engagement der Wüstenrot-Stiftung aus Ludwigsburg wäre das Wandbild am Plauener Rathaus beinahe zerstört worden. Erschaffen wurde es 1975/76 von den bedeutenden Malern Karl-Heinz Adler (1927-2018) und Friedrich Kracht (1925-2007). Nun sind die Sanierungen des Werks in vollem Gange. Besonders Adlers Relevanz für die internationale Kunstgeschichte wird dieser Tage in zahlreichen Ausstellungen wiederentdeckt. Trotzdem hält sich eine Frage: Wie viel Ideologie steckt in DDR-Baukunst?

Wer dieser Tage den ostmodernen Nord-West-Flügel des sonst historistischen Plauener Rathauses passiert, kann es nicht sehen: Das 250 Quadratmeter große Wandbild von Karl-Heinz Adler und Friedrich Kracht befindet sich unter Bauplanen. Unter diesen verbergen sich rund um den Rathauseingang fantasievoll gestaltete Pfeile und andere geometrische Formen, die sich in Serie überlagern. Die sich überschreibenden Umrisse verleihen dem Bild etwas Sphärisches, gar eine räumliche Dimension.

In Bevölkerung als "Geisterbahn" bekannt

Das farbenfrohe Wandbild hat von der Plauener Bevölkerung den Spitznamen "Geisterbahn" erhalten, "weil der Eingang sehr bunt wirkte und man in einer unglücklichen Entscheidung, in die Mitte ein Pförtnerhäuschen gesetzt hat. Das hat immer sehr an eine Geisterbahn erinnert, in der man seine 20 Pfennige gezahlt hat", erinnert sich Steffen Zenner, gebürtiger Plauener, dieser Tage frisch gewählter Oberbürgermeister, viele Jahre für die CDU im Stadtrat und Kulturbürgermeister.

Karl-Heinz Adlers und Friedrich Krachts Wandbild folgt keiner ideologischen Motivation. Gerade dies beklagten einst die DDR-Funktionäre. Neben Horst Bartnig gehören Adler und Kracht zu den wenigen bildenden Künstlern, die in der DDR sogenannte Konkrete Kunst gemacht haben, also nicht gegenständliche, sondern solche, die im Idealfall auf mathematisch-geometrischen Grundlagen beruht.

DDR-Wandbild am Plauener Rathaus

Fantasievoll gestaltete Pfeile und andere geometrische Formen, die sich in Serie überlagern, bestimmen das Wandbild. Bildrechte: Friedrich Kracht/Karin Kracht
Die Urheber Karl-Heinz Adlers und Friedrich Kracht gehörten zu den wenigen bildenden Künstlern, die in der DDR sogenannte Konkrete Kunst gemacht haben. Bildrechte: Friedrich Kracht/Karin Kracht
Konkrete Kunst ist nicht gegenständliche Kunst, sondern solche, die im Idealfall auf mathematisch-geometrischen Grundlagen beruht. Bildrechte: Friedrich Kracht/Karin Kracht
Ab 1976 war das Kunstwerk ohne ideologischen Hintergedanken zwischen acht und elf Jahren sichtbar, dann ließ die sozialistische Verwaltung es hinter Sandsteinplatten verschwinden.  Bildrechte: Friedrich Kracht/Karin Kracht
Nun wird es wieder freigelegt. In zwei Jahren soll das Wandbild fertig restauriert und dann wieder zu bewundern sein. Bildrechte: Friedrich Kracht/Karin Kracht

Künstler entwickelten innovative Technologie für ihr Bild

Dennoch schätzte man in der DDR Adler und Kracht. Weniger für ihre nicht-sozialistische Kunst, aber für ihre Forschung bei Baustoffen. So entwickelten die beiden für das Plauener Wandbild eine spezielle Keramikgranulat-Technik, die die DDR-Bauindustrie gern einsetzte. Kostengünstig ließen sich damit etwa fensterlose Giebel an Plattenbauten gestalten. Dafür hätten Adler und Kracht sogar ein Patent innegehabt, erzählt Steffen Zenner, der inzwischen auch Experte für das Wandbild seines Rathauses ist: "Die Technologie beinhaltete ein Granulat, ein Quarz-Sand-Gemenge, welches mit Kali-Wasser gemischt und bei 1.100 Grad gebrannt wurde."

Der Maler Karl-Heinz Adler Bildrechte: imago/Christian Thiel

Wer solche Erfindungen machte, den beauftragte die DDR auch mal mit Kunst am Bau, selbst wenn das Ergebnis dann abstrakt-konstruktivistisch ausfiel. In Plauen musste sich Adler und Krachts Wandbild ab 1976 dann in der Praxis bewähren – und fiel durch. Ob den damals sozialistischen Stadtoberen der Volksmund "Geisterbahn" nicht passte – niemand will es mehr so genau wissen, nicht einmal die Dauer, in der das Wandbild öffentlich sichtbar war. Die Angaben schwanken zwischen acht und elf Jahren, dann ließ die sozialistische Verwaltung das Corpus Delicti hinter Sandsteinplatten verschwinden. Inzwischen haben sich die Zeiten geändert. Vor allem Karl-Heinz Adlers Gemälde und seine Collagen gehören zur international beachteten Kunst.

Geplanter Teilabriss konnte verhindert werden

Am Plauener Rathaus steht seit geraumer Zeit jedoch die Neustrukturierung des Nord-West-Flügels an. Adlers Wandbild wollte man da schon wieder verhindern: Teils aus Unkenntnis der Sachlage, dass nicht alle DDR-Wandbilder ideologische Inhalte haben. Teils, weil man von einem Wiederaufbau des historistischen Rathauses in jener, von der DDR geschlossenen Bombenlücke träumte, wie auch CDU-Mann Zenner. Doch da dieser Wiederaufbau zu teuer geworden wäre, sollte stattdessen ein postmoderner Bau mit viel Glas und Licht her. Das gut erhaltene Wandbild hätte dafür teilzerstört werden müssen, was den Denkmalschutz und die stetig wachsende Fangemeinde von DDR-Wandbildern auf den Plan rief.

Man muss nicht alles abreißen, was in der DDR an Kunst geschaffen wurde.

Steffen Zenner, Oberbürgermeister der Stadt Plauen

Hitzige Debatten im Stadtrat folgten, die Steffen Zenner als Kulturbügermeister miterlebte. Mit 21 zu 14 Stimmen entschied man sich schließlich für die Wiederherstellung des Wandbildes. "Natürlich bin ich sehr froh über das Wandbild. Das ist ein ehrliches Kind seiner Zeit. Und man muss, das ist wichtig, nicht alles abreißen, was in der DDR an Kunst geschaffen wurde, sondern man muss auch Kunst erhalten und in die Zukunft tragen. Und deshalb bin ich sehr froh, dieses Wandbild von Adler und Kracht zu erhalten."

Heute freut sich Zenner, dass die Stadt Plauen vom internationalen Ruf Karl-Heinz Adlers partizipieren kann. Spätestens in zwei Jahren soll das Wandbild fertig restauriert sein. Dann können es auch Touristen bewundern. Und der Kommunalpolitiker räumt ein: Wenn die Wüstenrot-Stiftung nicht die Kosten der Sanierung in Höhe von rund einer halben Million Euro übernommen hätte, dann wäre es für Plauen schwierig geworden, das Wandbild instand zu setzen.

Dieses Thema im Programm:MDR KULTUR - Das Radio | Spezial "Die Kunst am Bau der DDR wird neu entdeckt" | 30. Juli 2021 | 18:50 Uhr