Podcast "Akte: Raubkunst?" Dürfen die Nofretete oder die Benin-Bronzen überhaupt in deutschen Museen sein?

Die sechsteiligen Podcastreihe "Akte: Raubkunst?" von ARD Kultur geht den Herkunftsgeschichten von Objekten in deutschen Museen nach. Dürfen asiatische oder afrikanische Kunstwerke und andere Relikte überhaupt dort sein, wenn sie beispielsweise im kolonialen Kontext aus den Herkunftsländern entwendet wurden? Oder sind damals getroffene Überlassungsvereinbarungen heute noch gültig? MDR KULTUR hat mit der Produzentin und Redaktuerin des Podcasts, Eva Morlang, über das spannende und hochaktuelle Projekt gesprochen.

Eine Fotocollage mit einer Frau, einer Landkarte und einem vermutlich afrikanischen Kulturgut
Die sechsteilige Storytelling-Podcastreihe Akte: Raubkunst? geht den Geschichten von Objekten in deutschen Museen nach. Bildrechte: ARD Kultur

MDR KULTUR: Warum ist Ihnen das Thema so wichtig?

Eva Morlang: Das Thema lag für uns eigentlich ein bisschen auf der Hand. In den Jahren haben wir ja zunehmend Debatten über Rassismus und über kulturelle Aneignung geführt. Auch im Kulturbereich sind die Debatten irgendwie immer präsenter geworden. Und wir fanden es dann eigentlich nur einen konsequenten Schritt, auch drauf zu schauen, was denn hier in den Museen steht. Und natürlich tun das die Museen inzwischen auch schon selber, hinterfragen ihre Bestände und tragen das Thema gewissermaßen nach außen. Sie würden das aber nicht tun, wenn es nicht auch schon lange Druck aus der Gesellschaft gäbe, von Organisationen, Initiativen, von Aktivistinnen.

Und wir fanden das Thema eigentlich sehr präsent und haben uns dann entschieden, ganz konkrete Geschichten zu erzählen von ganz konkreten Objekten, die jeweils symbolisch stehen für Kolonialgeschichte, mit der wir uns in Deutschland – finde ich, ehrlich gesagt – noch nicht besonders viel auseinandersetzen.

Und das sind jetzt ganz konkrete Fälle, die im ersten Moment einfach sehr spannende Geschichten sind. Wo man aber auch nebenbei wirklich viel über die Kolonialgeschichte erfährt, was, glaube ich, die meisten Menschen hier noch nicht so auf dem Schirm haben.

Erzählt wird von sechs Objekten, die mehr oder weniger bekannt sind. Wie beispielsweise die Nofretete, die natürlich ein museales Highlight in Berlin ist. Ist das für alle Podcast-Folgen die Ausgangsfrage: Ob dieses Objekt da zu Unrecht steht?

Im Podcast-Titel "Raubkunst: Fragezeichen?" haben wir ja auch ein Fragezeichen. Das ist auch immer so ein bisschen die Leitfrage jeder Folge. Und die wird auch immer unterschiedlich beantwortet.

In manchen Folgen ist es ganz klar Raubkunst, in manchen Folgen stellt sich raus, es gibt noch zu wenig Belege. Es gibt Thesen, die für das eine und Thesen, die für das andere sprechen. Teilweise ist es zum Beispiel so, bei einem Objekt aus Papua-Neuguinea, dass es sich um ein Tauschgeschäft handelt. Wo man aber abschließend sagen muss: war das ein Tausch auf Augenhöhe, wenn die einen bewaffnet sind und die anderen nicht? Solche Problematiken und auch die Grauzonen haben wir da viel im Podcast.

Ein Mann mit Gesichtsmaske geht im Neuen Museum an der Büste der Nofretete vorbei.
Die Nofrete ist ein Besuchermagnet und auch ein Wirtschaftsfaktor, es gibt zahlreiche Souveniers des Kunstwerkes, Bildrechte: dpa

Und bei der Nofretete geht es nicht darum, ob sie geraubt wurde. Aber wie die Verhältnisse waren, als die Funde nach der Ausgrabung aufgeteilt wurden. War das gerecht, dass es der deutschen Seite zugeteilt wurde oder nicht? Und wieviel hatten zu der Zeit in der Kolonialzeit überhaupt die Ägypterin und Ägypter selbst mitzureden bei solchen Entscheidungen.

Und da kommen wir dann oft auch zu moralischen Fragen, natürlich. Wie man sich heute zu so etwas positioniert, was vielleicht damals legal oder damals auch üblich war? Aber es ist die Frage, ob wir es dann heute immer noch als gut und gerecht bezeichnen.

Im Trailer hat die Journalistin und Präsentatorin des Podcasts, Helen Fares, davon erzählt, dass sie als Schülerin in Leipzig mit ihrer Klasse im Ägyptischen Museum war und das mulmige Gefühl nicht los wurde, dass die Mumie doch eigentlich eher nach Ägypten gehört. Das scheint sie seither nicht mehr loszulassen, sie erzählt davon in diesem Podcast. Erzählen Sie mir bitte ein bisschen was über diesen erzählerischen Zugang der sechs Teile von "Akte: Raubkunst?"

Wir erzählen das im Prinzip als spannende Kriminalgeschichten. Wir wollten es nicht True-Crime-Podcast nennen, weil das doch schon mit ziemlich vielen Assoziationen besetzt ist, die bei uns vielleicht nicht ganz passen. Aber es sind spannende, packende Geschichten, wo es auch viel um Verbrechen geht.

Aber es ist ganz wichtig, dass wir diesen persönlichen Zugang von Helen Fares haben, die eben sehr authentisch aus ihrer eigenen Perspektive erzählt und kommentiert. Und eben auch wirklich immer sagt "Ich habe da ein schlechtes Bauchgefühl" oder "Das kommt mir ungerecht vor" oder auch einordnet, wie sie Gesprächspartnerinnen und Gesprächspartner im Umgang erlebt hat.

In einer Ausstellung von Kunstwerken aus dem früheren Königreich Benin sind Skulpturen, Elefantenstoßzähne und Wandplatten zu einem Altar auf einer Lehmplattform zusammengestellt.
Während die Kunstwerke aus dem ehemaligen Benin vor einigen Jahren noch ausgestellt wurden, wird heute über die Rückgabe gesprochen. Bildrechte: dpa

Im Grassi-Museum, soviel kann ich vielleicht vorwegnehmen, hat sie sich dann tatsächlich ziemlich wohlgefühlt und fand den Umgang dort mit den Benin-Bronzen in den Beständen sehr respektvoll und – im Vergleich zu vielen anderen Museen in diesem Podcast – kritischer, respektvoller und angemessener. Denn dort hat man sich ja entschieden, die Benin-Bronzen nicht mehr auszustellen. Seit letztem Jahr sind dort die Bronzen nicht ausgestellt, sondern es gibt nur abstrakte Umgänge mit den Benin-Bronzen. Es werden zum Beispiel die Rückgabeforderungen in der Ausstellung thematisiert und man beschäftigt sie also indirekt mit dem Raubgut, anstatt es direkt auszustellen.

Und da ist es dann immer total spannend, auch Helens eigene Einschätzung zu hören. Und ich finde, sie macht das sehr authentisch und auch mit einer sehr hohen Sensibilität, die bei diesem Thema absolut gefragt ist – und die auch ganz wertvoll war in den Gesprächen und den Interviews, die sie mit Leuten aus den Herkunftsländern der Objekte geführt hat. Die natürlich auch sehr viel Wut haben und auch eine Skepsis oder ein Misstrauen gegenüber Deutschland. Und da hat Helen Fares immer einen tollen Weg gefunden, mit denen zu sprechen. Und dabei sind sehr offene Gespräche herausgekommen.

Das Gespräch hat Beatrice Schwartner für MDR KULTUR geführt.

Der Podcast Akte: Raubkunst?

Warum stehen Museen in Deutschland voll mit Kulturschätzen aus Asien und Afrika? Wie sind sie hierhergekommen? In dem Podcast Akte: Raubkunst? erzählt Helen Fares exemplarisch die Geschichte von sechs Objekten – einige davon sind berühmt und umkämpft, andere noch kaum erforscht.

Die Spuren führen in die Kolonialzeit, an Ausgrabungsstätten und in Auktionshäuser. Gesprochen wird mit Menschen, die die Herkunft der Objekte erforschen – und mit Menschen, die ihre Kulturschätze zurückfordern.

Die Folgen:

Folge 1 – Nofretete (Ägyptisches Museum und Papyrussammlung, Berlin) 
Folge 2 – Afghanistan Marmorpaneel (Museum für Kunst und Gewerbe, Hamburg) 
Folge 3 – Benin Bronzen (Grassi Museum für Völkerkunde, Leipzig) 
Folge 4 – Blauer Reiter Pfosten (Museum Fünf Kontinente, München) 
Folge 5 – Ahnenschädel (Übersee Museum, Bremen) 
Folge 6 – Ngonnso Statue (Humboldt Forum, Berlin) 

Sie können den Podcast Akte: Raubkunst? in der ARD Audiothek hören. 

Akte: Raubkunst? ist eine Produktion von Good Point Podcasts im Auftrag von ARD Kultur. Produzentin ist Eva Morlang. Die Musik stammt von Josi Miller. Kristian Costa-Zahn (ARD Kultur) verantwortet das Projekt redaktionell, Produktionsleiter ist Reimar Schmidtke (ARD Kultur).

ARD Kultur ist das innovative, gemeinschaftliche Kulturangebot der ARD.

Redaktionelle Bearbeitung: op