"Prinzessin Amalia Augusta von Anhalt-Dessau vor einem Weihnachtsbaum" Dessau: Anhaltische Galerie bekommt Tischbein-Gemälde zurück

Die Anhaltische Gemäldegalerie in Dessau ist um ein Bild reicher, es heißt: "Prinzessin Amalia Augusta von Anhalt-Dessau vor einem Weihnachtsbaum". Johann Friedrich August Tischbein malte es 1797. Bisher befand es sich in Privatbesitz, mit vielen Unterstützern kehrt es nun nach Dessau zurück. Ruben Rebmann, Direktor der Anhaltischen Galerie, erzählt, warum das Bild für Dessau so bedeutsam ist.

Galerie-Direktor Ruben Rebmann im Gespräch mit Stefan Maelck

Prinzessin Amalia Augusta von Anhalt-Dessau vor einem Weihnachtsbaum, 1797, Johann Friedrich August Tischbein 6 min
Bildrechte: Anhaltische Gemäldegalerie Dessau

MDR KULTUR: Dieses Gemälde kehrt aus Privatbesitz zurück nach Dessau mit Unterstützung des Landes Sachsen-Anhalt, der Kulturstiftung der Länder, der ostdeutschen Sparkassenstiftung und der Ernst von Siemens-Kunststiftung. Ganz schön viele Geldgeber?

Ruben Rebmann: Die Unterstützung von vielen Seiten zeigt natürlich auch den Wert dieser Neuerwerbung an. Wir bewegen uns da auf einer höheren sechsstelligen Summe.

Wieso gehört das Bild nach Dessau?

Es kommt nach Dessau zurück, weil es auch in Dessau entstanden ist. Es zeigt ein genuin Dessauer Thema: die Darstellung einer Prinzessin aus dem Anhaltischen Fürstenhaus vor einem Weihnachtsbaum, also wirklich Weihnachten 1796 im Dessauer Schloss.

Warum passt dieses Gemälde so gut in Ihre Sammlung?

Die Anhaltische Gemäldegalerie hat eine ganz spezielle Beziehung zu Johann Friedrich August Tischbein, weil wir schon seit Beginn unserer Sammlung einen größeren Bestand von Werken dieses Malers haben. Er war eine Zeit lang Hofmaler in Dessau, ist vom Fürsten Franz nach Dessau geholt worden und hat hier einige seiner wichtigsten Werke erschaffen. Die Anhaltische Gemäldegalerie besitzt neben Museen in Kassel und Leipzig den größten Bestand überhaupt an Werken dieses Malers. Deshalb sind wir froh, diesen schon sehr ansehnlichen Bestand so prominent auch erweitern konnten und so den Besuchern und Dessauern einen kleinen Einblick in die Vergangenheit geben können.

Wie groß ist dieses Bild?

Das Bild ist über einen Meter hoch. Das kleine Mädchen ist also in Lebensgröße dargestellt. Das ist nicht ungewöhnlich für den Maler Tischbein, er hat uns mehrere große Formate hinterlassen.

Was sagt das Gemälde kulturhistorisch aus?

Prinzessin Amalia Augusta von Anhalt-Dessau vor einem Weihnachtsbaum, 1797, Johann Friedrich August Tischbein
Prinzessin Amalia Augusta von Anhalt-Dessau vor einem Weihnachtsbaum
Gemälde von Johann Friedrich August Tischbein
Bildrechte: Anhaltische Gemäldegalerie Dessau

Auf den ersten Blick erscheint uns das Bild vertrauter, als man denkt: Weil ein kleines Mädchen voller Freude auf einen Weihnachtsbaum zuläuft. Und das ist auch das Ungewöhnliche in der Zeit, in der es entstanden ist, dass dieser Brauch des Weihnachtsbaums relativ neu war, aber noch bei weitem nicht so verbreitet war, wie das heute der Fall ist, also durchaus noch eine regionale Spezialität. Und dieses Mädchen hat einen Teil des Baumschmucks in der Hand. Es ist für den heutigen Betrachter erstmal ungewöhnlich, wie sich dieses Mädchen über den Baumschmuck freut und nicht über die Geschenke, die unter dem Baum aufgereiht sind. Es hat nämlich eine kleine Zuckerpuppe in der Hand, die damals durchaus als Weihnachtsschmuck benutzt wurde. Diesen Begriff "Zuckerpuppe", den kennen wir heute eher aus einem Schlager der 60er-Jahre.

Von außen strahlt sie schon wieder, doch die Anhaltische Galerie ist noch wegen Sanierung geschlossen. Wann wird man das neue Gemälde sehen können?

Mann öffnet historsichen verzierten Altar, der an einer Wand hängt.
Ruben Rebmann im Dessauer Schloss Georgium Bildrechte: MDR/Susanne Reh

Jetzt, wo wir diese Ankündigung machen, wäre es auch schön, dass dieses Bild auch der Öffentlichkeit zugänglich gemacht wird. Wo und wann das stattfindet, ist noch nicht entschieden. Unberührt davon ist die Eröffnung der Gesamtsammlung. Das Schloss ist bereits zu besichtigen, es war schon wieder für Konzerte und Vorträge geöffnet. Aber momentan ist die Klimatisierung noch nicht in der Form abgeschlossen, dass wir ohne Risiko unsere Sammlung und Dauerausstellung zeigen können.

Außenansicht Anhaltische Gemäldegalerie.
Die frisch sanierte Außenansicht der Anhaltischen Gemäldegalerie Bildrechte: MDR/Susanne Reh

Das Gespräch führte Stefan Maelck für MDR KULTUR.

Weitere Informationen zu dem Gemälde Das lebensgroße Format zeigt die Tochter des Erbprinzen, wie sie nach dem Weihnachtsbaumschmuck greift. Es ist zugleich die früheste Wiedergabe eines geschmückten Weihnachtsbaumes. Amalia Augusta trägt ein weißes Chiffonkleid und ein hellblaues Seidenband, sie sind Ausdruck der neuen Auffassung von Natürlichkeit und Bürgerlichkeit gegen Ende des 18. Jahrhunderts. Auf der Rückseite gibt eine Inschrift bis auf den Tag genau das Lebensalter der dargestellten Amalia Augusta an. Diese beiden Angaben spiegeln das Spannungsverhältnis zwischen fürstlicher Repräsentation und Privatheit wider. Johann Friedrich August Tischbeins Porträt der Amalia Augusta steht für die neue Wertschätzung des Kindes im Sinne von Rousseau auch in der Kunst sowie für eine veränderte Darstellung der Kindheit im Modus der Empfindsamkeit.
Nachdem das Gemälde der Amalia Augusta von Anhalt-Dessau zunächst im Herzoglichen Residenzschloss Dessau aufbewahrt worden war, gelangte es nach 1937 ins Schloss Ballenstedt im Harz. 1945/46 wurde es durch die sogenannte Bodenreform konfisziert und in die Moritzburg Halle/Saale gebracht. 2003 konnte das Porträt an die Erbengemeinschaft von Anhalt restituiert werden. Die Anhaltische Gemäldegalerie erwirbt das Werk nun von einer Münchner Kunsthandlung.

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 10. November 2021 | 16:10 Uhr

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