"Altar der Europa" Leipziger Künstlerin Antoinette kreiert bizarre Bilderwelt in Merseburg

Die Leipziger Künstlerin Antoinette hat in Merseburg ihr Monumentalwerk "Altar der Europa" beendet. Die Bilder erinnern an Hieronymus Bosch und liegen zwischen apokalyptischem Schrecken und Hoffnung auf Zukunft. Inspiriert wurde die ehemalige Meisterschülerin Bernhard Heisigs unter anderem von den Merseburger Zaubersprüchen. Der "Altar" kann nun am Ort seiner Vollendung, dem Merseburger Schlossgartensalon, besichtigt werden.

Eine Künstlerin bei der Arbeit
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Der "Altar der Europa": zwanzig Meter lang und fast sechs Meter hoch. Kleiner ging es nicht. Denn die Leipziger Künstlerin Antoinette hat eine bizarre Bilderwelt über den Zustand Europas erschaffen, die zwischen apokalyptischem Schrecken, Irrsinn und Hoffnung auf Zukunft schwebt.

Die Botschaften der Künstlerin sind so groß wie ihr Werk: "Wir sind weltweit an einem sehr gefährlichen Punkt angekommen, an dem wir uns die Frage stellen, ob wir als Menschheit weiterleben oder ob dieser Planet zugrunde geht? Deswegen war es für mich wichtig, Europa einen Altar zu geben, an dem wir uns alle versammeln können und gemeinsam über diese Fragen nachdenken können", erzählt Antoinette.

Künstlerin ANTOINETTE blickt auf ihr Werk
Zwanzig Meter lang und fast sechs Meter hoch: In den letzten vier Jahren spitzte Antoinette bei der Erschaffung ihres Monumentalwerks mehr als 1500 Stifte an. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Entstanden zwischen Görlitz, Wien und Merseburg

Für das monumentale Werk hat sie in den letzten vier Jahren mehr als 1.500 Stifte angespitzt. Meistens zeichnete sie öffentlich, mal in Görlitz, mal in Wien und in den letzten Monaten nun in Merseburg. Antoinette versucht das Greifbare und Unbegreifliche auf das Papier zu bringen.

Künstlerin ANTOINETTE aus Leipzig in einer Bibliothek
Antoinettes Inspiration basiert auf einem bizarr anmutenden Traum. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Sie lebt in einer Art spirituellen Gemeinschaft mit ihren Figuren: "Ich hatte in der Nacht vorher einen Traum, dass ich auf einer unendlichen Leiter sitze, unendlich viel über mir und unendlich viel unter mir. Und vor mir sitzen auf den Stufen und Sprossen lauter kleine ungeborene Wesen, die schlafen und eigentlich darauf warten, dass sie auf diesem Planeten ankommen dürfen. Dieses Bild fand ich so irre, dass das Ankommen auf diesem Planeten, das da sein und Erfahrungen machen dürfen, eigentlich die Liebe an sich ist."

Inspiration durch Merseburger Zaubersprüche

Sich selbst setzt sie gottgleich in die Mitte des Altars, zu ihren Füßen lacht der Irrsinn. Das ist durchaus selbstironisch. Die ehemalige Meisterschülerin von Bernhard Heisig hat nicht nur Europa ein Denkmal gesetzt, sondern auch der eigenen Gedankenwelt. Eine begehbares Universum, in das die Stationen ihrer Zeichen-Reise verwoben sind.

Der letzte Baustein stammt aus Merseburg. Eine über 900 Jahre alte christliche Handschrift war die Vorlage. Die "Merseburger Zaubersprüche" sollten einst bei der Befreiung Gefangener und gegen Gebrechen helfen. Vielleicht haben sie ihre Kraft nicht verloren. Europa braucht Heilung.

Als Versuch, das Magische mit dem Stofflichen zu vereinen, so könnte man Antoinettes Werk lesen: "Das war für meine Arbeit natürlich eine sensationelle Inspiration, das hat gepasst wie die Faust auf's Auge, als Vollendung des Altars. Weil ich beschäftige auch mit Freiheit und Heilung."

Gemälde von ANTOINETTE zeigt Frau im Zentrum
In der Mitte des Altars befindet sich ein Selbstbildnis von Antoinette. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Visionen wie Hieronymus Bosch

Im Schlossgartensalon in Merseburg kann man sich den "Altar der Europa" nun anschauen. In Wien haben Besucher ihrer Europa-Ausstellung Antoinette liebevoll "Madame Bosch" genannt. Die wilden Visionen eines Hieronymus Bosch wurden seinerzeit auch oft missverstanden: "Ich glaube, dass die Menschen mit meiner Arbeit entweder viel anfangen können oder große Berührungsängste haben, weil es eben sehr anstrengend ist. Man geht nicht hin und hat alles erfasst, sondern muss ganz oft wiederkommen. Man muss Geschichten lesen. Im Prinzip ist es, als hätte ich einen Roman geschrieben und den kann man nicht einfach mal umblättern. Damit muss man sich lange Zeit auseinandersetzen."

Künstlerin ANTOINETTE in Aktion beim Zeichnen
Antoinettes Werk samt seiner Botschaft wächst über den Ort hinaus. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Antoinette erschafft Gefühlsbilder voller flüsternder Fabelwesen und Symbole. Eigentlich arbeitet sie mit Pinsel und Farbe. Durch den Europa-Altar hat sie zur Zeichnung gefunden. Mit dieser Technik kann sie im Kopf schneller die Richtung wechseln, sagt sie: "Ich habe entdeckt, dass man mit Zeichnung was ganz anderes ausdrückt als mit Malerei. Und zwar ist man, also ich zumindest, mit dem Zeichnen viel näher am Unbewussten dran."

Riesige Bilderwelten und unendliche Superlative

Der Europa-Altar ist abgeschlossen. Aber das Werk der Künstlerin ist unvollendet. Im Moment schafft sie neue riesige Bilderwelten und bedient sich am Figurentheater des großen europäischen Meisters Diego Velázques. Wieder mit unzähligen Buntstiften: "Jetzt habe ich diesen riesigen Schlossaal zu Verfügung und es wäre einfach eine Sünde, wieder bei DIN-A4- Formaten anzufangen. Also nutze ich die Zeit, die ich hier bin. Aber es macht mir Spaß und so lange es nicht aufhört zu fließen, sollte ich auch nicht aufhören. Auf jeden Fall setze ich mir nicht mehr irgendwelche Themen. Ich will jetzt einfach nur Spielen."

Antoinette hat mit ihrem "Altar der Europa" nicht nur ein großes Kunstwerk, sondern auch ein unhandliches Superlativ erschaffen. Bis zum Herbst muss ein neuer, wahrhaft riesiger Raum für die vielleicht größte Zeichnung der Welt gefunden werden. Dieses Werk wächst über den Ort hinaus.

Schlossgartensalon Merseburg
Der Merseburger Schlossgartensalon beherbergt aktuell den "Altar der Europa". Bildrechte: Wolfgang Kubak

Weitere Informationen "Altar der Europa" der Antoinette ist im Merseburger Schlossgartensalon zu sehen.

Oberaltenburg
06217 Merseburg

Öffnungszeiten:
Montag bis Freitag: 11 bis 18 Uhr
Samstag und Sonntag: 11 bis 20 Uhr

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Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | artour | 01. Juli 2021 | 22:10 Uhr

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