Architekturgeschichte Wie der Architekt Carl Krayl Magdeburg zur bunten Stadt des Neuen Bauens machte

Etwa 100 Häuser leuchten in Magdeburg Dank Carl Krayl in bunten Farben. Daneben hat der Architekt ganze Stadtteile, das markante AOK-Gebäude und das Oli-Kino in der Stadt gebaut. Trotzdem geriet sein Schaffen lange Zeit in Vergessenheit.

Carl Krayl kommt vor genau 100 Jahren nach Magdeburg. Der Stadtbaurat Bruno Taut, damals ebenfalls ein bekannter Architekt der Moderne, holt ihn 1921 ins Hochbauamt.

Die Idee der bunten Stadt

Krayls erster Auftrag in Magdeburg: die Häuser der Innenstadt und der Gartenstadt Reform farbig zu gestalten. In kurzer Zeit findet Krayls expressionistischer Stil in der breiten Bevölkerung Anklang, sodass der junge Architekt eine Hausfassade nach der anderen mit futuristischen, dadaistischen und kubistischen Elementen gestaltet. Insgesamt etwa 100 Gebäude leuchten Dank Krayl in bunten Farben – und wecken das internationale Interesse für Magdeburg: "Die Idee dieser farbigen Stadt, die ist eingeschlagen wie eine Bombe. Das war sofort in der Presse und selbst das Ausland hat darüber berichtet", erzählt Kunsthistorikerin Ute Maasberg.

Carl Krayls Wirken in Magdeburg

Farbenfroh gestaltete Häuser in der Otto-Richter-Straße in Magdeburg, aufgenommen am 29.03.2013.
Von Carl Krayl farbenfroh gestaltete Häuser in der Otto-Richter-Straße in Magdeburg. Bildrechte: dpa
Farbenfroh gestaltete Häuser in der Otto-Richter-Straße in Magdeburg, aufgenommen am 29.03.2013.
Von Carl Krayl farbenfroh gestaltete Häuser in der Otto-Richter-Straße in Magdeburg. Bildrechte: dpa
Magdeburg: Die Otto-Richter-Straße. Der Straßenzug gilt als einer der Vorläufer des deutschen Reformwohnungsbaus.
Die Otto-Richter-Straße gilt als Vorläufer des deutschen Reformwohnungsbaus. Bildrechte: dpa
Ein farbenfroh gestalteter Hauseingang in der Otto-Richter-Straße in Magdeburg, aufgenommen am 29.03.2013.
Ein bunter Hauseingang in der Otto-Richter-Straße in Magdeburg mit expressiven Ornamenten. Bildrechte: dpa
Eine farbenfroh gestaltete Häuserreihe in der Otto-Richter-Straße in Magdeburg.
Eine ganze Häuserreihe leuchtet auch heute wieder in Krayls bunten Farben. Bildrechte: dpa
Es zeigt die Gartenstadt-Kolonie im Stadtteil Reform in Magdeburg
Die Gartenstadt-Kolonie Reform ist erst vor Kurzem restauriert worden und erstrahlt wieder in den Farben Carl Krayls – wie vor 100 Jahren. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
Das Hauptgebäude der AOK Sachsen-Anhalt in Magdeburg (Sachsen-Anhalt), aufgenommen am 25.03.2015.
Das Hauptgebäude der AOK Sachsen-Anhalt in Magdeburg wurde ebenfalls von Carl Krayl entworfen. Bildrechte: dpa
Wohnsiedlung Cracau in Magdeburg
Die Wohnsiedlung Cracau in Magdeburg gehört zu einem von Krayls Siedlungsprojekten. Bildrechte: imago images / epd
das OLi Kino von außen
Das Oli-Kino wurde Carl Krayls letzter Bau in Magdeburg. Bildrechte: Vesile Özcan
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Eine farbenfroh gestaltete Häuserreihe in der Otto-Richter-Straße in Magdeburg.
Eine farbenfroh gestaltete Häuserreihe in der Otto-Richter-Straße in Magdeburg. Bildrechte: dpa

Ein vergessener Architekt

In Magdeburg erinnern heute außerdem das AOK-Gebäude an der Lüneburger Straße, die Siedlungen in Fermersleben, Neustadt und Cracau und sein letzter Bau, das Oli-Kino, an das architektonische Vermächtnis von Carl Krayl. Dennoch blieb sein Schaffen als Architekt des Neuen Bauens lange Zeit im Dunkeln.

Das Hauptgebäude der AOK Sachsen-Anhalt in Magdeburg (Sachsen-Anhalt), aufgenommen am 25.03.2015.
Das markante AOK-Gebäude in Magdeburg wurde ebenfalls von Carl Krayl entworfen. Bildrechte: dpa

"Neues Bauen" Die Architekturrichtung "Neues Bauen" (1910er bis 1930er-Jahre) verschrieb sich vor allem dem sozialen Wohnungsbau. Zudem sollten der Einsatz neuer Materialien sowie eine schlichte Innenausstattung eine innovative Form des Bauens ermöglichen. Zu den klassischen Stellvertretern des "Neuen Bauens" zählt damit auch das Bauhaus als experimentelle Lehrstätte. Auch die Projekte Carl Krayls wurden von der Philosophie der Bewegung geleitet. Ab 1929 entstanden nach der Siedlung Fermersleben die Wohnsiedlungen Cracau und Bancksche Siedlung (heute Curie-Siedlung), die Magdeburg zur "Stadt des Neuen Bauens" kürten.

Im Nationalsozialismus verfemt und in der DDR nicht beachtet

Im Nationalsozialismus verfemt, in der DDR nicht beachtet und früh gestorben – das sind die Hauptgründe, warum Carl Krayls Name in Vergessenheit geriet. Erst nach der Wende wird der Architekt von der Kunsthistorikerin Ute Maasberg wiederentdeckt. Bei Recherchen zu ihrer Doktorarbeit stolpert sie Mitte der 1990er-Jahre über den Architekten. Erst 2016 findet in Magdeburg am Kulturhistorischen Museum die erste große Ausstellung zu Carl Krayl statt, kuratiert von Michael Stöneberg. Dass Carl Krayl zur berühmten Architektenvereinigung "Der Ring" zählte, zeige laut Stöneberg, "dass Krayl zu den wichtigsten Architekten der Moderne der 20er-Jahre gehört."

Späte Anerkennung für wichtigen Avantgardisten

Lange hat es gedauert, bis ihm diese Anerkennung zuteil wird. Fest steht: Carl Krayl zählt zu den wichtigsten Avantgardisten der 1920er-Jahre und hat das "Neue Bauen" maßgeblich geprägt. Nicht zuletzt hat er das graue Magdeburg in den 1920er-Jahren in eine "Bunte Stadt" verwandelt und damit zur Entwicklung des kulturellen Zentrums Sachsen-Anhalt beigetragen.

Carl Krayl Carl Krayl wurde am 17. April 1890 in der Nähe von Stuttgart geboren, wo er auch zum Architekten ausgebildet wurde. Er war danach in Freiberg und Nürnberg angestellt, bevor der Erste Weltkrieg sein Schaffen unterbrach. Ab 1919 wurde er als Mitglied der "Gläsernen Kette" bekannt in der unter anderem Bruno Taut und Walter Gropius über sozialen Wohnungsbau debattierten. Als Taut schließlich in Magdeburg zum Stadtbaurat ernannt wurde, holte er auch Krayl in die Stadt, wo Krayl noch bis zur Machtergreifung der Nationalsozialisten tätig war.

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 08. März 2021 | 18:01 Uhr

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