Modern und kritisch Genialer Perspektivwechsel: Neue Dauerausstellung auf Schloss Ballenstedt

Im Schloss Ballenstedt wird endlich die neue und überarbeitete Dauerausstellung eröffnet. Sie trägt den Titel "Albrecht – Erinnern an den Ballenstedter Bären". Die Geschichten um den Ort werden nun vielseitiger erzählt: Mit moderner Technik kommt das alte Kloster wieder zum Vorschein, mit etwas Humor wird der unstete Lebensweg des Adligen nachgezeichnet und sein Nachwirken bis ins 20. Jahrhundert kritisch betrachtet.

Ausstellung "Albrecht – Erinnern an den Ballenstedter Bären" 4 min
Bildrechte: Christian Mühldorfer-Vogt/Kulturamt Ballenstedt

Wer das Ballenstedter Schloss besucht wird schon im Innenhof überrascht: Denn das Denkmal zeigt Albrecht den Bären nicht auf dem Sockel, sondern er steht daneben – quasi auf Augenhöhe. Ein genialer Perspektivwechsel, den man auch in der neuen Dauerausstellung übernimmt.

Wissenschaftlich durch eine Tagung fundiert versucht man die überfällige kritische Auseinandersetzung, meint Kulturamtsleiter Christian Mühldorfer-Vogt: "Es ist wichtig, Geschichte nicht nur punktuell zu sehen, also die Zeit von Albrecht von 1100-1170, sondern auch Entwicklungslinien darzustellen. Museen haben als Bildungsstätten eine politische Verantwortung, und das kommt da zum Tragen, wo diese Entwicklungslinie von Albrecht bis ins 19. oder 20. Jahrhundert reicht. Das heißt konkret: Dort, wo wir die Vereinnahmung von Albrecht durch die Nazis demaskieren."

Ballenstedter Grablege entnazifiziert

Ausstellung "Albrecht – Erinnern an den Ballenstedter Bären"
Die Grabstelle wurde von der Nazi-Gedenkplatte befreit. Bildrechte: Christian Mühldorfer-Vogt/Kulturamt Ballenstedt

Diese Entwicklungslinien reichen noch bis ins Heute und waren geradezu beschämend für das Land Sachsen-Anhalt. So war die Grablege Albrechts immer noch mit einer Grabplatte bedeckt, die 1938 von den Nazis gestatltet wurde. Eine Einordnung gibt es dazu nicht. Das wollte man änder. "In diesen Raum haben wir die von Paul Schultze-Naumburg eingebaute Grabplatte mit Albrecht dem Bären als Wegbereiter ins Deutsche Ostland herausgenommen", erklärt Projektleiterin Sandra Leinert. "Die ist jetzt im Ausstellungsbereich zu finden als eines der wenigen Original-Exponate. An die Stelle in der Grabpflege haben wir das Kunstwerk "Den goldenen Fingerabdruck" von Margit Jäschke gesetzt, im übertragenen Sinne ein Zeichen, dass Albrecht Spuren und Abdrücke hinterlassen hat."

So wollte man dem Raum seine Würde zurückgeben. Die Grabplatte ist inzwishcen ein Exponat im neuen Ausstellungsbereich. Nun aber historisch eingeordnet und mit entsprechenden Texten und Fotos kommentiert. "Wir sagen, es ist Architektur-Propaganda. Wir erklären, was das Kritische an der ganzen Sache war und diese ganzen Zuschreibungen, Überhöhungen, Heroisierungen, die Albrecht gerade in der NS-Zeit angedichtet wurden", so Leinert weiter.

Modern, verständlich, wissenschaftlich korrekt

Ausstellung "Albrecht – Erinnern an den Ballenstedter Bären"
Auf moderne Weise wird das Leben von Albrecht dem Bären gezeigt. Bildrechte: Christian Mühldorfer-Vogt/Kulturamt Ballenstedt

Auch der Bedeutungsverlust zu DDR-Zeiten, als das Schloss zur Forstfachschule und die Grablege zur Waffenkammer wurde, wird thematisiert. Doch vor allem blickt man auf das Mittelalter: Spielerisch verdeutlicht das Rad der Fortuna auch akustisch Albrechts Lebensweg: "Mal hat er Glück gehabt, mal Pech. Er hatte unterschiedliche Herrschertitel inne: Graf, Markgraf, Herzog. Das zeigt dieses Rad der Fortuna", erläutert Sandra Leinert die Idee. Verständlich aber wissenschaftlich korrekt war die Devise und auch ein modernes Ausstellungsdesign. So präsentiert man die wenigen Exponate multimedial und hoch ästhetisch vor schwarz-gelbem Hintergrund. Es sind Modelle der ehemaligen Klosterkirche oder der Burg Anhalt, Münzen oder Repliken eines Siegels

Zu all dem gibt es kurze gut verständliche Einführungstexte, aber auch weiterführende für alle die mehr wissen wollen. Ein neues Lichtkonzept untermauert einmal mehr den angestrebten Perspektivwechsel. Die Projektleiterin führt vor, wie sich durch einen Tastendruck einzelne Elemente der romanischen Bauweise hervorheben lassen.

Damit wird der Weg in die Krypta gelenkt, der zweite original romanische Teil des vom Schloss überbauten Klosters. Auch diese Räumlichkeiten wurden saniert, besser gesagt: konserviert. Doch mit Hilfe eines Tablets, das die Besucherinnen und Besucher an der Kasse erhalten, kann sich das Publikum die jeweiligen Zeitebenen dieses Ortes virtuell vor Augen führen. Im Fachjargon heißt das Augmented Reality und wurde von dem Studio Uniglow aus Wernigerode faszinierend umgesetzt. So ist die gesamte Schau sehr sehenswert: klein, aber endlich ansprechend und fundiert. Unbedingt einen Ausflug wert.

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 21. Mai 2021 | 08:40 Uhr

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