Ausstellung Kunstsammlung Gera zeigt jahrzehntelang verborgene Barlach-Werke

Gera gilt als "klamme Kommune", doch ab sofort ist hier ein besonderer Kunstschatz zuhause: Die spektakuläre Sammlung Niescher umfasst 500 Werke von Otto Dix bishin zu Paul Gauguin und Ernst Barlach. Die Dauerleihgabe gilt zunächst für zehn Jahre, wie die Kunstsammlung Gera anlässlich der Eröffnung der neuen Barlach-Ausstellung "Ernst Barlach – Spiegel des Lebens" bekanntgab. Viele seiner Werke waren der Öffentlichkeit Jahrzehntelang verborgen geblieben und sind jetzt zu sehen.

Ernst Barlach: Selbstbildnis II, 1928, Lithographie
Ernst Barlach: Selbstbildnis II, 1928, Lithographie Bildrechte: Kunstsammlung Gera

Holger Saupe, Leiter der Kunstsammlung Gera, ist glücklich, die "Stehende Bäuerin" von Ernst Barlach, aus dem Jahr 1921, in der neuen Schau in Geras Orangerie präsentieren zu können. Die rund einen Meter hohe Holzskulptur "Stehende Bäuerin" gilt als eines der herausragenden Exponate von rund 130, die die Schau "Ernst Barlach - Spiegel des Lebens" zeigt.

Die Werke von Barlach… mehrere Jahrzehnte hielten die sich im Verborgenen ... Und deswegen ist das natürlich ganz besonders, viele Werke hier wieder im Original zu präsentieren.

Holger Saupe, Leiter der Kunstsammlung Gera
Barlach Ausstellung in der Kunstsammlung / Orangerie Gera
Barlach Ausstellung in der Kunstsammlung / Orangerie Gera Bildrechte: Stadtverwaltung Gera

"Man sieht, sie sind ja richtig repräsentative, große Figuren, die Barlach bildhauerisch bearbeitet hat und die sein Grundthema zeigen", schwärmt Saupe. "So eine Bäuerin, gestützt, in der, schon vom Anblick her, eine ungeheurere Dynamik zu sehen ist, die aber, auf der anderen Seite, durch ihre Innerlichkeit auch wieder so eine Gegenbewegung erhält. Dass man sagt: innen und außen. Und das kommt zusammen und das ist Barlachs skulpturales Geheimnis."

Die Kuratorin der Ausstellung, Claudia Schönjahn, verweist an anderer Stelle auf eine von Barlachs eindrücklichen Kohlezeichnungen, die eine Impression aus seiner prägenden Russlandreise vorstellt und die als Vorarbeit zur Skulptur begriffen werden kann: "Das 'Steppenweib', die Kohlezeichnung von 1915, ist im Prinzip auch die Vorlage für unsere 'Stehende Bäuerin', wie sie einem so entgegentritt, breitbeinig."

Werke von Barlach, über Klee bis Gauguin

Barlachs "Steppenweib" und das "Holz", wie Barlach sagte, seiner "Stehenden Bäuerin" ergänzen sich – was für viele Arbeiten der Sammlung Niescher gilt. Ein Glücksfall für Kunsthistoriker. 500 Kunstwerke daraus stellt nun die Erbengemeinschaft der Kunstsammlung Gera für die nächsten zehn Jahre als Dauerleihgabe zur Verfügung.

Ernst Barlach: Steppenweib, 1915, Kohle
Ernst Barlach: Steppenweib, 1915, Kohle Bildrechte: Kunstsammlung Gera

Darunter sind etliche der berühmten, expressiven Kohlezeichnungen von Barlach, einige seiner geschätzten Holzskulpturen oder auch seltene Plastiken aus Schwarzburger Porzellan, allesamt in der neuen Schau zu sehen. Aber auch weitere Werke der Klassischen Moderne beinhaltet die Dauerleihgabe, von Paul Klee über Oskar Kokoschka bishin zu Karl Schmidt-Rottluff und Lyonel Feininger. Dabei sind aber auch Werke von Gauguin, Rodin und Lovis Corinth. Ein umfänglicher Bestand von Otto Dix, Sammlungsschwerpunkt der Kunstsammlung in der Dix-Stadt Gera, gehört ebenfalls dazu.

Ernst Barlach: Russische Bettlerin mit Schale, 1906, Porzellan
Ernst Barlach: Russische Bettlerin mit Schale, 1906, Porzellan Bildrechte: Kunstsammlung Gera

Sammler aus Chemnitz wollte nichts mehr mit Heimatstadt zu tun haben

Fritz Niescher, seines Zeichens Margarine-Fabrikant aus Chemnitz, unterstützte Otto Dix durch den Ankauf von Werken, als der Künstler 1933 in Dresden als einer der ersten deutschen Kunstprofessoren entlassen wurde. Nach Kriegsende erfolgte Nieschers Enteignung. Die Familie siedelte sich im Raum Aachen an. Ihre Kunstsammlung nahm sie mit.

Barlach Ausstellung in der Kunstsammlung / Orangerie Gera
Die Ausstellung zeigt Zeichnungen, Druckgrafiken, Skulpturen und Porzellanplastiken Barlachs. Der Schwerpunkt liegt jedoch auf seinen eindrücklichen Kohlezeichnungen. Es sind Werke zu sehen, die vom Jugendstil und Symbolismus geprägt wurden, aber auch spätere, expressive Arbeiten des Künstlers. Bildrechte: Stadtverwaltung Gera

Aus dem Niescher-Werk ging der VEB Margarinewerke Karl-Marx-Stadt hervor. Nach dem Mauerfall wollte die Familie mit der alten Heimat nichts zu tun haben, stattdessen entsponnen sich Kontakte ins benachbarte Gera, zur dortigen Kunstsammlung, zur einstigen Leiterin Ulrike Lorenz. Seit dieser Zeit ist man mit den Niescher-Erben in Kontakt, betont Holger Saupe. Lange Zeit seien die Werke Balrachs im Verborgenen geblienen. In den 70er-Jahren seien in Hamburg einmal wichtige Werke aus der Sammlung gezeigt worden. "Und deswegen ist das natürlich ganz besonders, viele Werke hier wieder im Original zu präsentieren."

Ernst Barlach: Verzweiflung (Der Verzweifelte), 1922, Kohle
Ernst Barlach: Verzweiflung (Der Verzweifelte), 1922, Kohle Bildrechte: Kunstsammlung Gera

Der Künstler Ernst Barlach

Barlach beschäftigte sich Zeit seines Lebens mit der menschlichen Figur. Mit seinen Arbeiten übte er auch Kritik an seiner Zeit, insbesondere an den Auswirkungen des Ersten Weltkriegs. Seine Skulpturen zeigen Eiferer, Zweifelnde oder auch Notleidende. Barlach studierte in den 1890er-Jahren an der Dresdner Kunstakademie und verstand sich vor allem als Holzbildhauer. Er fertigte aber auch Lithographien, Holzschnitte und Zeichnungen an.

Viele Barlach-Werke bislang im Verborgenen geblieben

Noch im letzten Jahr, als die Stadt Dresden Barlach zu seinem 150. mit einer umfangreichen Schau würdigte, wussten die dortigen Kuratoren nicht, wo sich manche Originale befinden, etwa die "Stehende Bäuerin". Mit der öffentlichen Bekanntgabe der Sammlung Niescher in Gera lassen sich nun weitere Lücken in der Barlach-Rezeption schließen.

Die 500 Kunstwerke werten zudem Gera, die Stadt, die immer sparen muss, als Kunststandort auf. So arbeitet man dieser Tage bereits an einem Museumskonzept, das demnächst bekannt gegeben werden soll. Wegen des benötigten Etats wird es sicher manchem in Gera den Atem verschlagen, doch nach zehn Jahren gilt es, die kostbare Dauerleihgabe, den Kunstschatz, neu an die Stadt zu binden.

Orangerie in Gera, 2018
Die Kunstsammlung befindet sich in der Orangerie in Gera. Bildrechte: dpa

Informationen für Ihren Besuch der Ausstellung:

Ausstellung "Ernst Barlach – Spiegel des Lebens"
Werke aus der Sammlung Niescher
ab 10. November 2021 bis 13. Februar 2022

Adresse:
Kunstsammlung / Orangerie Gera
Küchengartenallee 5,
07548 Gera

Öffnungszeiten:
täglich 11 bis 17 Uhr, Montags geschlossen

Barrierefreiheit:
barrierefreier Zugang möglich

Eintritt:
5 Euro, ermäßigt 3 Euro

Über aktuelle Coronaregelungen informieren Sie sich bitte auf der Homepage der Kunstsammlung / Orangerie Gera.

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 09. November 2021 | 12:10 Uhr

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