Amtsantritt der neuen Direktorin Forschung und Strukturwandel: Die Pläne der neuen Bauhaus-Chefin Barbara Steiner

Die promovierte Kunsthistorikerin Barbara Steiner aus Österreich ist die neue Direktorin und Vorstand der Stiftung Bauhaus Dessau. Zum ersten September verlässt sie das Kunsthaus Graz und tritt ihr neues Amt in Sachsen-Anhalt an. Von 2001-2011 war Steiner Direktorin der Galerie für zeitgenössische Kunst in Leipzig und von 2015-2017 Professorin an der dortigen Hochschule für Grafik- und Buchkunst. Im Interview mit MDR KULTUR erzählt die Österreicherin von ihren Plänen, das Bauhaus in die Themen der Gegenwart einzubringen.

MDR KULTUR: Frau Steiner, vor zwei Jahren ist der 100. Geburtstag des Bauhauses groß gefeiert worden – mit Ausstellungen in aller Welt und mit zwei neuen Bauhaus-Museen in Weimar und Dessau. Was macht man denn jetzt noch? Was sind jetzt Ihre größten Herausforderungen, wenn Sie das Amt antreten?

Neben der verspiegelten Fassade des Bauhaus Museums in Dessau-Roßlau stehen Bäume auf einer Grünfläche.
Das Bauhaus-Museum Dessau wurde 2019 eröffnet. Bildrechte: MDR/Michael Rosebrock

Barbara Steiner: Naja, die größten Herausforderungen sind, dass es sehr viele Erwartungen gibt, die sich an das Bauhaus wenden, auch an das Bauhaus Dessau. Und sie liegen im Agieren der Gleichzeitigkeiten, also dass wir verschiedene Gruppen adressieren. Aber grundsätzlich kann man sagen: Das ist ja nicht das Schlechteste, dass es so ein großes Interesse am Bauhaus gibt. Das Museum hat das sicherlich noch befördert, weil jetzt die Sammlung auf eine ganz andere Weise zugänglich ist. Daher denke ich, dass nun ein guter Moment ist, von dem man weiterarbeiten muss. Und ich halte es für ausgeschlossen, dass man vom nächsten Jubiläum 2025/26 nichts hören und sehen wird. Da gibt es durchaus noch Luft nach oben.

In der Stellenausschreibung wurde die "strategische Weiterentwicklung der Bauhaus-Stiftung" gefordert. Was heißt das übersetzt?

Perspektiven für die nächsten Jahre. Dass man fragt: Was braucht die Stiftung jetzt, nachdem es das Museum gibt? Sie ist in Lehre und Forschung sehr gut aufgestellt. Es sind wunderbare Netzwerke in die Welt vorhanden. Wie kann man mit dem, was es schon gibt und das großartig funktioniert, weitermachen? Das sind die zentralen Fragen. Da deuten sich schon ein paar Ebenen an.

Nächste Woche gibt es in Berlin eine Übergabe von der Stiftung Preußischer Kulturbesitz. Die Neue Nationalgalerie wird ja jetzt saniert und da gibt es einige Baumaterialien, die uns gegeben werden, denn Dessau hat ein Bauforschungsarchiv, das in den letzten Jahren und Jahrzehnten gewachsen und eine Anlaufstelle geworden ist. Da, finde ich, muss man weitermachen. Denn durch die Materialien erfährt man sehr viel über die Vergangenheit, also auch über die Möglichkeiten, die man damals hatte, zum Beispiel dass man sehr ökonomisch denken musste.

Bauhaus Dessau
Die Glasfassade des Bauhauses sei in die Jahre gekommen, so Steiner. Bildrechte: IMAGO / Laci Perenyi

Gleichzeitig gibt es auch in der Gegenwart viele Anforderungen an das Material. Also ich sage nur: Die berühmte Glasfassade des Bauhauses ist in die Jahre gekommen, das ist ja noch die DDR-Fassade von 1976. Wir merken auch, dass der Klimawandel dem Weltkulturerbe zusetzt. Das heißt, man kann ihn an diesen Materialien studieren und Wege überlegen, wie man damit umgeht. Da sind wir eine große Anlaufstelle, denn es zeichnet sich ab, dass das ein Weg ist, den man weiter konzentriert in Forschung und konkreter Umsetzung verfolgen wird.

Sie fangen heute erst an, aber haben Sie schon ein paar Akzente im Kopf, die Sie setzen möchten?

Ja, mich interessiert, wie man das Erdgeschoss des Museums verändern kann, das eine räumliche Struktur hat, die man mit wenigen Handgriffen für unterschiedlichste Anforderungen adaptieren kann. Das ist ein großer Raum, der in verschiedene Zonen aufgeteilt ist und in dem sich dann bestimmte Dinge anhäufen, und ich glaube, das braucht noch mal eine Neustrukturierung. Da habe ich Gespräche geführt und das ist jetzt ein Vorschlag, der dann auch ausgeschrieben werden muss, und das möchte ich an den Stiftungsrat herantragen.

Nun hat die EU-Kommission in Brüssel eine Initiative gestartet mit dem Namen "Das neue europäische Bauhaus". Dabei wird auch die Stiftung Bauhaus in Dessau mitwirken. Was steckt hinter dem Namen und welche Rolle soll das Bauhaus Dessau da spielen?

Das neue europäische Bauhaus ist eine Initiative der Europäischen Union, bei der es darum geht, dass verschiedene Bereiche zusammenwirken, die sich ansonsten getrennt verhalten. Also wie können Wissenschaft und auch technologische, ökologische, ökonomische Kultur – und Kunst im Speziellen – miteinander wirken?

Zeitz
In Zeitz will Steiner Überlegungen zum Strukturwandel voranbringen. Bildrechte: imago images/Steffen Schellhorn

So eine ganzheitliche Vorstellung künftiger gesellschaftlicher Gestaltung über die Disziplingrenzen hinaus, die ja manchmal wie Scheuklappen sind – auch mit großem Interesse an zivilgesellschaftlichen Engagement. Das ist der Plan. Das Bauhaus wird in dem Sachsen-Anhalt-Projekt – das ist der Vorschlag des Landes – eine Rolle spielen. Und wir sind jetzt dabei herauszufinden, in welcher Weise wir uns konkret einbringen können. Morgen gibt es einen Ausflug nach Zeitz, was aller Voraussicht nach einer der Standorte sein wird, an dem man exemplarisch verschiedene Überlegungen anstellen wird zu den Themen Strukturwandel und Veränderungen zu einer nachhaltigeren, ökologischen Gesellschaft.

Das Land Sachsen-Anhalt will das neue europäische Bauhaus also für die Region, die den Strukturwandel vom Braunkohletagebau zu nachhaltigen Formen des Wirtschaftens zu meistern hat? Da haben wir es mit einer älter werdenden Gesellschaft zu tun, mit der Landflucht in etlichen Regionen. Was kann denn die Stiftung Bauhaus Dessau da konkret machen?

Das Bauhaus hat ja von Anfang an – und das bezieht auf das Historische Bauhaus als auch die Jahrzehnte danach – schon die Frage aufgestellt: Wie könnte Gesellschaft in Zukunft aussehen? Und sich auch in diese Gesellschaftsprozesse hineinbegeben. Das Bauhaus hat ja nicht nur die Verwaltung oder die Aktivierung des Erbes zur Aufgabe, sondern auch die Frage: Wie gehen wir mit den Veränderungen in der Gegenwart um? Kann das Bauhaus das begleiten? Welche Impulse können wir da geben? Denn jeder Wandel ist auch ein kultureller Wandel. Wenn man mit Veränderungen konfrontiert ist, müssen die auch in entsprechender Weise begleitet werden. Es geht oft um einen Bewusstseinswandel. Und da kann das Bauhaus schon sehr viel beitragen.

Das Interview führte Anett Mautner für MDR KULTUR.

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 01. September 2021 | 07:10 Uhr

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