Koloniale Raubkunst Zukunft der Benin-Bronzen in sächsischen Museen wird weiter verhandelt

In die Verhandlungen um die Rückgabe der geraubten Kunstobjekte aus dem Königreich Benin ist Bewegung geraten. Mitglieder der Benin Dialogue Group haben in Nigeria die Konditionen der Rückgabe verhandelt. Am 27. Mai wollen sie die Ergebnisse ihres Besuchs mitteilen. Léontine Meijer-van Mensch, Direktorin der Staatlichen Ethnografischen Sammlungen Sachsen, hofft, dass einige der wertvollen Benin-Bronzen in Europa bleiben können – nachdem die Eigentumsverhältnisse geklärt sind.

Weltweit gibt es drei bis 5.000 Kunstobjekte aus dem einstigen Königtum Benin, das vom 7. bis zum 19. Jahrhundert auf dem Territorium des heutigen Nigeria lag. Rund 1.000 dieser inzwischen unbezahlbaren Gegenstände befinden sich in deutschen Museen.

Am Ausgangspunkt ihrer Reise hierher stand eine so genannte "Strafexpedition" im Jahr 1897, bei der britische Soldaten ca. 2.400 Kulturgüter erbeuteten und das Königtum Benin zerstörten. Auf Auktionen versteigerte die englische Krone die Ware. Den größten Anteil aus dieser Versteigerung besitzen heute das British Museum und die Berliner Museumsinsel.

Über 200 Raubkunstobjekte in Sachsen

Léontine Meijer-van Mensch, Direktorin der Staatlichen Ethnographischen Sammlungen Sachsen
Léontine Meijer-van Mensch, Direktorin der Staatlichen Ethnographischen Sammlungen Sachsen. Bildrechte: MDR/Hanna Romanowsky

In den Völkerkundemuseen in Leipzig und Dresden liegen 246 Objekte aus Gelbmetall und geschnitztem Elfenbein, die in einem Raubkunst-Kontext stehen. Diese sogenannten Benin-Bronzen sind heute die Prunkstücke der Sammlung, betont Léontine Meijer-van Mensch, Direktorin der Staatlichen Ethnographischen Sammlungen Sachsen: "Ich möchte nicht für meine nigerianischen Kollegen und Kolleginnen sprechen, aber natürlich ist es naheliegend, dass man gerne die Prunkstücke zurückhaben möchte."

Die Bronzen zeugen vom Prunk am Hofe des Königtums Benin. Bekannt aus dem Leipziger Völkerkundemuseum ist etwa der Leopard, der auf einem Altar als Medizinwassergefäß diente. Reliefplatten aus Gelbmetall zeigen das höfische Leben oder Kriegsszenen. Kopfplastiken künden ehrerbietig von verstorbenen Königen. Sie gelangten auf verschlungenen Wegen in die Sammlungen des Freistaates. So erwarb das Dresdner Haus Benin-Bronzen beim britischen Ethnographica-Händler William D. Webster mit Geldern des sächsischen Mäzens Arthur Baessler.

Bronze-Leopard aus dem früheren Königreich Benin im Museum für Völkerkunde Leipzig
Bronze-Leopard aus dem früheren Königreich Benin im Museum für Völkerkunde Leipzig. Bildrechte: dpa

Erste Rückgaben sind 2022 geplant

Für die exquisite Dauerleihgabe von Leipzigs Lexikon-Hans-Meyer zahlte der Freistaat gemeinsam mit Sponsoren erst 2002 rund 12 Millionen Euro, heißt es. Nun gehört Meyers Benin-Sammlung mit rund 50 Objekten dem Land Sachsen. Die Summe für den Ankauf ist nach wie vor geheim. Nun droht Restitution. Léontine Meijer-van Mensch bleibt optimistisch.

Wichtig ist die Klärung der Eigentumsverhältnisse. Aber ich würde es schon schade finden, wenn alle Benin-Bronzen zurückgehen nach Nigeria, weil ich finde, dass es wichtig ist, dass diese wunderbaren Objekte auch in europäischen Museen zu sehen sind.

Léontine Meijer-van Mensch, Direktorin der Staatlichen Ethnographischen Sammlungen Sachsen

Um erste Verhandlungen in der Eigentumsdebatte zu führen, sind zwei Mitglieder der Benin Dialogue Group und ein Mitarbeiter des Auswärtigen Amtes nach Nigeria aufgebrochen. Nun werden sie die Ergebnisse ihres Besuchs den deutschen Museen mitteilen. Erste Rückgaben sind für 2022 geplant, worüber am Ende der sächsische Landtag abstimmen muss: Die Benin-Bronzen in Dresden und Leipzig gelten vorerst als Eigentum des Freistaates.

Digitalisierung der Benin-Objekte hat Priorität

In einer Ausstellung von Kunstwerken aus dem früheren Königreich Benin sind Skulpturen, Elefantenstoßzähne und Wandplatten zu einem Altar auf einer Lehmplattform zusammengestellt.
Derzeit sind keinen Benin-Bronzen im Grassi Museum Leipzig zu sehen. Bildrechte: dpa

Léontine Meijer-van Mensch spürt Rückenwind aus der Politik, sagt sie. Sie sieht das Thema ebenda und in der Primetime angekommen. Derzeit sind keine Benin-Bronzen in Sachsens Museen zu sehen. Auch nicht in der neuen Dauerschau, die das Leipziger Völkerkundemuseum ab Dezember zeigen will. Stattdessen setzt man auf eine Installation des nigerianischen Künstlers Emeka Ogboh.

Um Vertrauen in Nigeria zu gewinnen, ist die Digitalisierung aller Benin-Kunstgegenstände besonders wichtig. Hier liegt Sachsen weit vorn: Alle Objekte sind bereits in der Datenbank "Daphne" der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden erfasst. Nun soll das "Projekt Benin" greifen, die erste virtuelle Zusammenführung aller in der Welt verstreuten Kunstwerke, mit ein bis zwei Millionen Euro von der Ernst von Siemens Kunststiftung finanziert. Als nächster Schritt steht diesen Frühsommer die Zusammenfassung aller deutschen Sammlungen an. Wer jedoch wissen will, was wann zurückgegeben werden soll – oder doch nicht – muss sich gedulden.

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 25. Mai 2021 | 13:10 Uhr

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