Kunst in der S-Bahn-Station Pandemie-Mahnmal: "Die Berge von Wuhan" im Leipziger Untergrund

Gerade wurde das Deckengemälde in der Untergrundhalle der S-Bahn-Station am Markt der Öffentlichkeit übergeben. "Die Berge von Wuhan" heißt das Werk von Bertram Haude. Doch was da an den gebogenen Betonstreben zu sehen ist, ist erst auf den zweiten Blick als Kunstwerk zu erkennen. Der Leipziger Künstler ließ sich von der traditionellen chinesischen Malerei zu diesem Mahnmal inspirieren, das nun wie die Pandemie über den Köpfen der Reisenden zu schweben scheint.

Der Leipziger Künstler Bertram Haude lässt gerne Blicke stolpern. Jetzt auch in der Untergrundstation am Leipziger Markt. Was stimmt nicht mit den Dachstreben, der Beton wirkt so komisch verfärbt? Das fragt man sich vielleicht beim ersten Mal. Beim nächsten Besuch verweilt der Blick möglicherweise länger und das Schild "Die Berge von Wuhan" gerät in den Blick. Dann mag sie zu erkennen sein, die bergige Landschaft auf Beton, hofft der Künstler:

Deckengemälde in der leipziger S-Bahn-Station am Markt
Wenn man den Blick nach oben richtet ... Bildrechte: Bertram Haude

"Wenn man die Rolltreppe hochfährt, hat man den Blick ja nach oben gerichtet und sieht über sich diese großen Bögen und auf diesen Bögen erscheinen Hügel, Berge, Nebel ganz im Stil der klassischen chinesischen Malerei. Man sieht selten Menschen auf diesen Bildern, und wenn, sind sie ganz klein. Was wichtig ist, sind diese erhabenen großen Felsen, die unendlichen Weiten. Und die sieht man, wenn man da hochschaut."

Chinesische Landschaftsmalerei als Weltbild

Deckengemälde in der leipziger S-Bahn-Station am Markt
Kunst, die Blicke stolpern lässt Bildrechte: Bertram Haude

Spätestens jetzt möchte man innehalten und diese besondere Landschaft auf Beton betrachten, die sich dann umso mehr eingeprägt. Bertram Haude, der mehrmals in China war, hat gesehen, wie auch in Asien Raubbau an der Natur betrieben wird. Was ihn an der traditionellen chinesischen Malerei interessiert, erklärt er so:

"Mich erinnert diese chinesische Landschaftsmalerei an das taoistische Weltbild und an das konfuzianische Denken. Danach ist der Himmel die höchste Instanz. Diese höchste Instanz versucht zu verstehen, und das kann man wahrscheinlich am einfachsten tun, indem man die Natur beobachtet, das Weltgeschehen, um daraus zu lernen."

"Wir haben viele Tests gemacht"

Haude erklärt, dass das Verfahren sehr aufwendig gewesen sei, um die Berge auf Beton versetzen zu lassen: "Wenn man den Beton anmischt und gießt, ihn bestimmten Temperaturen und Luftfeuchtigkeiten aussetzt, können sich gewisse Inhaltsstoffe nach außen bewegen und an den Betonträgern niederschlagen, ausblühen sozusagen. Wir haben viele Tests gemacht, damit es so aussieht."

Deckengemälde in der leipziger S-Bahn-Station am Markt
Aufgang in der S-Bahn-Station am Leipziger Markt Bildrechte: Bertram Haude

"Die Berge von Wuhan" hieß die Decken-Kunst von Bertram Haude sicher nicht von Beginn an. Mit dem Titel aber bekommt sie eine beklemmende Aktualität, wie er mit einer Portion Sarkasmus kommentiert:

Selbst als wir hier schon wussten, dass in China ein Problem aufgetreten ist mit dem Virus, haben wir uns hier immer noch gesagt: Das ist so weit weg. Das einzige, was uns wirklich betrifft, ist ja der Wetterbericht.

Bertram Haude Künstler

Irritationen, Interventionen

Schon jetzt sind Haudes "Berge von Wuhan" ein Pandemie-Mahnmal und ein Kunstwerk ganz im Sinne des Künstlers, der den öffentlichen Raum immer wieder nutzt, um Blicke stolpern zu lassen. Über Plakate, Spruchbänder oder aber auch über die sogenannten "Irritationen im Grünen Gewölbe" in Dresden.

Bertram Haude
Bertram Haude im Grünen Gewölbe: Die mit Smaragdkristallen besetzten Gesteine auf dem Tablett des "Mohren" hat er ausgetauscht. Bildrechte: dpa

Es geht um ein winziges Verrücken, um einen anderen Blickpunkt zu erhalten.

Bertram Haude Künstler

Die Betrachtenden sollen für einen kurzen Moment vom Weg abkommen, stehen bleiben, ihre Gedankengänge stoppen, innehalten. Das ist die Idee hinter Bertram Haudes Kunst. In Zeiten wie diesen vermisst er nicht viel, den Austausch mit anderen Menschen aber schon.

Auf die Details kommt es an

Haude, der nichts wegschmeißen kann, hat in den letzten Monaten viele kleine Figuren gesammelt. Kleine kaputte Figuren, um genau zu sein. Er hat sie ins Herz geschlossen und wird sie bald für ein kleines Büchlein fotografieren. So als wollte er die Parallele ziehen und zeigen, dass wir doch alle nur kleine Figuren mit etlichen Blessuren sind:

Ich finde es wunderbar, wenn man an kleinen Dingen auch die großen ablesen kann. Das hilft, sie mit dem eigenen Leben abzugleichen und den Glauben nicht zu verlieren, dass man Dinge auch verändern kann.

Bertram Haude Künstler

Apropos verändern: Ob und wie sich "Die Berge von Wuhan" in der Untergrundstation am Markt in Leipzig durch Umwelteinflüsse verändern werden, weiß Bertram Haude noch nicht. Aber egal was passiert, ihre Symbolkraft werden sie behalten.

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 24. April 2021 | 07:45 Uhr

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