Künstlerin Mareen Alburg Duncker Ausstellung: Schmuck erinnert an Opfer der NS-Euthanasie in Bernburg

In der Gedenkstätte Bernburg informiert normalerweise eine Dauerausstellung über die Geschichte der Euthanasie im Nationalsozialismus. Nun ist dort eine Schmuck-Ausstellung zu sehen, die an die Opfer der Anstalt in Sachsen-Anhalt erinnert. Die Künstlerin Mareen Alburg Duncker hat die Schmuckstücke im Rahmen des Heimatstipendiums der Kunststiftung Sachsen-Anhalt individuell gestaltet. Mit großem emotionalen Aufwand hat sich die Künstlerin in fünf Biografien eingearbeitet und neben Schmuck auch posthum ein Spielobjekt für einen ermorderten Jugendlichen geschaffen.

Mareen Alburg Duncker
Schmuckgestalterin Mareen Alburg Duncker zeigt im Rahmen ihres Heimatstipendiums in der Ausstellung "IN MEMORIAN" individuell gestalteten Gedenkschmuck. Bildrechte: Matthias Ritzmann

Am Ende der zweiten Förderrunde des Heimatstipendiums, das die Kunststiftung des Landes Sachsen-Anhalt ausgerufen hat, sind unendlich viele Geschichten erzählt worden, Unmengen an Kunstwerken sind entstanden, Museen und Künstler*innen haben Kontakte geknüpft, das Stipendium hat etwas bewegt. In den Köpfen und Herzen der Beteiligten, für die Museen und Einrichtungen, auch über das Stipendium hinaus wird es Verbindungen geben. Besonders berührend ist wohl das Stipendium, welches die Hallesche Schmuckgestalterin Mareen Alburg Dunker in der Gedenkstätte für Opfer der NS-Euthanasie Bernburg gemacht hat.

Armschmuck aus Kirschholz auf einer Vitrine der Ausstellung 5 min
Bildrechte: Matthias Ritzmann
Armschmuck aus Kirschholz auf einer Vitrine der Ausstellung 5 min
Bildrechte: Matthias Ritzmann

Gedenkstätte ein authentischer Ausstellungsort

Eine ehemalige Gaskammer in der Gedenkstätte NS-Euthanasie in Bernburg
Eine ehemalige Gaskammer in der Gedenkstätte NS-Euthanasie in Bernburg. Bildrechte: dpa

Die Gedenkstätte für Opfer der NS-Euthanasie Bernburg auf dem Gelände des heutigen Fachklinikums Bernburg ist ein Ort, an dem sich eine der insgesamt sechs zentralen "Euthanasie"-Anstalten befanden. Hier wurden zwischen 1940 und 1943 rund 14.000 Patientinnen, Patienten sowie Häftlinge aus verschiedenen Konzentrationslagern umgebracht.

"Die Gaskammer hat zwei Türen. Eine Tür, durch die die Opfer reingebracht wurde und die zweite im rechten Winkel dazu, durch die die Toten rausgezogen und weitertransportiert wurden", erklärt die Leiterin der Gedenkstätte Ute Hoffmann. Die Transportstrecke habe zunächst durch einen Sektionsraum und dann durch einen Leichenraum geführt, führt Hoffmann weiter aus: "Denn wenn so viele Menschen auf einmal getötet wurden - 60 bis 75 jeweils - dann dauert es einfach eine Zeit, bis alle Leichen verbrannt waren. Deswegen mussten die irgendwo liegen und dahinter ist gleich schon das Krematorium."

Individuelle Schmuckstücke erinnern an die Opfer

Im heutigen Museum findet sich neben zwei angedeuteten Verbrennungsöfen eine von hinten sanft beleuchtete Wand mit Porträts der Opfer. Die Inspirationsquelle für Mareen Alburg Duncker, die hier unten beschloss, symbolisch und auch nur für ein Paar der Opfer, Gedenkschmuck anzufertigen. Die Auswahl fiel auf Opfer, über die noch genügend Material, unter anderem Krankenakten und Dokumente der Familien, einzusehen waren.

Ich finde die Idee mit den Schmuckstücken wunderbar, weil sie so ungewöhnlich ist. Schmuck bringt man nicht unbedingt mit der Gedenkstätte in Verbindung.

Ute Hoffmann, Leiterin der Gedenkstätte

Mit großem emotionalen Aufwand arbeitete sie sich in die Geschichten der Menschen ein: "Ich hatte am Anfang schon gedacht, dass die Lesearbeit mich sehr einnehmen würde und das habe ich aber unterschätzt, das war sehr viel mehr und intensiver, als ich angenommen hatte", erklärt Mareen Alburg Duncker. Entstanden sind ganz individuelle Schmuckstücke, die den Gesichtern auf der Porträttafel in der Ausstellung ihre Geschichte zurückgeben.

Armschmuck aus Kirschholz
Armschmuck aus Kirschholz für Susette Freund. Bildrechte: Matthias Ritzmann

Außergewöhnliche Form von Erinnerungskultur

Gearbeitet hat die Schmuckgestalterin unter anderem für die Jüdin Susette Freund. Diese wurde, wie auch Mareen Alburg Duncker in Berlin geboren. Susette Freund kam mit einem Transport aus dem KZ Ravensbrück nach Bernburg und wurde am 12. März 1942 in der Gaskammer ermordet. Für sie ist ein Armschmuck aus Kirschholz entstanden.

Herzchenanhänger aus dünnem Silberdraht
Herzchenanhänger für die 21-jährige Ruth Rosa Mühlmann. Bildrechte: Matthias Ritzmann

Ermordet wurde auch die behinderte Ruth Rosa Mühlmann im Alter von 21 Jahren. Über sie weiß man nur, dass sie in den Neinstedter Anstalten im Harz lebte, nachdem sie sich von einer Scharlach-Erkrankung als kleines Kind nicht erholt hatte. Sie bekommt von Mareen Alburg Duncker unter anderem einen Herzchenanhänger.

Der fünfte und letzte Gedenkschmuck bekommt posthum der halleschen Schüler Wolfgang Brühl gewidmet. Er wurde nur 14 Jahre alt. Entstanden ist ein Spielobjekt, mit dem Wolfgang sich hätte beschäftigen können. In seiner Krankenakte ist vermerkt, dass er Farben nicht sicher erkennt und auch nicht lesen und schreiben kann. Bei der Zuordnung von Geldstücken hat er Schwierigkeiten mit den Zahlen. Mareen Duncker gibt dem Jungen nun das, was ihm fehlte: Etwas, womit er sich hätte entwickeln können. Auch das ist Gedenkschmuck.

Ein Spielobjekt aus zwei Schatullen mit geschliffenem Glasdeckel
Spielobjekt für den 14-jährigen Wolfgang Brühl. Bildrechte: Matthias Ritzmann

Zweite Runde des Heimatstipendiums geht zu Ende

Was im Rahmen des Heimatstipendiums alles und was noch entstanden ist, ist ab heute in der Ausstellung "IN MEMORIAM" in der Gedenkstätte zu sehen. Sicher ist, Künstlerin und Gedenkstätte bleiben in Kontakt und dieser "Gedenkschmuck" wird nicht der letzte sein. Denn die Auseinandersetzung mit diesem Kapitel der deutschen Geschichte hat gezeigt: Hier wurde bisher viel zu wenig Erinnerungsarbeit geleistet.

Angaben zur Ausstellung Sonderausstellung "IN MEMORIAN - Gedenkschmuck"
Von Mareen Alburg Duncke

Gedenkstätte Bernburg
Olga-Benario-Straße 16/18
06406 Bernburg (Saale)

Die Gedenkstätte öffnet am 21. November 2021 von 10 bis 16 Uhr. Für alle Interessierten bietet die Künstlerin Mareen Alburg Duncker um 11.00 Uhr eine Einführung in ihr Werk.

Das Tragen eines medizinischen Mund-Nasen-Schutzes auf dem Gelände des Fachklinikums und in der Gedenkstätte sind erforderlich. Der Zutritt zur Gedenkstätte unterliegt der 3G-Regel. Ein entsprechender Nachweis ist erforderlich.

Der Eintritt ist frei, um Anmeldung wird gebeten.

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 20. November 2021 | 08:45 Uhr