Projekt "On this day 1945" Countdown zur Befreiung von Buchenwald: Blog zeichnet Ende des Zweiten Weltkriegs nach

Mareike Wiemann
Bildrechte: MDR/Robert Kühne

Der 75. Jahrestag der Befreiung des Konzentrationslagers Buchenwald konnte im vergangenen Jahr aufgrund der Corona-Pandemie nicht angemessen begangen werden. Und auch in diesem Jahr wird hauptsächlich virtuell geplant. Die Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau-Dora haben sich aber noch etwas anderes ausgedacht: Seit Anfang Januar erzählen sie in dem Blog "On this day 1945" den Weg bis zum Kriegsende nach – Tag für Tag steht ein anderes Ereignis im Mittelpunkt.

"On this day 1945", zu deutsch "An diesem Tag 1945", so ist der Blog überschrieben. Er erzählt chronologisch immer das, was vor genau 76 Jahren in Buchenwald und Mittelbau-Dora passierte. Am 5. Januar etwa rückt ein Kindertransport in den Fokus: 21 jüdische Jungen werden von Buchenwald aus nach Bergen-Belsen verschickt. Der jüngste von ihnen, Yidele Henechowicz, ist gerade mal zwei Jahre alt. In wenigen Sätzen wird sein Schicksal erzählt – er überlebt den Holocaust in der Waisenbaracke, verliert aber seine Eltern und wird nach dem Krieg von einer Familie in Finnland adoptiert.

Die Geschichte des kleinen Yidele ist nur eine von vielen, die der Blog beleuchtet. Seit Anfang Januar wird jeden Tag ein neuer Eintrag veröffentlicht, bis zum 8. Mai soll das Projekt weiterlaufen. Man habe sich bewusst nicht nur auf einzelne Tage wie den 27. Januar, den Holocaust-Gedenktag, beschränkt, erklärt Karsten Uhl, Leiter der Gedenkstätte Mittelbau-Dora: "Diese Gedenktage sind wichtig, weil sie eine große Bedeutung für die Erinnerungskultur haben. Aus historisch-didaktischer Perspektive entsteht daraus aber immer das Problem, dass der Eindruck geweckt wird – die Konzentrationslager wurden befreit, und das ist das Ende der Leidensgeschichte."

Unterschiedliche Perspektiven

Die Realität war damals vielschichtiger. Auschwitz wurde zwar Ende Januar 1945 befreit, und die Hoffnung auf ein Ende des Terrors wurde größer. Gleichzeitig aber fand die Gewalt in der letzten Phase des Krieges immer neue Höhepunkte, die Zivilbevölkerung beteiligte sich mehr denn je am Morden. Vor der Ankunft der sowjetischen Truppen wurden von Auschwitz aus viele Gefangene auf Todesmärsche in Richtung Thüringen geschickt, allein im Januar entstanden drei neue Außenlager von Mittelbau-Dora. "Wir versuchen, jeden Tag ein neues Schlaglicht zu werfen", erklärt Annett Dremel, stellvertretende Leiterin der Gedenkstätte Mittelbau-Dora: "Um diese verschiedenen Aspekte und Entwicklungen auch deutlich zu machen."

Frauen aus dem Buchenwalder Außenlager Penig nach der Befreiung, nach dem 17. April 1945
Frauen aus dem Buchenwalder Außenlager Penig nach der Befreiung Bildrechte: David E. Scherman

Nach und nach werden im Blog auch die Geschichten der Täter thematisiert. So handelt der (noch nicht veröffentlichte) Eintrag vom 20. Januar von einem Festmahl, das der Betriebsdirektor des unterirdischen Raketenwerks von Mittelbau-Dora organisiert, um mit zehn Gästen über den Einsatz von KZ-Häftlingen zu planen. Es werden "neben Huhn und Gemüse, fünf Flaschen Wein, sechs Flaschen Wermuth und fünf Flaschen Schnaps sowie 90 Zigaretten und 50 Zigarren aufgefahren." So tun sich zwischen den einzelnen Einträgen extreme Kontraste auf: zynisches Schwelgen im Überfluss auf der einen, massenhaftes Sterben auf der anderen Seite.

Welche Handlungsspielräume gab es?

Michael Löffelsender, Gedenkstätte Buchenwald
Michael Löffelsender, wissenschaftlicher Mitarbeiter in der Gedenkstätte Buchenwald Bildrechte: Gedenkstätte Buchenwald

Bei den Tätern im Blog handelt es sich nicht nur um SS-Angehörige, sondern auch um vermeintlich "ganz normale Leute". Michael Löffelsender, Projektverantwortlicher von Seiten der Gedenkstätte Buchenwald, erklärt, man habe die ganze "Bandbreite an Reaktionsmustern" in der Endphase darstellen wollen. "Um mal ein fiktives Beispiel zu geben: Wie verhält sich der einfache Bauer, durch dessen Dorf ein Häftlingstreck getrieben wird? Beteiligt er sich an der Verfolgung, an Verbrechen? Oder zeigt er vielleicht Solidarität mit den Geflüchteten und versteckt sie?"

Geschichten der Solidarität bleiben in diesem Blog in der Minderheit, denn letzten Endes wird hier die harte und menschenverachtende Realität des Frühjahrs 1945 nacherzählt. Rund die Hälfte der Einträge, erzählt das Projektteam, musste für den Blog komplett neu recherchiert werden. So wurde in den vergangenen Monaten in den Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau-Dora eine Menge Grundlagenforschung betrieben – die vielleicht auch als Impulsgeber für neue Projekte in den kommenden Jahren dienen könnte.

Der Blog wird von der Hashtag-Kampagne #otd1945 über den Twitter-Account der Stiftung @Buchenwald_Dora begleitet.

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 09. Januar 2021 | 08:15 Uhr

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