Retrospektive Von Krieg und Verlust geprägte Kunst: Chemnitzer Ausstellung würdigt Michael Morgner

Michael Morgner gehört zu den interessantesten Künstlern seiner Generation. Der 1942 in Chemnitz geborene Maler, Grafiker und Bildhauer hat ein unverwechselbares Werk geschaffen, in dem er um große Fragen der menschlichen Existenz kreist. Es geht um Tod, Gewalt, Zerstörung, das Werden und Vergehen der Natur und den Glauben an die Kraft der Kunst. Zu seinem 80. Geburtstag wird der Künstler nun mit der großen Retrospektive "Lebenslinien" in den Kunstsammlungen Chemnitz gewürdigt. Ein Besuch in Morgners Atelier in Einsiedel.

Ein Porträt von Michael Morgner. Der Künstler trägt eine Brille und einen blauen Wollpullover. 5 min
Bildrechte: Andreas Höll / Mitteldeutscher Rundfunk
5 min

MDR KULTUR-Kunstredakteur Andreas Höll über den renommierten Chemnitzer Künstlers Michael Morgner, der in den dortigen Kunstsammlungen anlässlich seines 80. Geburtstags mit einer großen Retrospektive gewürdigt wird.

MDR KULTUR - Das Radio Fr 22.07.2022 06:00Uhr 04:39 min

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Michael Morgner lebt wie im Märchen. Sein blutrotes Haus steht mitten in einem Laubwald auf einem Berg. Es ist umgeben von einem wilden Garten mit Felsen und Wasser, der Blick aus dem lichtdurchfluteten Atelier geht hinaus in diese Bilderbuchidylle. Und da stellt sich natürlich die Frage: Wie hat ihn denn diese Umgebung beeinflusst? "Alles, was ich abstrakt umgesetzt habe, ist eigentlich hier aus der Landschaft", erzählt Morgner mit Blick auf seine Stahlplastiken.

Ein im Wald gelegenes Haus mit roter Fassade.
Das Atelier Michael Morgners befindet sich in Einsiedel: seinem Heimatort, dessen Zerstörung er im Zweiten Weltkrieg miterlebte. Bildrechte: Andreas Höll / Mitteldeutscher Rundfunk

Subversive Kunst in DDR-Zeiten

Michael Morgner bezeichnet sich als fanatischen Erzgebirgler, doch sein Blick ging immer über den Tellerrand hinaus. Schon als Student an der Leipziger Kunsthochschule litt er unter der Enge der DDR und der offiziellen Kunstdoktrin. Und so wollte er die Grenzen der Kunst für sich erweitern, deshalb ließ er sich auch von westlichen Happenings inspirieren. Als Mitbegründer der Künstlergruppe "Clara Mosch" inszenierte er spontane Aktionen – wie zum Beispiel auf einem Schrottplatz. Morgner erinnert sich: "Ich sah die Überreste eines Traktors, setzte mich darauf, damals noch blondgelockt mit wehendem Haar, und mimte einen Original-LPG-Zukunftstraktorfahrer. Ich finde, besser kann man die DDR nicht zeigen: Ein Traktor ohne Räder und Motor und ein klassenbewusster Fahrer."

Der Künstler Michael Morgner vor einer seiner Lavagen im Atelier. 21 min
Bildrechte: Andreas Höll / Mitteldeutscher Rundfunk

"Helden der DDR" – so hat er diese Fotoserie genannt – doch neben diesen subversiven Kunstaktionen beschäftigte er sich auch intensiv mit dem Zeichnen. Hier lotete er die Grenzen von Figuration und Abstraktion aus. Dieser Hang zum Ungegenständlichen zeigt sich vor allem auch bei seinen raumfüllenden Bildern. Dabei geht er mit Leim, Wasserschlauch, Asphaltlack und Bürsten ans Werk – und dabei wird dann geschichtet und weggeschrubbt, geschöpft und zerstört. Diese experimentellen Leinwände nennt er Lavagen, zu deutsch "Waschungen". Die Inspiration dazu bekam er bei einem Ostseeurlaub, erzählt Morgner:

"Ich saß an der Ostsee am Strand und zeichnete. Ich hatte eine Zeichnung fertig, die mir überhaupt nicht gefiel, und schmiss sie ins Wasser, in die Wellen. Nach einer Viertelstunde war sie wieder am Strand. Und da ich geizig bin, dachte ich mir, ich könnte sie trocknen und die Rückseite wiederverwenden. Als sie angeschwemmt wurde, sah ich einen großen Tuschefleck, der darauf entstanden war, und das Innenleben dieses Tuscheflecks war ein wunderbares Silbergrau. Und das hat mein ganzes Leben auf den Kopf gestellt."

Morgners Erfahrungen prägen seine Kunst

Das Spiel des Zufalls, das Spiel von Tusche und Wasser auf der Leinwand hat sein facettenreiches Werk in den letzten Jahrzehnten geprägt. Und diese Lust am spielerischen Entdecken hat auch seine Bildhauerei und seine grafischen Arbeiten beflügelt.

Dabei geht es vielfach um existentielle Themen wie Gewalt und Zerstörung, um den geschundenen Menschen und das Sterben. Und das hat der Künstler in den 80er-Jahren am eigenen Leib erfahren: "Meine erste Frau ist grausam an Krebs gestorben", so Morgner. "Ich habe sie bis zum letzten Tag begleitet. An ihrem Sterbebett habe ich kleine Bleistiftzeichnungen gemacht. Und daraus ist dann eine Reihe großer schwarzer Madonnen entstanden, um meiner Frau ein Denkmal zu setzen. Das ist eine Arbeit, die macht man nur einmal im Leben. Ich denke, das wird mit das Beste sein, was ich in meinem Leben gemacht habe."

Ein Kunstwerk aus neun gleich großen, dunkel gefärbten Flächen mit Figuren im Profil.
Die Schuld der Deutschen an den Verbrechen des NS-Regimes und das Leben in der DDR prägten Morgners künstlerisches Schaffen. Bildrechte: PUNCTUM/Bertram Kober © VG Bild-Kunst, Bonn 2022

Kunstsammlungen ehren Chemnitzer Künstler mit großer Retrospektive

In diesen bewegenden Arbeiten haben sich die Lebenslinien des Künstlers tief eingezeichnet. Diesen existentiellen Suchbewegungen kann man nun in der Chemnitzer Retrospektive nachgehen. Und so verkörpern sie zugleich auch ein utopisches Moment – als Glauben an die Produktivkraft der Kunst.

Ein Kunstwerk, das eine junge Frau in einer Art Seifenblase zeigt. Die Frau ist nackt und umklammert ihre Beine.
Um die Aktualität von Morgners Werk zu untermalen, zeigen die Kunstsammlungen Chemnitz in der aktuellen Ausstellung außerdem Arbeiten junger künstlerischer Positionen, wie die von Deborah Geppert. Bildrechte: Deborah Geppert

Informationen zur Ausstellung

  • "Michael Morgner. Lebenslinien"
  • Laufzeit: 24. Juli bis 31. Oktober 2022
  • Ausstellungsort: Kunstsammlungen am Theaterplatz I Theaterplatz 1, 09111 Chemnitz
  • Öffnungszeiten: Dienstag, Donnerstag bis Sonntag, Feiertag: 11 bis 18 Uhr, Mittwoch 14 bis 21 Uhr

(Redaktionelle Bearbeitung: Rebekka Adler)

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 22. Juli 2022 | 07:40 Uhr

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