Bis 20. November 2022 Kunst: Biennale in Chemnitz zeigt neue Trends in der Grafik

In Chemnitz ist am Dienstag, 20. September, die 14. Grafik-Biennale eröffnet worden. Die Ausstellung präsentiert in der Neuen Sächsischen Galerie unter dem Motto "Unter Null" hundert sächsische Grafiken. Den Nullpunkt als Metapher für die zunehmende soziale Kälte haben Künstlerinnen und Künstler aus ganz Sachsen vielseitig gedeutet. Dabei zeigen sich überraschende Trends – zum Linolschnitt und Riesenformat.

Zwei bunte Grafiken mit Tieren hängen nebeneinander an der Wand.
Nach zwei Jahren zeigt die Grafikbiennale in Chemnitz wieder hundert sächsische Grafiken. Bildrechte: MDR/Heike Schwarzer

Gleich am Eingang zur Biennale sächsischer Grafik bleibt das Auge an drei witzigen, farbintensiven Arbeiten von Christoph Feist hängen. Man erkennt ein sphinxähnliches grinsendes Tier mit Hyänenflecken und ein rosa Schwein, das gerade von einem Maschinenmenschen geschlachtet wird, der Schweinskopf ist überkrakelt mit menschlichen Zügen. Auch bei intensiver Betrachtung kommt man nicht dahinter, wie das wunderbar pudrige Farbenspiel entstanden sein könnte.

"Das ist eine seltene Technik, eine Risographie", erklärt Mathias Lindner, Direktor der Neuen Sächsischen Galerie in Chemnitz. "Ganz ganz grob gesagt, funktioniert das wie ein Kopierer, aber Sie haben als Grafiker die Möglichkeit, alle Arbeitsschritte auf dem Weg der Herstellung zu beeinflussen. Es ist eine Technik aus den 90er-Jahren, die sich nicht durchsetzen konnte und nicht weiterentwickelt wurde."

Chemnitzer Biennale zeigt künstlerische Auseinandersetzung mit sozialer Kälte

Witzige, skurrile Arbeiten mit selbstironischem Unterton hängen im Tietz in Chemnitz neben Arbeiten, die ganz direkt auf gesellschaftliche Fragen hindeuten. "Unter Null" – so hieß das diesjährige Thema der sächsischen Grafik-Biennale und sie suchte damit nach Geschichten, die in den Tiefen oder Untiefen unseres Alltags lauern, die auch von der zunehmenden Kälte zwischen den Menschen sprechen, die mit diesem Thema aber auch große assoziative Räume öffnet. "Und manche Künstler erzählen ganz direkt und andere ganz spielerisch", so Mathias Lindner.

Auf einer Grafik sind Augen, Herzen und Gesichter zu erkennen.
Der Künstler Wolfgang Henne gehört zu den Preisträgern der sächsischen Grafikbiennale 2022. Bildrechte: MDR/Heike Schwarzer

Leipzig räumt bei Preisen auf Grafikbiennale ab

In den letzten zwei Jahren sei die Lust am Experiment nicht verlorengegangen, im Gegenteil, resümiert Matthias Lindner die eingereichten rund 320 Arbeiten, aus denen sieben Preisträgerinnen und Preisträger nominiert wurden: Julia Weck, Wolfgang Henne, Harald Alff, Christoph Feist, Susann Hoch, Bettina Haller und Stefan Knechtel. Eine Mehrzahl der Einreichungen kommt aus Leipzig, inzwischen eine unangefochtene grafische Hochburg. Absurder Dada-Duktus bei Wolfgang Henne trifft nun in Chemnitz auf die feine skurrile Weltsicht einer Stefanie Marx und Gabriele Sperlich, beide von der Leipziger Galerie und Werkstatt Hochdruckpartner.

Riesenformate und druckgrafische Experimente in der Neuen Sächsische Galerie

Auffallend in diesem Jahrgang, so Mathias Lindner, waren sehr viele Linolschnitte unter den Einreichungen, "also eigentlich die Reduktion auf das ganz einfache Material, aber durchaus auch im großen Format." Andererseits gab es auch viele Arbeiten, die Techniken kombinieren, die früher niemals kombiniert worden wären. "Man hätte früher nicht den Hochdruck mit einer Lithografie kombiniert, oder es gibt auch individuelle Techniken, die letztendlich die Druckgrafik zum Einzelobjekt machen, zum Unikat. Das ist eine Bewegung, die wir schon seit ein paar Jahren beobachten, auch eine Bewegung zum großen Format."

Es ist eine reine Freude, die Arbeiten zu sehen.

Mathias Lindner, Direktor der Neuen Sächsischen Galerie in Chemnitz

Ein riesiger Wandbehang von Tanja Pohl zum Beispiel. Er zieht die Betrachter wie in eine suggestive Schilflandschaft hinein. Eine Arbeit, die alle Dimensionen sprengt und nach dem ersten Corona-Lockdown durch ein Stipendium möglich wurde. Wald – so der Titel – verbindet verschiedenste druckgrafische Techniken und Pflanzen zu einem riesigen Bild. "Das Ganze besteht aus ganz vielen collagierten Drucken, die dann zu dieser riesigen Bildfläche verbunden sind", erklärt Mathias Lindner. Diese Arbeitsweise habe die Künstlerin sehr beflügelt. "Das ist sicher etwas, was man sonst im Alltäglichen kaum begonnen hätte. Der Rückzug brachte auch Freiräume", so Lindner.

Eine riesige Grafik zeigt einen düsteren Wald.
In Chemnitz ist Tanja Pohls Wandbehang mit dem Titel "Wald" zu sehen. Bildrechte: MDR/Heike Schwarzer

Chemnitzer Biennale wichtiges Standbein für Künstlerinnen und Künstler

Viele Künstlerinnen und Künstler konnten in den letzten zwei Pandemiejahren durch Stipendien unterstützt werden, so auch Bettina Haller. Die Chemnitzerin, die bisher bevorzugt im kleinen oder kleinsten Format im Acrylstich arbeitet und regelmäßig bei der sächsischen Grafik-Biennale vertreten war, hat diesmal eine Holzschnittserie im großen Format eingereicht, "um auch ein bisschen plakativer arbeiten und andererseits auch intensiver mit der Farbe umzugehen", sagt Bettina Haller, "und mich auch selbst überraschen zu lassen von dem, was dann letztendlich als Druck sichtbar ist."

Bettina Haller konturiert mit frischen Neonfarben einen Einkaufswagen, einen Stadtroller und ein Fahrrad, die sonst fast verschluckt werden von einer graufarbigen Winterlandschaft. Es ist die erste Arbeit, die nach dem Umzug in ein neues Atelier in Chemnitz entstand. Ein Neuanfang mitten in der Pandemie, die auch für sie durch den Wegfall von Messen und Ausstellungen vieles erschwerte.

Eine eingerahmte Grafik zeigt ein Paar in einem Treppenhaus.
Franziska Neuberts Grafik ist Teil der sächsischen Biennale in Chemnitz. Bildrechte: MDR/Heike Schwarzer

Ausstellung nach Leipzig in Chemnitz und Plauen zu sehen

Umso wichtiger ist die Öffentlichkeit, die namhafte Meister und Meisterinnen ebenso wie die jüngste Künstlergeneration durch die 14. Biennale sächsischer Grafik in Chemnitz erfahren. "Das Schöne an dieser Biennale ist, dass es gelingt, diese Ausschreibung so zu platzieren, dass sehr viele Absolventen, Meisterschüler, junge Künstler, das als gute Möglichkeit begreifen, alle zwei Jahre in Erscheinung zu treten", erklärt Mathias Lindner.

Die Ausstellung wandere noch nach Leipzig und Plauen. Das schaffe Sichtbarkeit, so Lindner. "Es gibt den Katalog, es wird auch medial wahrgenommen. Auch für uns ist das wunderbar, weil wir ein Bild der nachwachsenden Kräfte bekommen. Trotzdem sind auch die sogenannten 'großen Alten' ein sehr stabiler Punkt, für die ist das Ehrensache, sich zu beteiligen."

Zwischen großen Formaten, reduzierten druckgrafischen Techniken und experimentellem Mix zeigen die 100 Grafiken in der Neuen sächsischen Galerie in Chemnitz die faszinierende Vielfalt aktueller Arbeiten.

Angaben zur Ausstellung "Grafikbiennale 100 Sächsische Grafiken 2022 – UNTER NULL"
14. Biennale sächsischer Druckgrafik
Vom 20. September bis 20. November 2022

Neue Sächsische Galerie
Neue Chemnitzer Kunsthütte e.V.
Moritzstraße 20
09111 Chemnitz

Begleitprogramm:
Familiennachmittag "Überraschendes an der Druckpresse"
Sonntag, 25. September, 14 Uhr

Familiennachmittag "Memory-Karten selbst gedruckt"
Sonntag, 9. November, 14 Uhr

Öffentliche Führungen dienstags um 17 Uhr

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 21. September 2022 | 06:15 Uhr