Kurz nach Amtsantritt Claudia Roth besucht Buchenwald: Erinnerungskultur als Zukunftspolitik

Gerade mal wenige Tage ist die neue Kulturstaatsministerin Claudia Roth nun im Amt. Da ließ sie schon aufhorchen: Ihre erste Reise außerhalb Berlins unternahm sie nach Thüringen – in die Gedenkstätte Buchenwald. Dort wollte sie ein Zeichen für eine lebendige und starke Erinnerungskultur setzen.

Claudia Roth durch ein weiß gestrichenes Eingangstor auf das Gelände der Gedenkstätte Buchenwald.
Einer der ersten offiziellen Besuche von Claudia Roth führte nach Buchenwald. Bildrechte: dpa

Es weht ein eisiger Wind über den ehemaligen Appellplatz des KZ Buchenwald. Eine dünne Schicht Schnee bedeckt die weite, leere Fläche. Nur das Denkmal für die Opfer des Konzentrationslagers trotzt der Kälte, eine Bodenplatte, die konstant auf 37 Grad erwärmt wird – auf die menschliche Körpertemperatur.

Claudia Roth kniet nieder, streicht über das Metall und hält inne. Kurz darauf richtet sie sich an das Team der Gedenkstätte: "Wenn man diese Metallplatte sieht und die Orte, aus denen die Menschen hierher gebracht worden sind, wo sie die Hölle erlebt haben, dann entspringt daraus doch auch unsere demokratische und kulturpolitische Verantwortung. Und deswegen danke ich Ihnen von Herzen, dass ich heute hier sein kann – als Beginn meiner Arbeit als Kulturstaatsministerin."

Was Gedenkstätten bedeuten

Erinnerungskultur hat für Roth bei weitem nicht nur mit Zurückblicken zu tun. Vielmehr diene Erinnerungskultur der Stärkung unserer Demokratie, erklärt die Kulturstaatsministerin: "Weil man weiter dran bleibt! Weiter dran bleibt in einer Zeit, in der es auch in unserem Land Demokratiefeinde und Rechtsstaatsverächter gibt. Die einen Schlussstrich ziehen wollen, wo es keinen Schlussstrich geben kann."

Claudia Roth im hellen Mantel steht mit zwei Männern vor einer Gedenktafel in Buchenwald.
Claudia Roth zeigte sich vom Mahnmal in Buchenwald besonders berührt. Bildrechte: dpa

Hier trifft Roth auf Zustimmung beim stellvertretenden Gedenkstättenleiter Philipp Neumann-Thein. Immer wieder müssen er und seine Kolleginnen und Kollegen sich gegen rechte Hetze wehren. Das hält sie aber nicht von ihrer Arbeit ab. Das Geschehene dürfe nie vergessen werden. "Das ist unsere Aufgabe", betont er, "diese Geschichten in der Gegenwart, in der Öffentlichkeit präsent zu halten. Und auch immer die neuen Erkenntnisse, die uns neue Methoden und Quellen heute bringen, öffentlich bekannt zu machen. Um sie auch gegen diejenigen zu wenden, die versuchen, das Erreichte, die Demokratie selbst, infrage zu stellen oder ganz und gar abzuschaffen."

Neue Herausforderungen in Buchenwald

Die Gedenkstättenarbeit verändert sich: Zeitzeuginnen und -zeugen sterben, neue Vermittlungsformate müssen entwickelt werden. Claudia Roth kündigt an, sie werde diese Bemühungen unterstützen. Auch Benjamin-Immanuel Hoff, thüringischer Kulturminister und Vorsitzender des Gedenkstätten-Stiftungsrates erklärt, dass man an dem Thema dran sei.

So solle etwa die Zusammenarbeit mit Schulen ausgebaut werden, wofür mehr Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter eingestellt werden müssten. "Das ist häufig die größte Schwierigkeit, geeignetes Personal zu finden, um die große Nachfrage auch zu erfüllen", so Hoff. "Und das ist das, woran wir intensiv arbeiten."

Erinnerungspolitik für die Zukunft

Claudia Roth verneigt sich bei der Plenarsitzung im Deutschen Bundestag.
Claudia Roth trat erst Anfang Dezember 2021 ihr Amt an. Bildrechte: dpa

Im Koalitionsvertrag der Ampel nimmt das Thema Erinnerungskultur vergleichsweise viel Raum ein. Die Gedenkstättenkonzeption des Bundes soll aktualisiert werden, heißt es darin, und die Gedenkstättenforschung unterstützt werden. In Bezug auf die DDR-Zeit soll die Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur gestärkt werden. Denn für Claudia Roth ist klar: Stillstand bei diesem Thema ist gefährlich. "Ich bin mir auch sicher, dass die demokratischen Parteien – auch in der Opposition – im deutschen Bundestag und in den Bundesländern die Notwendigkeit erkennen, welche Bedeutung Erinnerungspolitik und Erinnerungskultur hat. Das ist kein Vergangenheitskram, sondern Zukunftspolitik in einer Demokratie, die in unserem Land angegriffen wird. Wir zeigen so, wie wir mit unserer Geschichte umgehen", so die Kulturstaatsministerin bei einem ihrer ersten offiziellen Termine.

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 11. Dezember 2021 | 10:15 Uhr

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