Sonderausstellung Von der "Magie der Wirklichkeit": Clemens Gröszer im Angermuseum Erfurt

Der Berliner Maler Clemens Gröszer interessierte sich für Menschen am Rand der Gesellschaft: Goths, Punks und Prostituierte. Farbgewaltig und fantastisch brachte der Künstler ihre Porträts auf die Leinwand. 2014 ist der Maler verstorben. Das Angermuseum Erfurt widmet ihm nun eine Sonderschau, in der auch viele Bezüge zur Kunstgeschichte sichtbar werden.

Blick in die Erfurter Ausstellung mit farbstarken Gemälden von Clemens Gröszer.
Clemens Gröszer studierte an der Kunsthochschule Berlin-Weißensee bei Werner Stötzer. Hier ein Selbstporträt. Bildrechte: Emely Stehr

Eine Frau liegt wie aufgebahrt auf einem Tisch. Sie trägt eine Maske, hochhackige Schuhe. Aus einem hauchdünnen Body quellen ihre großen Brüste hervor. Um sie herum sitzen vollständig bekleidete Männer und rauchen, trinken oder essen Erdbeeren und Kaviar. Ein Gemälde, anziehend und abstoßend zugleich: "Ich denke, dass die Frau in diesem Bild viel mehr ist, als nur ein Objekt der Begierde", sinniert Kai-Uwe Schierz, Direktor der Erfurter Kunstmuseen. "Denn die Männer, unter ihnen ja auch Jugendfreunde von Clemens Gröszer, haben alle intensiv mit seiner Kunst zu tun. Insofern steht diese Frau für mich tatsächlich für die Kunst."

Große Vorbild Otto Dix aus Thüringen

Für Schierz, der die Schau gemeinsam mit Gröszers Witwe nach Erfurt geholt hat, laden die Bilder ein in eine völlig eigene Welt. Es gehe in den Bildern darum, Individualität zeichnerisch aufzunehmen und sie dann zu überzeichnen, sagt der Kurator. Die meisten in der Schau abgebildeten Peronen sind Frauen: Sie tragen Kleidung oder auch nicht, sind dick oder dünn. Sie haben mal etwas Trauriges, mal etwas Entrücktes, manchmal etwas Verruchtes an sich.

Viele Bilder lassen in ihrer Direktheit und auch ihrer Farbigkeit Assoziationen zu Otto Dix aufkommen, dem großen Vorbild von Clemens Gröszer. Wie Dix in den 1920er-Jahren interessierte sich auch der Berliner gegen Ende der DDR-Zeit für Subkulturen. Für Menschen am Rande der Gesellschaft, von Goths und Punks bis hin zu Prostituierten, erzählt Anna Gröszer: "Es waren viele Frauen darunter, die dann später ausgewandert sind. Sie hatten keine Arbeit mehr, oder hatten Schwierigkeiten mit den Eltern. So haben sie eben Modell gestanden.

Eine Frau steht in einem Museum und lacht.
Anna Gröszer kümmert sich um den Nachlass ihres Mannes. Bildrechte: Mareike Wiemann

Malerischer Ritt durch die Kunstgeschichte

Gemälde: Um eine lichtbekleidete liegende Frau sind mehrere gräuliche Männergesichter zu sehen.
Clemens Gröszer: "Réunion (Abendmahl)", 2007 Bildrechte: Mareike Wiemann

Meist kamen die Frauen mehrmals wieder. Gröszer arbeitete am Modell, brachte nach und nach im Sinne der altmeisterlichen Lasurtechnik immer neue Farbschichten auf die Leinwand. Unzählige, teils filigrane Details lassen sich nun in seinen Bildern erkennen, die Porträtierten finden sich in fantastischen Umgebungen wieder.

Kai-Uwe Schierz deutet auf ein Bild mit dem Titel "Marin á cholie XIV". Darauf ist eine nackte Frau abgebildet: Sie trägt auf dem Kopf eine rote Plastiktüte, die von der Form her an eine Bischofsmütze erinnert. Im Hintergrund erhebt sich weißes Gebirge. "Hier erkennen wir Kreidefelsen", erklärt der Museumsdirektor. "Und bei Kreidefelsen wissen wir sofort, mit wem wir es zu tun haben: nämlich mit Caspar David Friedrich. Und solche Zitate in die Kunstgeschichte hinein finden wir bei Gröszer vielfältig!"

Nicht nur Zitate aus der Kunstgeschichte, sondern auch aus der Literaturgeschichte lassen sich erkennen. Die Frau dreht etwa eine Glaskugel auf ihren Fingern, ein Motiv, das in der romantischen Literatur auftaucht.

Fantastisch-gruselige Frauenfiguren

Das Motiv der "Marin á cholie", eine Art Mischung aus Göttin und Hure, hat Gröszer in mehreren Varianten gemalt, fantastisch-gruselige Frauenfiguren, die eine ungeheure Stärke ausstrahlen. Andere Porträts dagegen bleiben der Realität verhaftet, bestechen durch ihre Nüchternheit und Gelassenheit. Man spürt förmlich: Hier wurde ein ganz besonderer Mensch gemalt.

Blick in die Erfurter Ausstellung mit farbstarken Gemälden von Clemens Gröszer.
Links im Bild sind "Marin á cholie III" und "Marin á cholie XIV" zu sehen. Bildrechte: Emely Stehr

Anna Gröszer beschreibt ihren Mann als "Hingucker", der einfach erkannt habe, wer sich als Modell eigne. Immer wieder hat Clemens Gröszer diese Frauen und auch Männer in sein Atelier geladen, hat sich inspirieren lassen von ihrer Ausstrahlung, ihren Geschichten. Er selbst hat einmal über seine Kunst gesagt: "Die Magie der Wirklichkeit genügt mir, daran meine Malerei zu entzünden".

Informationen zur Ausstellung Die Sonderausstellung "Clemens Gröszer. Magie der Wirklichkeit" ist bis zum 5. März 2023 in Erfurt zu sehen.

Adresse:
Angermuseum
Anger 18
99084 Erfurt

Öffnungszeiten:
Dienstag bis Sonntag von 10 bis 18 Uhr
Montags geschlossen

Redaktionelle Bearbeitung: Thilo Sauer

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 24. November 2022 | 08:40 Uhr

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