Kirchenmalerei Conrad Felixmüllers Version der Weihnachtsgeschichte in der Kirche Tautenhain

Es ist der einzige religiöse Bild-Komplex des bekannten Malers Conrad Felixmüller. Sein Name reiht sich ein bei den großen Expressionisten in Deutschland. Doch als der Maler ab den 30er-Jahren einen eher realistischen und romantisierenden Stil pflegt, schwindet sein Bedeutung. Etliche Werke des zeitweise kommunistisch überzeugten, in der KPD organisierten Künstlers haben einen zeitgeschichtlichen oder politischen Bezug. So auch seine Bemalung der Kirchen-Empore in der St. Jakobi-Kirche in Tautenhain bei Frohburg. Von 1944 bis 1961 lebte der Maler und Grafiker dort, nachdem er in Berlin ausgebombt worden war.

Malerei der Weihnachtsszene in Tautenhainer Kirche: eine leuchtende Figur im blauen Kinder in der Mitte, drumherum stehen mehrere Menschen
In den 50er-Jahren entwarf der Maler Conrad Felixmüller eine moderne Version der Weihnachtsgeschichte. Bildrechte: Markus Helbig/Kirchenspiel Geithainer Land

Maria, in eine Aura von Licht getaucht, hält das Kind auf dem Schoß. Drumherum viele Menschen, die gekommen sind, das Wunder zu schauen. Sie tragen keine Kleidung, wie man sie in Bethlehem des Jahres Null vermuten würde, sondern welche aus der Zeit nach 1945. Zwei Männer in Arbeitskleidung sind mit einem Fahrrad herbeigeeilt, trotz dichter Schneedecke auf dem Feld. Der ältere zeigt mit beiden Händen auf das Jesuskind, der jüngere schwankt, ob er Eile und Geschäftigkeit aufgeben und sich öffnen soll. Die anderen Umherstehenden tun dies längst.

Darstellung von realen Tautenhainern im Bild

Blick auf den gelben Kirchturm in Tautenhain zwischen Pflanzen.
1952 wurde die religiöse Bilderserie in der Tautenhainer Kirche eingeweiht. Bildrechte: Markus Helbig/Kirchenspiel Geithainer Land

Als er Anfang der 50er-Jahre das Bild malte, hatte Conrad Felixmüller – mit revolutionärem Impetus – darin etliche Bewohner des Örtchens Tautenhain verewigt, etwa Marie Mätzold, mit Ziege und Hund, Frau Kabisch, als Mutter Maria, zudem den damaligen Pfarrer Heinz Winkler sowie sich selbst mit Enkelin.

Am 5. Oktober 1952 wurde Felixmüllers "Weihnachtsbild" unter großer Aufregung aller Beteiligten eingeweiht, erklärt Heinz Junghans, Ortskirchenvorsteher und gebürtiger Tautenhainer: "Ich finde das schon gut, dass die Heilsgeschichte in die damalige Zeit reingestellt wurde, auch mit den Menschen, die damals hier gelebt haben. Es hat damals sicher eine Polarisierung gegeben, die Menschen, die hier dargestellt sind, sind alle benannt und bekannt, außer den zwei Arbeitern. Und bei der Wiedereinweihung sind an dem Tag zwei Gottesdienste gefeiert worden, weil die Menschen sonst nicht Platz gehabt hätten." 

Die Heilge Nacht ins Rochlitzer Muldental verlegt

Auch die Landschaft im Bild mit dem Turm der Tautenhainer Kirche zeigt, dass Felixmüller die Heilige Nacht in der Nachkriegszeit im Rochlitzer Muldental verortete. Der in Dresden geborene Maler, 1944 in Berlin ausgebombt, hatte in Tautenhain mit Frau und zwei Kindern Zuflucht gefunden. Zu dieser Zeit war er bereits eine Berühmtheit: Zwischen 1915 und 1933 gehörte er als Expressionist und Akteur der Neuen Sachlichkeit zu den bekanntesten jungen deutschen Künstlern. 1919 trat er in die KPD ein, 1924 wieder aus, wurde schließlich von den Nazis verfemt. In den 50er-Jahren neigte Felixmüllers Malstil einem romantisierenden Realismus zu wie das "Weihnachtsbild" sowie fünf weitere, in die Empore eingelassene Bilder des Gotteshauses bezeugen.

Blick in den leeren Raum der Tautenhainer Kirche und die Empore mit Malerein.
In seinen Malereien auf der Empore bildete Conrad Felixmüller auch zahlreiche Zeitgenossen aus Tautenhain ab. Bildrechte: Markus Helbig/Kirchenspiel Geithainer Land

Felixmüller holt die Weihnachtsgeschichte in seine Zeit

Die aktuell-politische Botschaft der Bilder ist nicht zu übersehen, bemerkt Pfarrer Markus Helbig: "Manche wünschen sich eine historisierende Kirche und manche wünschen sich eine aktuelle. Conrad Felixmüller wollte sie offensichtlich aktuell. Und ich denke, wenn wir heute Felixmüller unter uns hätten, er hätte manche mit Masken gemalt. Ich denke, er hätte die Corona-Wirklichkeit hineingezeichnet in die Sache, und da kommt Weihnachten hinein. Gott schafft Heil inmitten unserer jetzigen Welt, ansonsten bleibt Weihnachten ein altes Märchen. Das hat er ganz großartig gemacht – guter Theologe!"

Ein Selbstbildnis des Expressionisten Conrad Felixmüller
Ein Selbstbildnis des Expressionisten Conrad Felixmüller Bildrechte: dpa

Ich denke, wenn wir Felixmüller heute unter uns hätten, er hätte manche mit Masken gemalt. Ich denke, er hätte die Corona-Wirklichkeit hineingezeichnet in die Sache, und da kommt Weihnachten hinein.

Markus Helbig, Pfarrer

Kirchen-Bilder sind "Glaubensbekenntnis" von Felixmüller

Bei den drei Bildern für die Nord-Empore ließ sich Conrad Felixmüller von der christlichen Heilsgeschichte anregen: der Geburt Jesu, Ostern und Pfingsten. Die West-Empore zeigt indessen die Vertreibung aus dem Paradies sowie in dem Bild "Welt" den Sündenfall. Felixmüller thematisierte darin die Folgen des Zweiten Weltkriegs und malte Gräber, Konzentrationslager, eine Industrielandschaft und das zerstörte Berlin. Der zeitweise bekennende Kommunist hatte einmal die Arbeit in der Kirche als die "schönste Aufgabe" seines Lebens bezeichnet und als "Glaubensbekenntnis" – vielleicht, weil er hier seine künstlerische Intention einfach umsetzen konnte.

Gemalte Interpretation des Abendmahls: Modern wirkende Menschen um einen Tisch mit weißem Tischtuch.
Conrad Felixmüller zeigt seine Sicht auf den christlichen Glauben in seiner Zeit. Bildrechte: Markus Helbig/Kirchenspiel Geithainer Land

In der noch jungen DDR polarisierte der Maler, weil er keinen Realismus sowjetischer Prägung liefern wollte. "Er hat ganz viel Anderes gemalt, aber hier ist es eine besondere Herausforderung für ihn gewesen. Die hat er gesehen und ergriffen. Also, ich glaube, er hat sich auch so ein bisschen darum beworben, das machen zu dürfen. Die Initiative ging von ihm aus und nicht von der Gemeinde. Und ich denke mal, er hat Recht behalten", erzählt Markus Helbig.

Ein Schatz mitten in der Dorfkirche

In seiner Tautenhainer Zeit, von 1944 bis 1961, hatte Conrad Felixmüller eine starke Bindung zu dem idyllisch gelegenen Ort und seinen Bewohnern aufgebaut. Auch aus Verbundenheit malte er die Dorfkirche aus. Heute ist sie ein Schatz. In keiner anderen Kirche Deutschlands wurde in der Nachkriegszeit die Empore auf diese Weise gestaltet. Und schon gar nicht von einem so namhaften Maler, der hier sein einziges religiöses Werk schuf.

Information Wer die St. Jakobi-Kirche in Tautenhain besuchen möchte, sollte sich vorher im Pfarramt anmelden. Mit etwas Glück erhält er eine kleine Führung und damit noch etliche interessante Hintergrundinformation mehr.

Aus der Welt der Kunst

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 16. Dezember 2021 | 07:10 Uhr

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