Museumsbetrieb in Corona-Zeiten Kunst ohne Publikum: Ausstellungen im Lockdown

Ein Museum ohne Publikum und Ausstellungen, die langfristig geplant und konzipiert wurden – doch keiner sieht sie. Marion Ackermann, Direktorin der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden (SKD), hat dafür einen Begriff gefunden: Verlorene Ausstellungen. Auch junge Künstler, wie Erik Swars, sind davon betroffen. Im Herbst hatte er für wenige Tage seine erste institutionelle Einzelausstellung im Museum der Bildenden Künste Leipzig – doch nach nur vier Tagen durchkreuzte der Corona-Lockdown seine Pläne.

Ein Geschlossen-Schild in einer Gemäldegalerie
Bildrechte: MDR/imago/momentphoto/Robert Michael

Wann ein Museumsbesuch wieder möglich sein wird, weiß niemand. Denn noch immer fehlt eine Perspektive. Doch es gibt Ausstellungen, die verloren sind, wie Marion Ackermann, Direktorin der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden, es beschreibt. Damit prägt die Kunsthistorikerin und Kuratorin einen neuen pandemischen Terminus: Verlorene Ausstellungen. Dazu zählen auch drei Schauen der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden, die nur in sehr verkürzter Form oder gar nicht besichtigt werden konnten. Darunter Ausstellungen zu Caravaggio, Raffael und die Madonna, Ernst Barlach, Angela Davis, eine Handwerksausstellung im japanischen Palais und die Schau zum 300. Jubiläum des Kupferstichkabinetts "Crossing Borders".

William Kentridge
Ausstellungsansicht "Crossing Borders" mit Félix González-Torres: "Untitled (Wir erinnern uns nicht)" und William Kentridge: "Mantegna" Bildrechte: Staatliche Kunstsammlungen Dresden

Ausstellungen als Momentum

Eine Verlängerung der Ausstellungen ist nur bedingt möglich. Internationale Leihgaben werden teilweise wieder zurückgeschickt, während andere Ausstellungen drängeln, etwa das 100-jährige Beuys-Jubiläum. Die Planung für größere Ausstellungen laufe normalerweise zwei bis drei Jahre im Voraus, erklärt Marion Ackermann. So haben auch die Museen eine zeitbedingte Aufführungspraxis. Wie auf einer Bühne entstehe auch im Museum ein Momentum, ein unwiederbringlicher Augenblick, den man nicht so einfach wiederholen könne, so die Direktorin.  

Sie [die Ausstellung] ist da für einen kurzen Moment und ohne die Menschen, die sie betrachten, bleibt die Frage: Was ist es dann? Ist dann überhaupt in irgendeiner Weise die Kunst aktiviert?

Marion Ackermann, Direktorin der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden

Auch wenn die Öffnungsperspektiven für die Museen nach wie vor ungewiss sind, halten die Staatlichen Kunstsammlungen Dresden trotzdem an ihren sieben großen Ausstellungen für dieses Jahr fest – darunter die große Romantik-Ausstellung in Dresden und Moskau, die in Russland nach jetzigem Stand am 12. April eröffnet werden soll.

Marion Ackermann
Marion Ackermann in der "verlorenen" Ausstellung "Crossing Borders" im Residenzschloss. Bildrechte: MDR/Pia Uffelmann

Verlorene Ausstellungen aus Künstlerperspektive

Erik Swars erlebt die geschlossenen Museen aus der Künstlerperspektive. Er ist Absolvent der Burg Giebichenstein in Halle und wird unter anderem durch die Galerie Jochen Hempel vertreten. Seit etwa zehn Jahren stellt der Künstler seine Werke in Gruppen- und Einzelausstellungen aus. Ende Oktober 2020 stand ein Novum an: Seine erste institutionelle Einzelausstellung im Museum der Bildenden Künste in Leipzig (MdbK) – ein großer Schritt für den Anfang 30-Jährigen. In Zwenkau geboren, war das Leipziger Museum immer die größte Institution direkt vor Ort, denn im Museum auszustellen sei anders als in Galerien: 

Das ist ja der Ort, wo man eigentlich hin möchte und worum es am Ende auch geht, weil das Museum im besten Fall unbefangen ist. Und man kann seine Kunst zeigen, ohne eine Begrenzung durch etwas.

Erik Swars, Bildender Künstler aus Leipzig

Doch nach nur vier Tagen konnte niemand seine Raum-Installation aus monochromen Malereien, Fotografien aus seinem sozialen Umfeld und einer Videoarbeit sehen: Der Lockdown ab November 2020 ließ es nicht zu. Nach mehrmonatiger Vorbereitungsphase war das für Erik Swars ernüchternd. In den darauffolgenden Wochen besuchte er mit seinem Kurator hin und wieder die Ausstellungsräume in der Leipziger Innenstadt. Während die Geschäfte draußen noch geöffnet waren, stand Erik Swars im menschenleeren Museum und sah seine Ausstellung, die sonst niemand sehen konnte. Das habe das Museum noch mehr zu einem Ort gemacht, der mit der Außenwelt irgendwie nichts zu tun hat, erzählt der Bildende Künstler.

Blick in Erik Swars Ausstellung im MdBK
Für die Austellung "Connect Leipzig #2" hat Erik Swars eine komplexe Rauminstallation im MdbK Leipzig realisiert. Bildrechte: Erik Swars

Trotzdem bleibt bei Erik Swars das gute Gefühl, die Ausstellung gemacht zu haben – obgleich sie nur an vier Tagen besichtigt werden konnte und eigentlich bis Anfang Dezember 2020 hätte gezeigt werden sollen. Das Museum habe dem Künstler jedoch vom ersten Moment an eine Verlängerung der Schau in Aussicht gestellt.

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 19. Februar 2021 | 07:10 Uhr

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