Ausstellung "Das Mädchen K" in Halle – Bilder zwischen Comic, Manga und Märchen

Zur Rettung der Familie wird ein Kind in die Prostitution verkauft. Diesen düsteren Nationalepos der Vietnamesen mit dem Titel "Truyện Kièu", geschrieben von Nguyễn Du (1765–1820) nimmt die Ausstellung "Das Mädchen K" im Neuwerk Halle in den Blick: Die Schau zeigt die düsteren Bild-Kreationen Franca Bartholomäis zwischen Comic-, Manga- und Märchenwelt. Die Hallesche Künstlerin genießt überregionale Bekanntheit und ist bereits mehrfach für ihre eindrucksvollen Holz- und Scherenschnitte mit Kunstpreisen prämiert worden.

Impressionen der Ausstellung " Das Mädchen K" von Franca Bartholomäi im Neuwerk 11 in Halle/Saale
Impressionen der Ausstellung "Das Mädchen K" von Franca Bartholomäi im Neuwerk 11 in Halle/Saale Bildrechte: Franca Bartholomäi/Foto: Matthias Ritzmann

Drei bis vier Meter große, schwarze Schreitvögel zeigt eine weiße Wand in der Kunststiftung Sachsen-Anhalt: "Schwarzvögel" nennt die in Halle lebende Künstlerin Franca Bartholomäi ihre überdimensionalen Papierschnitte, die Unglücksvögel, Boten aus der Anderswelt zeigen. Gesichtslos und unbeirrbar nehmen sie ihren Weg über die Ebene. Den ersten versucht ein Mädchen aufzuhalten, indem es sich an seinen Unterleib klammert – umsonst.

Franca Bartholomäi
Die Hallesche Künstlerin Franca Bartholomäi. Bildrechte: Matthias Ritzmann

Dieses Mädchen stemmt sich gegen diese übergroßen Vogelwesen. Vögel stehen ja in vielen Kulturen auch für Götterboten oder Boten der Ahnen. Und es sieht auf, als wollte sie das Schicksal aufhalten, diese Kleine – vielleicht nimmt sie es aber auch in Empfang und umarmt, was kommt.

Franca Bartholomäi

Das Unglück sucht das Mädchen Kieu mit aller Härte heim, zur Rettung der Familie wird es in die Prostitution verkauft. Der Weg des Kindes führt tief in die Erniedrigung hinein, nur ihr Empfinden für das Gute und Schöne hält Kieu am Leben.

Impressionen der Ausstellung " Das Mädchen K" von Franca Bartholomäi im Neuwerk 11 in Halle/Saale 5 min
Bildrechte: Franca Bartholomäi/Foto: Matthias Ritzmann

MDR KULTUR - Das Radio Di 08.06.2021 12:00Uhr 05:18 min

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Qualen der Kieu als Sinnbild des Vietnamesischen Volkes

Die Papier-und Holzschnittkünstlerin Franca Bartholomäi hat sich auf Einladung des Goethe-Instituts in Hanoi 2017 dem vietnamesischen Nationalepos "Das Mädchen Kieu" angenommen, geschrieben vom Dichter Nguyen Du, der von 1765 bis 1820 lebte. Die Qualen der Kieu werden bis heute in der Sozialistischen Republik Vietnam als Sinnbild für die Leiden des vietnamesischen Volkes verstanden. Viele Vietnamesen können aus dem Buch zitieren. Und so ist es nur folgerichtig, dass auch das vietnamesische Fernsehen über Franca Bartholomäis Ausstellung in Halle berichtete.

Impressionen der Ausstellung " Das Mädchen K" von Franca Bartholomäi im Neuwerk 11 in Halle/Saale
Impressionen aus der Ausstellung "Das Mädchen K" Bildrechte: Franca Bartholomäi/Foto: Matthias Ritzmann

"Als wir in Vietnam waren, waren wir erstaunt, wie viele unglaublich junge Leute in die Ausstellung gekommen sind, die waren alle zwischen 12 und 16", so die Direktorin Manon Bursian. "Die guckten sich die Kleider an, die Kieu auf einmal im 21. Jahrhundert trägt und wie kleiden sich deutsche Mädchen und es ist ein Werk, das viele auswendig können, was letztlich auch eine Literatur ist, die im Volk angekommen ist."

Übrigens erschien die erste deutsche Übersetzung des "Mädchen Kieu" von Irene und Franz Faber 1964 im Ost-Berliner Verlag Rütten & Loening, es war die erste Übersetzung aus der klassischen vietnamesischen Literatur im gesamten deutschsprachigen Raum.

Impressionen der Ausstellung " Das Mädchen K" von Franca Bartholomäi im Neuwerk 11 in Halle/Saale
Impressionen der Ausstellung "Das Mädchen K" Bildrechte: Franca Bartholomäi/Foto: Matthias Ritzmann

Franca Bartholomäi: "Wunderkind" des Papierschnitts

Dass sich viele Vietnamesen für Franca Bartholomäis Darstellung interessieren, liegt nicht zuletzt an ihrer Bildkunst. Bartholomäi, Jahrgang 1975, in Hohenmölsen im Burgenlandkreis geboren und seit ihrem Studium in Halle lebend, galt viele Jahre in Sachsen-Anhalt als Wunderkind des Holz- und Papierschnitts. Inzwischen löst sie dieses Versprechen auch als etablierte Künstlerin ein, hat etwa für die Moritzburg einen bemerkenswerten Zyklus zu Franz Marcs berühmter weißer Katze geschaffen und wird mit Kunstpreisen überhäuft. Zuletzt erhielt sie 2020 den Internationalen Lucas-Cranach-Preis der fränkischen Stadt Kronach und bekleidet bereits seit 2010 einen Lehrauftrag an der Burg Giebichenstein im Fachgebiet Grafik.

Impressionen der Ausstellung " Das Mädchen K" von Franca Bartholomäi im Neuwerk 11 in Halle/Saale
Impressionen aus der Ausstellung "Das Mädchen K" Bildrechte: Franca Bartholomäi/Foto: Matthias Ritzmann

Moderne Interpretation: Mischung aus Manga-, Comic- und Märchenwelt

Bartholomäis moderne Kieu lässt die Jugend nicht außen vor. Sie trägt auch Züge des Kindes Heidi ins sich, in Szene gesetzt für den Welterfolg von einem japanischen Animé-Studio, neben weiterer erkennbarer Inspiration durch Manga und Comic. Und nicht nur dies, Direktorin Manon Bursian betont: "In Franca Bartholomäis Werk, das natürlich von Dürer beeinflusst ist, findet man eben ganz starke Einflüsse des Comics: Das findet man in den Symbolen, die immer wieder auftauchen, in den Smileys, Sprechblasen, Häuschen, die sehr reduziert sind – und ich habe gesehen, als meine Tochter sich die Ausstellung anguckte: Je gruseliger die Momente sind und dargestellt werden, desto tiefer war dieses Kind am Ende fasziniert."

Impressionen der Ausstellung " Das Mädchen K" von Franca Bartholomäi im Neuwerk 11 in Halle/Saale
Impressionen der Ausstellung "Das Mädchen K" Bildrechte: Franca Bartholomäi/Foto: Matthias Ritzmann

Düster und faszinierend, da mit Brillanz ausgeführt, geht es etwa auf Bartholomäis meterbreitem Holzschnitt "Mitternachtsstunde" zu, auf dem Kieu barfuß wie das Sterntalermädchen mit anderen Mädchen ein Art "Blinde Kuh" spielt. Viele haben Papiertüten über die Köpfe gestülpt und scheinen orientierungslos, erfahren aber den offenen Sternenhimmel der Mitternacht und seine Schatten umso intensiver. Wer sich Märchen, Mythen und gut gemachte Comics anschaut, ist am Ende auch bei der Holzschnittkünstlerin Franca Bartholomäi nicht verkehrt.

Impressionen der Ausstellung " Das Mädchen K" von Franca Bartholomäi im Neuwerk 11 in Halle/Saale
Impressionen der Ausstellung "Das Mädchen K" Bildrechte: Franca Bartholomäi/Foto: Matthias Ritzmann

Informationen zur Ausstellung "Das Mädchen K"
Papier- und Holzschnitte der Halleschen Künstlerin Franca Bartholomäi
Kunststiftung Sachsen-Anhalt, Neuwerk 11, 06108 Halle (Saale)
Bis 1. August 2021: Mittwoch bis Sonntag von 14 bis 18 Uhr.

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | MDR KULTUR am Mittag | 08. Juni 2021 | 12:40 Uhr

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