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Heinz Henschel war allen als Schlosser bekannt, seine Kunst behielt er für sich. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Outsider ArtEntdeckung in Dessau: Wie ein Schlosser heimlich zum fantastischen Künstler reifte

von Meinhard Michael, MDR KULTUR

Stand: 25. März 2022, 14:05 Uhr

Man nennt es Outsider Art oder Art Brut: Autodidakten und Laien, die mit viel Energie, aber ohne Kontakte zur Kunstwelt anspuchsvolle Kunstwerke schaffen. Henry Darger oder auch Karl Hans Janke waren bekannte Vertreter. Auch Heinz Henschel ist so ein Künstler gewesen: Allen war er nur als Schlosser bekannt. Doch nach seinem Tod vermachte er seinem Freund 1.200 Zeichnungen, Radierungen und Skizzen. Die Bilder zeigt der Dessauer Kunstverein nun in der Orangerie des Schlosses.

Heinz Henschel wuchs in Coswig an der Elbe auf und kam als junger Mann nach Viersen an den Niederrhein. Dort schuf er seit den 80er-Jahren sein beachtliches Künstler-Werk. Als er 2016 mit 77 Jahren kinderlos starb, vererbte er seine so expressive wie versponnene Kunst einem Freund, der ihm beim Fotografieren der Werke geholfen hatte.

Auch ihm gegenüber hatte Heinz Henschel lange Zeit über seine Passion geschwiegen. Kunst – das war sein ganz Privates: "Ich glaube, dass die Leute, mit denen er sich umgeben hat, gar nicht so tief in der Kunst gesteckt haben. Er hätte gar keine Aussicht darin gesehen, sich mit ihnen zu unterhalten", erklärt der Nachlassverwalter Matthias David. Höchstens mit einem befreundeten Kunstpädagogen könnte er sich über seine Arbeit unterhalten haben. "Der wäre eine sehr interessante Quelle dafür gewesen", meint David. Doch leider ist auch er bereits gestorben.

Schweigsamer Künstler Henschel

Der Kunstverein Dessau stellt nun aus, was von dem meist alleinlebenden Mann in der Stille seiner Zweizimmerwohnung aufs Papier gebracht wurde. Man sieht den Zeichnungen von Heinz Henschel an, wie viel Zeit in ihnen steckt.

In seine Zeichnungen hat Henschel viel Zeit gesteckt. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Sie zu interpretieren ist schwer, zumal Henschel nicht nur über seine Kunst geschwiegen hat, sondern auch über sein Leben, Herkunft, Familie. "Das ist ein absolutes Phänomen für mich und für uns, warum ein Mensch so dermaßen alles für sich behält und nichts nach außen dringen lässt", wundert sich Matthias David. "In der Recherche im Nachgang habe ich Mitarbeiter aus der gleichen Firma gesprochen, die 30 Jahre mit ihm zusammengearbeitet haben – auch ihnen hat er nichts über die Familie erzählt."

Dagegen geriet er vor seinen Blättern zuweilen in Mitteilungsdrang. Henschel war Autodidakt, anatomisch zeichnen konnte er nicht. Er war ein Schaffender und Erfinder: In Frühstücksbretter ritzte er seine Bilder und druckte sie, nachdem ein Nachbar und Kunsterzieher ihm die Radierung erklärt hatte. Er bastelte sich sogar eigene Stifte – aus Bohrern. "Ich glaube, es war dem Zufall geschuldet, dass wirklich das daliegende Küchenbrett ihn dazu eingeladen hat, einen Versuch darauf zu unternehmen und darauf zu radieren und es fortan sein Mittel war, weil er es in jedem zweiten Geschäft in der Stadt kriegen konnte. Es wahrscheinlich auch wesentlich günstiger war, damit zu arbeiten", vermutet sein Nachlassverwalter und ergänzt: "Henschel war pragmatisch bis hin geradezu asketisch."

Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Hafterfahrungen nach Flucht aus DDR

Henschel schuf vor allem Phantasiewelten. Vieles könnte Märchen illustrieren. Er benutzt Sehnsuchtsmotive wie Schiffe unter Takelage im Sturm oder verwittert und muschelbestückt vom Meeresgrund gehoben.

Nachlassverwalter Matthias David Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Einige Motive der Sehnsucht und Bedrückung erklärt Matthias David mit der Biographie Henschels in der DDR. Bevor Henschel 1957 aus Coswig zunächst nach Westberlin floh, war er zeitweise auch in Jugendhaft: "Die Schiffe sind ein Symbol der Freiheit, des Davonsegelns, der Weltmeere, der Offenheit, und sind somit Fahrzeuge in die Freiheit. Vielleicht ist das genau das, was jemanden bewegt, der gefangen war und nicht das tun konnte, was er wollte." Im Nachlass Henschels finden sich auch zahlreiche Bücher über Schiffe. Diese Recherche erklärt auch den Reichtum an Details in den Bildern.

Detailverliebte Kunst

Anderes könnte von Karl-May angeregt sein. In vielen seiner Bilder war Henschel ein manischer Ornamenteur: Er punzierte sie haptisch und punktierte sie mikrometer-eng. Für den Zeichner, der in solche Welten eintaucht, war die reale Welt die ferne. Man stelle sich Heinz Henschel als Kontrast unter der Schweißerhaube vor. "Henschel war bei seinen Arbeitgebern für seine Präzision bekannt, sodass er dort auch als Philosoph der Drehbank beschrieben wurde. Er hat kleine Dinge erzeugt und diese Filigranarbeit findet sich auch in seinem Werk wieder."

Er schabte sogar aus schwarzen Hintergründen von Illustrierten Phantasiewesen hervor. Es besteht kein Zweifel, dass die Kobolde und Wächter für ihren Erfinder wichtig waren: Verschenkt hat er ausschließlich Drucke und Duplikate, er bewahrte sein Werk, damit irgendwann doch: sein Privates öffentlich werde.

In Dessau werden die Werke Henschels nun ausgestellt. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Wunscherfüllung in Dessau

"Wer kauft 200 Bilderrahmen, fängt an sein Werk zu rahmen, wenn er zu Hause in der Wohnung nur vier Bilder von sich an der Wand hat", fragt Matthias David. Er hat Heinz Henschel in den letzten Tagen und Stunden begleitet. Er hatte vermutet, dass Henschel seine Bilder auch zeigen wollte und ihm angeboten, sich um eine Ausstellung zu kümmern. "Da war er einverstanden und deswegen denke ich schon, dass der Moment gekommen war, wo er es gewagt hätte, an die Öffentlichkeit damit zu gehen."

Es ist ein eigentlich unglaubliches Phänomen: Der Autodidakt blieb kein Laie, aber vollkommen privat entstand in rund 40 Jahren intensiver Praxis ein Werk, das ein findiger Nachlassverwalter nun in Dessau öffentlich macht – das gelingt den wenigsten der professionellen Künstler.

Weitere InformationenDie Ausstellung "Von Vögeln, die nicht fliegen" mit Werken von Heinz Henschel ist noch bis zum 3. April zu sehen.

Adresse:
Orangerie der Anhaltischen Gemäldegalerie, Puschkinallee 100
06846 Dessau

Öffnungszeiten:
Dienstag bis Sonntag von 10 bis 17 Uhr

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Dieses Thema im Programm:MDR FERNSEHEN | artour | 24. März 2022 | 22:05 Uhr