Scheidender Direktor des Grünen Gewölbes Dirk Syndram: "Schatzkunst ist eigentlich etwas total Unnützes!"

Nach jahrzehntelangem Wirken am Grünen Gewölbe in Dresden geht dessen Direktor Dirk Syndram jetzt in den Ruhestand. Warum diese Schatzkammer der Startpunkt der europäischen Museumsgeschichte darstellt und alles andere Wissenswerte um diesen weltweit einzigartigen Platz hat er in seinem Buch "Der Traum des Königs. Die Schätze des Grünen Gewölbes" zusammengetragen. Birgit Fritz hat mit Syndram gesprochen und stellt das Buch vor.

Die Schätze des Grünen Gewölbes in Dresden und deren Geschichte stellt das Buch "Der Traum des Königs" vor, herausgegeben vom scheidenden Direktor dieser Schatzkammer, dem Kunsthistoriker Dirk Syndram. Das schöne Buch mit einer sorgfältig getroffenen Auswahl aktueller und historischer Fotos gliedert sich in zwei Teile. Der Hauptteil widmet sich ausgewählten Objekten und Materialgruppen des Grünen Gewölbes. Dem vorangestellt ist eine sehr präzise Darstellung seiner Geschichte, die von Sammelleidenschaft und Politik gleichermaßen geprägt ist und eng mit Friedrich August I. von Sachsen verbunden wird – der seinen Beinamen "August der Starke" übrigens erst viele Jahre später erhielt.

Gemälde August der Starke
August dem Starken ist die prunkvolle Sammlung in Dresden zu verdanken Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Unerwarteter Herrscher

Eine Regentschaft war für den Zweitgeborenen gar nicht vorgesehen. Der plötzliche Tod seines älteren Bruders Georg IV. brachte ihn auf den Thron. 1694 trat er die Herrschaft über ein durch den Bergbau reiches und weit entwickeltes Territorium an. Aber er wollte mehr.

Der Traum des Kurfürsten war es, König zu werden. Der Traum des Königs war es, eine reiche Schatzkammer zu haben. Eine die ihn vor die anderen geborenen Könige stellt – denn er war ja gewählter König.

Dirk Syndram

August ist gewählter König des polnischen Großreiches, dessen Wahlmonarchie auch landesfremde Kandidaten zulässt. Der sächsische Kurfürst kann sich mit viel Geld, der Konversion zum katholischen Glauben und diplomatischen Ränken gegen seine Mitbewerber durchsetzen. 1697 wird er in Krakau zum König einer schwer regierbaren Adelsrepublik gekrönt und steigt damit zu den Majestäten in Europa auf.

Besucher im Silbervergoldeten Zimmer während der Wiedereröffnung des Grünen Gewölbes im Dresdner Schloss.
Viele Besucherinnen und Besucher lassen sich jedes Jahr von den Dresdner Schätzen verzaubern Bildrechte: IMAGO

Schätze zum Repräsentieren

Wie kein Zweiter versteht es August der Starke, die ererbten Schätze seiner Vorfahren und die von ihm in unglaublicher Zahl getätigten Neuerwerbungen an Kunstwerken und Juwelen für seine politischen Ambitionen und für die Repräsentation der neuen, größeren Rolle einzusetzen.

Dirk Syndram, Direktor des Grünen Gewölbes in Dresden
Dirk Syndram Bildrechte: MDR/Katrin Tominski

Einerseits war es die Schatzkammer-Sammlung der Kurfürsten von Sachsen. Und dann, als August der Starke seinen Sohn so gut verheiratet hatte, hat er da seine Juwelen ausgestellt, die ja doch eine gewaltige Vielfalt hatten.

Dirk Syndram

Ab 1722/23 werden die Räumlichkeiten über Barockbaumeister Pöppelmann so ausgebaut, dass man auch Leute reinlassen kann, erläutert Syndram. Bis 1729 lässt der sächsische Kurfürst-König die im Westflügel des Dresdner Schlosses gelegenen Tresorräume prachtvoll zu einem öffentlich zugänglichen Schatzkammermuseum umgestalten.

Beginn europäischer Museumsgeschichte

Für Syndram steht das Grüne Gewölbe damit am Anfang der europäischen Museumsgeschichte. Mit dem Begriff der "Schatzkunst" bezeichnet Syndram eine eigene Gattung von Objekten aus verschiedenen Materialien und in vielerlei Gestalt: Nautiluspokale zählt er ebenso dazu wie die kleinen Figürchen aus bizarr geformten Barockperlen.

Das "Goldene Kaffeezeug" von Hofjuwelier Johann Melchior Dinglinger aus dem Jahr 1701 steht während einer Vorbesichtigung im Neuen Grünen Gewölbe der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden im Residenzschloss unter dem Gemälde August des Starken, 1723 von Louis Silvestre gemalt.
Das "Goldene Coffezeugk" ist nicht zum Kaffeetrinken geeignet Bildrechte: dpa

Ihr gemeinsames Merkmal ist, neben dem enormen Einfallsreichtum in der Gestaltung und der meisterhaften Beherrschung der Materialien, dass sie dem praktischen Gebrauch enthoben sind und mehr waren, als Luxusgegenstände für Tisch und Tafel. Nützlich für den Gebrauch sind diese Gegenstände nicht, so Syndram, so sei das "Goldene Coffezeugk" beispielsweise einfach nur ein Sammlerstück – man sollte tunlichst vermeiden, daraus zu trinken, da man sich dabei die Finger verbrennen würde und das Emaille auch kaputtgehen könnte.

Schatzkunst ist eigentlich etwas total Unnützes!

Dirk Syndram

Es sei falsch, zu denken, der "Großmogul" sei ein Tafelaufsatz gewesen, meint Syndram, das war er nie! Und das sei etwas, was dem bürgerlichen Verstand, wo man immer einen Nutzen haben will, widerstrebt. Der Großmogul ist ein ca. ein Quadratmeter großes Kabinettstück, ein Tableau mit 132 Figuren aus Gold und Silber, das den indischen Großmogul Aureng-Zeb, der als mächtigster Mann der damaligen Welt galt, am Tage seines Geburtstagsempfangs zeigt. Es gilt als das spektakulärste Goldschmiedekunstwerk des Spätbarocks.

Der Thron des Großmoguls Aureng-Zeb oder Der Hofstaat zu Delhi am Geburtstag des Großmoguls Aureng-Zeb
"Hofstaat zu Dheli am Geburtstag des Grossmoguls Aureng-Zeb" Bildrechte: dpa

Die wechselhaften Zeiten überstanden

Das Grüne Gewölbe ist auch deshalb heute noch etwas Besonderes, weil es in seinem Grundbestand – trotz aller Gefährdungen – als Sammlung überlebt hat. Und derer gab es viele: Kriege, wechselnde Moden und Vorlieben, nicht zuletzt auch stetiger Geldmangel.

Dirk Syndram
Dirk Syndram Bildrechte: Staatliche Kunstsammlungen Dresden

Das Grüne Gewölbe hat das 18. Jahrhundert und das frühe 19. Jahrhundert, also den Klassizismus, überstanden. Und dann kam der Historismus und der freute sich darüber.

Dirk Syndram

Seit mittlerweile 15 Jahren zieht das Historische Grüne Gewölbe als Gesamtkunstwerk des Spätbarocks die Besucherinnen und Besucher wieder in seinen Bann. Das Neue Grüne Gewölbe konnte sogar noch zwei Jahre früher eröffnet werden. Es nimmt die konservatorisch extrem anspruchsvollen Objekte auf, außerdem all jene, die im Sammlungskonzept Augusts des Starken gar nicht vorgesehen waren, der Kirschkern zum Beispiel mit den vielen Gesichtern.

Albtraum des Königs

Brillantgarnitur
Bei dem Diebstahl 2019 gestohlene Kulturgüter Bildrechte: SKD, Jürgen Karpinski

Welche Leistung der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter aus der Denkmalpflege, der Bauverwaltung, der Restaurierungsabteilungen und der Wissenschaft in diesem überaus gelungenen Wiederaufbauprojekt steckt, können die wenigen historischen Fotos der völlig zerstörten und zum Hof hin offenen Räume des Bronze- und des Juwelenzimmers nur ansatzweise vermitteln.

Dass ausgerechnet in die "Geheime Verwahrung", wie diese Räume einst hießen, am 25. November 2019 Diebe gewaltsam eindrangen und Teile der Juwelengarnituren stehlen konnten, das schildert Autor und Direktor Syndram als den Albtraum des Königs. Auch für ihn ist es nach wie vor einer – auch wenn er die Hoffnung auf die Rückkehr des Diebesgutes nicht aufgibt.

Das Buch "Der Traum des Königs. Die Schätze des Grünen Gewölbes
Herausgeber: Dirk Syndram, Staatliche Kunstsammlungen Dresden

Erschienen im Sandstein Verlag

280 Seiten,
250 meist farbige Abbildungen,
28 Euro,
ISBN 978-3-95498-582-1

Kunst und Kultur in Dresden

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 31. August 2021 | 16:10 Uhr

Abonnieren