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Im Albertinum Dresden kann in der Ausstellung "Weltflucht und Moderne" das facettenreiche Werk Oskar Zwintschers entdeckt werden. Bildrechte: Staatliche Kunstsammlungen Dresden

Ausstellung im Albertinum"Sächsischer Klimt": Dresden zeigt Retrospektive des Malers Oskar Zwintscher

von Wolfram Nagel, MDR KULTUR

Stand: 15. Mai 2022, 18:27 Uhr

Der Maler Oskar Zwintscher gilt als der "sächsische Gustav Klimt". Seine Gemälde waren zu seinen Lebzeiten sehr beliebt, doch dann geriet der in Borna geborene Künstler in Vergessenheit. Das Albertinum Dresden zeigt mit der Ausstellung "Weltflucht und Moderne" nun eine Retrospektive seines unterschätzten Werks. Die Schau bietet außerdem einen Epochenrückblick auf die Kunst um 1900 – und zeigt Oskar Zwintscher auf Augenhöhe mit Otto Dix, Gustav Klimt und Paula Modersohn-Becker.

Oskar Zwintscher wurde 1870 in Borna geboren, als Sohn eines Musikers. Er studierte zunächst an der Kunstgewerbeschule Leipzig, wechselte dann nach Dresden, wo er an der Kunstakademie bei Ferdinand Pauwels und Leon Pohle Malerei studierte. Hier lernte er auch Sascha Schneider und Hans Unger kennen, mit denen er zeitlebens befreundet war.

Kurz vorgestellt: Zwintscher in Bildern

Noch während des Studiums zog er 1892 nach Meißen. Dort malte er die mittelalterlichen Dächer in einem ungewöhnlichen Rot, das auch die Maßstäbe des damals modernen Impressionismus sprengte. Junge Maler orientierten sich an Alfred Böcklin, dessen Naturstimmungen sprichwörtlich waren. Sie waren Ausdruck einer Flucht vor der Moderne, vor dem technischen Fortschritt.

Ausstellung in Dresden zeigt Kunst von Jugendstil bis Symbolismus

Die Ausstellung "Weltflucht und Moderne" über Oskar Zwintscher im Albertinum Dresden zeigt gleich zu Beginn eine Plakatgalerie, die den Zeitgeist um 1900 mit aller Fortschrittsgläubigkeit sichtbar macht. Oskar Zwintscher selbst sah sich als Lebensreformer, deren Bewegung gerade in Dresden stark war.

Oskar Zwintscher, Selbstbildnis mit Tod, 1897 Bildrechte: Staatliche Kunstsammlungen Dresden

Viele Künstler zogen sich aufs Land zurück. So entstanden Künstlerkolonien wie in Worpswede bei Bremen oder auch in Dresden-Goppeln. Hier lebten sie in einer für sie heilen Welt, mitten in der Natur. Die fand Oskar Zwintscher auch in der Elbaue. Eines seiner ersten Bildnisse zeigt seine spätere Frau Adele in einem lichten Birkenwäldchen. Er selbst malt sich in seinem Atelier, die Hand am Stundenglas, ein Zitat Böcklins. Hinter ihm ist der Dom zu sehen. Ebenso ein japanisches Ornament, das dem Jugendstil als dekoratives Vorbild diente. Dem jungen Maler war bewusst, dass die Schaffenszeit endlich ist.

Otto Dix, Rilke und Bilder von Paula Modersohn-Becker zu sehen

Das Adele-Bildnis erinnert an Arnold Böcklins "Sommertag" von 1881 oder an Heinrich Vogelers "Heimkehr" von 1898, das ein Liebespaar auf einer Wiese zwischen Birken zeigt. 1902 hielt sich Zwintscher selbst in Worpswede auf – eine produktive Zeit. "Zwintscher und Vogeler kannten sich auch schon, haben auch gemeinsame Vorlieben bei Motiven und Darstellungen der Ehefrau", erklärt Kurator Andreas Dehmer.

"Der kurze Aufenthalt in Worpswede war ungeheuer produktiv. Es entstanden Porträts, sowohl von Rilkes Ehefrau als auch von Rilke selber und Heinrich Vogeler, dessen Jubiläum gerade in Worpswede gefeiert wird – 150 Jahre." In der Ausstellung zu sehen sind auch Bilder von Paula Modersohn-Becker, die Zwintscher sehr schätzte.

Paula Modersohn-Becker, Moorgraben, um 1900 Bildrechte: Staatliche Kunstsammlungen Dresden

Röntgentechnik zeigt: Oskar Zwintscher übermalte seine Bilder

Eines seiner zentralen Werke ist das Bildnis der Gattin des Künstlers von 1902, das er am Ende seiner Meißner Zeit schuf. Immer wieder übermalte er die stehende Frauenfigur, die ihre Hand an eine Türklinke legt. Ihr Rücken ist geschwungen, ganz im Jugendstil, nur ohne Gold wie bei Klimt. Feine Ornamente zieren ihr schwarzes Kleid. EinezZarte Symbolmalerei, die größten Wert auf die Schönheit des Körpers legt. 

Dieses Bildnis der Künstlergattin von 1902 ist eines von zwanzig Gemälden Zwintschers, die in Vorbereitung der Ausstellung konservatorisch untersucht und dokumentiert wurden. Röntgenaufnahmen zweigen, wie sehr der Maler mit seinen Kompositionen gerungen hat. Er malte sehr langsam. Sein Œuvre ist mit ca. 150 Gemälden aus 25 Schaffensjahren relativ klein.

Oskar Zwintscher, Bildnis der Gattin des Künstlers, 1902 Bildrechte: Staatliche Kunstsammlungen Dresden

Darunter sind herausragende Arbeiten wie das Bildnis der Frau des Künstlers von 1901, das Adele als Ansicht und gleichzeitig im Profil zeigt. Wie kaum ein anderer Malerkollege seiner Zeit beherrschte Zwintscher die Magie der Augen, aber auch die Anatomie des Körpers. Immer wieder hat Zwintscher seine Frau und Muße gemalt, Adele im Pagengewandt, als Braut oder vor dem Meer. Auch als Leiche – sie starb lange nach ihm, 1942. Ein junger Mann umschlingt die Tote, während eine dunkle Figur die Krallen ausgefahren hat. Das Bild von 1898 trägt den Titel "Gram".

Ganz im Stil der Zeit malt Zwintscher 1903 auch "Die Melodie". Ein Jüngling spielt auf der Geige. Davor eine junge Frau, wahrscheinlich träumend von der wahren Liebe. Aber eine dunkle Figur erinnert beide an die Vergänglichkeit. 

Museen in ganz Europa rissen sich zu Lebzeiten um Zwintscher

1904 wurde Oskar Zwintscher zum Kunstprofessor an der Dresdner Akademie berufen. Wegen seiner liberalen Kunstauffassung war er ein gefragter Lehrer. Auch mit dieser Schaffensperiode befasst sich die Ausstellung. Zu seinen Schülern gehörten u.a. Georg Oehme, Richard Birnstengel, Erich Fraaß oder Lasar Segall. Später bedeutende Vertreter der Dresdner Schule. Andere wie Otto Dix lernten posthum von seinem Werk.

Professor Zwintscher war bei allen wichtigen Ausstellungen vertreten, in Dresden, München, Wien – bei der Biennale in Venedig bekam er 1910 sogar einen eigenen Raum, neben Klimt. Das bedeutete eine Adelung in der europäischen Kunstszene.

Gustav Klimt, Buchenwald I, um 1902 Bildrechte: Staatliche Kunstsammlungen Dresden

Nationalistisches Moment am Ende des Lebens

Oskar Zwintscher starb 1916 im zweiten Kriegsjahr. Er hinterließ mehrere unvollendete Bilde, darunter "Der Sieger". Ein nackter Krieger, gestützt auf zwei Schwerter, steht hinter einer stillenden Mutter. Der deutsche Mann als Beschützer. Ein verstörend pathetisch-nationalistisches Bild, vielleicht gedacht als Vorlage einer Wandmalerei. Die Kunstgeschichte nennt derlei Bilder auch "Ausrutscher".

Einige Gedenkausstellungen würdigten Zwintscher nach seinem zu frühen Tod, doch dann verschwanden seine Bilder in den Depots. Während der weltflüchtige Jugendstil dem Expressionismus weicht, taucht der Symbolismus in der Neuen Sachlichkeit wieder auf, in der Moderne der Zwischenkriegszeit. Zu Unrecht hat man Zwintscher später zumindest im Westen nicht mehr wahrgenommen, obwohl sein Werk in jeder Hinsicht Berühmtheiten wie Klimt oder Böcklin standhält.

Es ist für mich eine Aufgabe, dass wir die Kunstgeschichte korrigieren und diesen wunderbaren Maler, der eben lange übersehen wurde, im rechten Licht und im rechten Kontext zeigen.

Hilke Wagner, Direktorin des Albertinums Dresden

"Die westliche Kunstgeschichteschreibung schaute nicht in den Osten", erklärt Museumsdirektorin Hilke Wagner. Zwintscher sei in der gesamtdeutschen Kunstgeschichtsschreibung nicht aufgetaucht. "Und das ist für mich eine Aufgabe, dass wir Kunstgeschichte auch korrigieren, richtig rücken, und diesen wunderbaren Maler, der eben lange übersehen wurde, im rechten Licht und im rechten Kontext zeigen."

Oskar Zwintscher, Bildnis einer Dame mit Zigarette, 1904 Bildrechte: Staatliche Kunstsammlungen Dresden

Angaben zur Ausstellung"Weltflucht und Moderne. Oskar Zwintscher in der Kunst um 1900"
14. Mai bis 15. Januar 2023

Dresdner Albertinum
Tzschirnerplatz 2
01067 Dresden

Öffnungszeiten:
täglich von 10 bis 18 Uhr außer Montag

Als zweite Station wird die Ausstellung in veränderter Form im Museum Wiesbaden vom 24. Februar bis zum 23. Juli 2023 gezeigt.

Außerdem ist das Buch "Oskar Zwintscher im Albertinum" der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden erhältlich, das u.a. Ergebnisse eines interdisziplinären Forschungsprojektes zu dem Maler vermittelt.

Kultur in und aus Dresden

Dieses Thema im Programm:MDR KULTUR - Das Radio | 14. Mai 2022 | 12:10 Uhr