Architektur Ausstellung in Dresden erinnert an Hellerau-Architekt Heinrich Tessenow

Eine Ausstellung im Stadtmuseum Dresden widmet sich dem Architekten Heinrich Tessenow. Dessen Verdienste für die Architektur sind unbestritten, dennoch ist er hierzulande nur wenigen bekannt. Was viele sicher kennen, ist das Festspielhaus Hellerau in Dresden und auch im thüringischen Pößneck hat er seine Spuren hinterlassen. Die Schau zeigt das Gesamtwerk dieses Reformarchitekten, der in der ersten Hälfte des 20. Jahrhundert mit extremer Schlichtheit neue Maßstäbe setzte.

Alte Fotografie eines großen, schlichten Hauses.
Mit dem Festspielhaus Hellerau gelang Heinrich Tessenow 1911 der architektonische Durchbruch. Bildrechte: Landesamt für Denkmalpflege Sachsen
Alte Fotografie von einem Weg und darum Wiese und Bäume
Tessenow entwarf diese beeindruckende Pergola für den Gartenhof der Sächsischen Landesschule. Bildrechte: Stadtmuseum Dresden

Mit dem Architekten verbinden Tessenow-Kenner hierzulande vermutlich zuallererst das Festspielhaus Hellerau in Dresden. Den Auftakt der Ausstellung bildet jedoch ein weniger prominenter, wenngleich ebenso monumentaler und beeindruckender Bau: die Sächsische Landesschule Klotzsche im Dresdner Norden.

Auf einer großen Waldlichtung entstand 1925 nach Tessenows Entwürfen dieses streng symmetrische Ensemble aus Unterrichtsräumen, Wohnheimen und einem Festgebäude, verbunden durch eine ungewöhnlich hohe Pergola. Diese ist, neben andere Bauten, die inzwischen abgerissen wurden, nicht mehr erhalten, dafür aber ein beindruckendes Foyer mit gelben, tellerförmigen Gebilden, die unter der Decke hängen, gestaltet von Tessenows Mitstreiter Oskar Kramer.

Dass die Landesschule bis heute ein Schattendasein im Wald führt, hat Gründe. Geplant als reformpädagogische Internatsschule, wurde sie ab 1933 Nationalpolitische Erziehungsanstalt, kurz NAPOLA, für Hitlers Elitenachwuchs. Nach Kriegsende vereinnahmte die Sowjetarmee das Gelände für sich und so blieb dieses architektonische Kleinod den Blicken der Öffentlichkeit weiterhin entzogen, zum Teil auch noch heute, zumindest von innen, denn inzwischen ist es Ausbildungsstätte für Versicherungsangestellte.

Dresdner Ausstellung blickt auf Tessenows Gesamtwerk

Altes Foto eines Mannes mit Anzug und Brille
Heinrich Tessenow war Professor für Baukunst an der Dresdner Akademie der Bildenden Künste. Bildrechte: Stadt Museum Dresden

Die Schau hat jedoch nicht nur die Dresdner Bauten, sondern das Gesamtwerk Heinrich Tessenows im Blick und damit auch die Neue Wache in Berlin, Unter den Linden. Sein Entwurf einer Gedenkhalle für die Gefallenen des Ersten Weltkrieges: ein einfacher Granitblock mit einem Eichenkranz im Zentrum, den eine kreisrunde Öffnung in der Decke beleuchtet. Mit dieser Idee für die Umgestaltung des ursprünglichen Schinkel-Baus setzte sich Tessenow 1931 unter anderem gegen Ludwig Mies van der Rohe durch.

Heinrich Joachim Helmuth Leonhard Tessenow 4 min
Bildrechte: Stadt Museum Dresden

Nicht umgesetzt wurde hingegen seine Wettbewerbseinreichung für das Kraft-durch-Freude-Bad Prora auf Rügen, eine Säulenhalle, oder besser ein Säulenwald, der ohne Mauern eingebettet mitten in die Natur. Prominent platziert: das Hakenkreuz im Entwurf. Erfolgreich war er damit nicht, wie auch sonst seine Arbeitsmöglichkeiten in der nationalsozialistischen Zeit stark eingeschränkt wurden.

Bauen in der Landschaft war eines seiner großen Themen, ebenso wie der Wohnungsbau für Arbeiter und Handwerker: kleine schlichte, aber gut proportionierte Häuser vorzugsweise in Kleinstädten. Im Gegensatz dazu stehen die repräsentativen Bauten, wie das Festspielhaus in Hellerau, mit dem Heinrich Tessenow 1911 der architektonische Durchbruch gelang.

Festspielhaus Hellerau – die "Kathedrale der Zukunft"

Die Gartenstadt Hellerau war nach den Prinzipien der Lebensreformbewegung gestaltet und dazu gehörten auch Kultur und Bildung. Tessenow, selbst Lebensreformer, wurde beauftragte, ein Festspielhaus zu errichten als künftige Heimat der Bildungsanstalt für rhythmische Gymnastik des Komponisten und Musikpädagogen Émile Jaques-Dalcroze. Entsprechend finden sich in der architektonischen Gestaltung rhythmische Elemente wieder.

Was das Festspielhaus ausgemacht hat, ist die Verknüpfung mit der Rhythmik von Émile Jaques-Dalcroze, dem Bühnenbau von Adolphe Appia und der genialen Lichtregie von Alexander von Salzmann.

Claudia Quiring, Kuratorin, Stadtmuseum Dresden

Nach ebenfalls wechselvoller Geschichte, etwa als Polizeischule sowie als Lazarett und Kaserne für die Rote Armee, wird im Festspielhaus wieder an die Wurzeln von damals angeknüpft mit Tanz, Musik und Performances im Europäischen Zentrum der Künste Hellerau.

Tessenow: Architekt und Möbeldesigner

Ein runder Korb auf drei Beinen
Diesen repräsentativen Papierkorb entwarf Heinrich Tessenow um 1930. Bildrechte: Stadtmuseum Dresden/Philipp WL Guenther

Modelle, Zeichnungen, Fotografien und theoretische Schiften versammelt die Ausstellung. Entstanden ist sie in Zusammenarbeit mit dem Züricher Architekten Martin Boesch und der Akademie für Architektur in Mendrisio und zeichnet ein vielschichtiges Bild des Baumeisters, später auch Hochschulprofessors, der seine Karriere als Zimmerman begonnen hatte. Tatsächlich ist auch der originale Hobel Heinrich Tessenows in einer Vitrine ausgestellt und verweist auf das Handwerk als Dreh- und Angelpunkt seines Wirkens. Nicht umsonst trug er den Spitznahmen "der heilige Schreiner".

Dazu passt wiederum auch der dritte Teil der Ausstellung, der sich seinen Möbelentwürfen widmet sowie der von ihm initiierten Handwerkergemeinde in Hellerau. Nach Heinrich Tessenows Weggang aus Dresden 1926 brach diese dort jedoch zusammen, wobei seine romantische Utopie eines gemeinschaftlichen, kreativen Austauschs und Zusammenlebens jenseits der Metropolen heute wieder voll im Trend liegt.

Informationen zur Ausstellung "Heinrich Tessenow. Architektur und Möbel"

27. November 2022 bis 29. Mai 2023

Adresse:
Stadtmuseum Dresden
Wilsdruffer Straße 2
01067 Dresden 


Öffnungszeiten:
Dienstag bis Sonntag und anFeiertagen, 10 bis 18 Uhr
Freitag, 10 bis 19 Uhr
Montags geschlossen

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 29. November 2022 | 07:40 Uhr

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