"Moderne Gefühle" Fotografie: Retrospektive in Dresden würdigt das Multitalent Ingolf Thiel

Ingolf Thiel zählte um 1980 zu den innovativsten Fotografen in Deutschland. Er arbeitete für namhafte Unternehmen und Modefirmen. Seine zum Teil artifiziellen Aufnahmen erschienen in großen europäischen Magazinen. In der Sächsischen Landesbibliothek – Staats- und Universitätsbibliothek Dresden würdigt man das Gesamtwerk des Fotografen jetzt mit einer Retrospektive.

Schwarz-Weiß-Fotografie eines jungen Mannes mit geschminkten Augen und Lippen, Punkerfrisur, Ohrringen und einem aufgeklappten Zollstock längs über dem Gesicht
Die Schwarz-Weiß-Portraits junger Männer aus der Serie "Moderne Gefühle" sind Teil der Ausstellung in der Dresdner SLUB. Bildrechte: Ingolf Thiel

Der Zeitgeist der 80er weht durch die Ausstellungsräume in der Corty-Galerie der Sächsischen Landesbibliothek – Staats- und Universitätsbibliothek (SLUB). Allein schon farblich: pink-schwarzes Zebramuster an einer der Wände macht den Retrolook perfekt.

Foto-Ausstellung: Wiederentdeckung Thiels

Perfekt dazu passen die Schwarz-Weiß-Portraits der Serie "Moderne Gefühle", die ausnahmslos junge Männer, hochartifiziell inszeniert im New-Wave-Stil, mit Punkfrisuren und häufig den Blick ins Leere gerichtet, zeigt. Kleine Details sorgen bei all der Perfektion jedoch oftmals für Irritationen: Nägel, die sich durch die Zunge bohren oder auch Glasscherben in gefährlicher Nähe zum Gesicht.

Von einer Wiederentdeckung spricht Simone Fleischer, die die Ausstellung mit kuratiert hat. Sie sieht in den Bildern, 40 Jahre nachdem Ingolf Thiel sie aufgenommen hat, thematisch wie auch ästhetisch eine ungebrochene Aktualität: durch die Melancholie und die Zukunftsskepsis, die darin mitschwingt. Das mache Ingolf Thiels Werk nach wie vor spannend und interessant, so die Kuratorin.

Mustang-Werbeplakat mit einem Mann in Jenas und T-Shirt auf einem Sessel sitzend, dahinter ein in ein gelbes Kleid aus Schaumstoff gekleidetes Model
Für die Kampagne "Leute von heute" inszenierter sich Ingolf Thiel auch selbst zusammen mit einem Model in Schaumstoff gekleidet – Mode made by Ingolf Thiel. Bildrechte: Ingolf Thiel

Ingolf Thiel als begehrter Werbefotograf

Nach einer Lehre als Schaufensterdekorateur ließ sich Ingolf Thiel, Jahrgang 1943, zum Werbefotografen ausbilden. Während anschließender Anstellungen in verschiedenen Studios setzt er aber bereits eigene künstlerische Arbeiten um. Dazu zählen in den 1970er Jahren seine Fotomontagen. Diese nutzte Ingolf Thiel wiederum auch als Vorlagen für Aufträge aus der Industrie und von Modeunternehmen. Mit seinem Stil war er damals vollkommen up-to-date und gefragt.

Und dann passieren solche Sachen, dass bei der Lee-Cooper-Anzeige ganz selbstverständlich als Schlagzeile "Ingolf Thiel für Lee Cooper" dasteht. Das ist ein Indiz dafür, dass der Fotograf selber werbewirksam ist. Und das merkt man Anfang der 80er Jahre, da nimmt das richtig Fahrt auf.

Simone Fleischer, stellvertretende Abteilungsleiterin der Deutschen Fotothek, SLUB Dresden

Daimler-Benz, Kodak, Breuninger gehörten zu seinen Auftraggebern. Seine Fotografien erschienen in Magazinen wie Elle oder Gala. Omnipräsent, zumindest in Westdeutschland, ist beispielsweise Ingolf Thiels Kampagne für Mustang Jeans mit dem Titel "Leute von heute".

Erste Retrospektive für den Fototgrafen

Transparente mit Bildern verschiedener Models hängen in einem Lesesaal
Den Arbeiten von Ingolf Thiel begegnet man derzeit überall in der SLUB. Bildrechte: Sächsische Landesbibliothek - Staats- und Universitätsbibliothek Dresden

In der Cafeteria der Bibliothek sind Kopien aus dieser Plakatkampagne zu sehen, andere Arbeiten hängen stark vergrößert in den Lesesälen. Über das ganze Haus verteilt wollte das Kuratorinnenteam Ingolf Thiel in den Blick rücken – einer ersten Retrospektive seines Gesamtwerks angemessen. Möglich ist dies, da der Nachlass des Fotografen, der im Keller von Ingolf Thiels Schwester lagerte, 2017 an die Deutsche Fotothek der SLUB in Dresden ging.

Das Multitalent Ingolf Thiel

Ingolf Thiel war aber nicht nur ein innovativer Fotograf, sondern auch Modedesigner, Bühnenbildner, Schauspieler und Balletttänzer. Eng arbeitete er beispielsweise mit dem Choreografen William Forsythe zusammen. In einer seiner Inszenierungen wirkte Ingolf Thiel sogar als Tänzer mit. Neben den Bühnenproduktionen war er zwischen 1979 und 1982 zudem an vier Filmprojekten beteiligt, unter anderem zusammen mit dem Regisseur Rolf S. Wolkenstein. Das starke Interesse an den anderen Künsten, seine Neugierde sei wesentlich für das Werk Ingold Thiels gewesen, hebt Kuratorin Simone Fleischer hervor.

Schwarz-Weiß-Fotografie eines jungen Mannes mit weißem Hemd mit hochgekrempelten Ärmeln, der zwischen Wolkenkratzern von oben in die Kamera blickt
In New York, inspiriert vom aufkommenden New Wave, enstand Ingolf Thiels erste Schwarz-Weiß-Serie "Heimweh nach dem Traurigsein". Bildrechte: Ingolf Thiel

Ingolf Thiel führte ein intensives Leben, 2023 wäre er 80 Jahre alt geworden. Wie der Blick in einen seiner übervollen Terminkalender in der Ausstellung zeigt, war es das Leben eines Workaholics, was letztlich seinen Tribut forderte: Ingolf Thiel starb 1985 mit nur 41 Jahren an einem Herzinfarkt. Die Retrospektive rückt den Fotografen jetzt wieder dahin, wo er sich selbst immer auch wohlgefühlt hat: ins Scheinwerferlicht.

"Moderne Gefühle – Fotografien von Ingolf Thiel 1975 - 1985" Sächsische Landesbibliothek – Staats- und Universitätsbibliothek Dresden SLUB
2. November 2022 - 25. März 2023

(Redaktionelle Bearbeitung: Tina Murzik-Kaufmann)

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | MDR KULTUR am Mittag | 07. Dezember 2022 | 12:40 Uhr

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