Eingang zum Historischen Grünen Gewölbe im Residenzschloß in Dresden
Im Grünen Gewölbe in Dresden ist nun die Sekunden-Uhr von Olaf Nicolai. Bildrechte: IMAGO / Andreas Weihs

Interview Neue Kunst im Grünen Gewölbe: Olaf Nicolai über die Bedeutung der Zeit

24. Februar 2023, 17:37 Uhr

Das Grüne Gewölbe ist großer Anziehungspunkt in der Barock-Stadt Dresden. Hier werden Schätze aus der Glanzzeit des sächsischen Königreichs gezeigt – meisterhafte Goldschmiede-Arbeiten und überraschende Apparaturen. Eigentlich sind die Arbeiten mehrere Jahrhunderte alt, doch seit ungefähr 300 Jahren gibt es erstmals ein neues Kunstwerk in der Schatzkammer: eine Installation von Olaf Nicolai. Im Interview erklärt der Künstler, was es mit der Uhr auf sich hat.

MDR KULTUR: Sie haben schon länger eine innige Beziehung zum Grünen Gewölbe in Dresden, das Sie als Kind von der damaligen Karl-Marx-Stadt aus besucht haben. Was hat Sie dort früher schon fasziniert?

Olaf Nicolai: Der Besuch im Grünen Gewölbe gehörte dazu, nicht nur bei unsere Eltern, sondern auch zu Ausflügen mit der Schule. Was mir sehr in Erinnerung geblieben ist, ist vor allen Dingen dieser unglaublich große Hof des Moguls. Diese Figuren haben orientalische oder indische Fantasielandschaft aufgerufen. Und natürlich auch die ganzen vielen Objekte, die im ersten Moment befremdlich faszinierend auf einen gewirkt haben, bis man dann erst einmal ganz langsam so ein bisschen geahnt hat, was das eigentlich auch ist.

Olaf Nicolai 9 min
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Nach mehr als 300 Jahren hat es ein neues Kunstwerk in das Grüne Gewölbe in Dresden geschafft. Moderator Alexander Mayer hat mit dem Künstler über die geheimnisvolle Uhr gesprochen.

MDR KULTUR - Das Radio Fr 24.02.2023 12:00Uhr 09:06 min

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Es werden auch diverse mechanische Automaten und Uhren gezeigt. Was hat Sie daran interessiert? Es geht ja um das Zeitgefühl oder die Zeitvorstellung in der Epoche des Barock.

Wenn man vor diesen Automaten steht, ist man im ersten Moment ganz verblüfft, weil man es zunächst nicht als eine Uhr, einen Zeitmesser oder eine Anzeige für den Stand der Planeten erkennt. Es sind erstmal unglaublich schöne Objekte, die wie Stadtlandschaften wirken. Erst wenn man genau hinschaut, begreift man, dass diese Zeitmessung und auch die Darstellung von Zeit, eben in einer Präzision stattfindet, die einen erstaunt.

Blick auf eine schlichte Wanduhr mit Metallrechtecken als Stundenkennzeichnung und einem einzelnen Zeiger aus auf hellem Metall.
Die Installation von Olaf Nicolai zeigt nicht die Zeit, sondern die vergehenden Sekunden. Bildrechte: courtesy Galerie EIGEN + ART Leipzig/Berlin / VG Bild-Kunst, Bonn 2023, SKD

Das wurde zu einer Zeit geschaffen, wo die technische Fähigkeit sich entwickelte, um Zeit überhaupt präzise zu erfassen. Was auch notwendig ist, denn die moderne Welt, die wir heute kennen, beginnt dort. Zeit zu messen, ist nicht selbstverständlich. Einen Begriff von Zeit zu haben, der für alle verbindlich ist, das entstand erst im 19. Jahrhundert.

Zurzeit wird diskutiert, dass wir unsere Zeit noch einmal korrigieren müssten um eine Sekunde. Das ist ein Zeichen, dass überall auf dieser Welt die Uhren getaktet sind und sich an den gleichen Zeitparametern orientieren. Das ist nicht selbstverständlich und musste hergestellt werden, was internationale Übereinkünfte brauchte. Es ist die Voraussetzung dafür, dass unser gesamtes gesellschaftliches Gefüge funktioniert. Wenn Sie nur eine Sekunde anders ticken lassen, dann haben Sie oben mit den Satelliten und hier unten mit den Börsen große Probleme.

Genau diese eine Sekunde zeigt Ihre Uhr immer wieder an. Ist das auch ein Verweis darauf, dass das Grüne Gewölbe eine Art Zeitmaschine ist, die in eine vergangene Epoche zurückversetzt?

Das Grüne Gewölbe hat in mehrfacher Hinsicht mit Zeit zu tun: mit den Objekten und dem präzisen Automaten, die dort vorgestellt werden. Der Besuch ist nur in einem Zeitslot möglich. Wenn man dort ist und sich dieser Sache hingibt, verliert man auch ein bisschen die Zeit. Also man befindet sich in einer Zeit-Blase. Wenn man dann rauskommt und diesen Sekundenzeiger sieht, merkt man, dass die Zeit trotzdem weiter vergangen ist und auch weiter vergeht. Nur weiß man nicht genau, welche Zeit es ist.

Das erinnert an eine andere Arbeit von Ihnen: Sie haben den Chemnitzer Nischel genau 24 Stunden lang abgefilmt und in die verschiedensten Zeitzonen der Welt den Film gezeigt. Hängt das mit ähnlichen Gedanken zusammen?

Das ist mir auch später aufgefallen, dass in vielen meiner Arbeiten der letzten Jahre Zeit ein sehr wichtiges Thema geworden ist. Ich habe das Porträt von Karl Marx für 24 Stunden gefilmt und der Verlauf der Sonne spiegelt sich in den Reflexionen auf diesem Gesichtes wider. Also man sieht das Vergehen der Zeit. Wir haben den Film an verschiedenen Orten der Welt zur selben Mittagszeit, wie er beginnt, aufführen lassen. Sodass man dort immer das Gefühl hatte, man ist in der Zeit, in der dieser Film auch gefilmt worden ist.

Das Karl-Marx-Denkmal des russischen Bildhauers Lew Kerbel, aufgenommen in Chemnitz
24 Stunden lang filmte Olaf Nicolai das Karl-Marx-Denkmal in Chemnitz. Bildrechte: imago/epd

Wenn wir hier unten von Zeit reden, dann reden wir von Dingen, die wir uns etwas aneignen und die sich letztlich aus Beziehungen herleiten, die uns weit übersteigen – nämlich die Konstellation von Planeten und Sonnen zueinander, die wir in einer bestimmten physikalischen Weise erfasst haben. Sie sind aber nicht so selbstverständlich, wie es uns scheint. Es gibt Völker auf der Welt, die ganz andere Zeit-Vorstellungen und Zeit-Begriffe entwickelt haben und ganz andere Rhythmen mit der Zeit verbinden, als wir das heute tun.

Dann landen wir auch sehr schnell bei Einsteins gekrümmter Raumzeit. Sie haben sich mit Naturwissenschaften intensiv auseinandergesetzt und Sie arbeiten sozusagen mit der Relativität der Zeit.

Überhaupt mit der Frage, wenn wir uns selbstverständlich in Dingen bewegen und selbstverständlich etwas tun, gibt es dafür Voraussetzungen, die nicht selbstverständlich sind? Der Sekundenzeiger ist im ersten Moment keine Arbeit, die laut schreit "Ich bin hier, bitte guckt mich an!" Wenn man das Werk aber gesehen hat, wirkt es zunächst etwas verwirrend, weil man vielleicht annimmt, das ist eine Uhr, bei der etwas fehlt. Da stimmt etwas nicht. Und wenn man sich dann ein bisschen damit beschäftigt, fragt man sich, wie ist das überhaupt mit der Zeit. Bei der Pressekonferenz passierte etwas ganz Interessantes: Eine Dame meinte, wenn sie da länger draufguckt, macht sie das komplett aggressiv wie schnell die Zeit vergeht.

Weitere Informationen Die Arbeit "Radiate from beyond the measured borders of time" von Olaf Nicolai ist im Grünen Gewölbe in Dresden zu sehen.

Adresse:
Residenzschloss
Taschenberg 2
01067 Dresden

Öffnungszeiten:
Mittwoch bis Montag, von 10 bis 18 Uhr
Dienstags geschlossen

Das Gespräch führte Alexander Mayer für MDR KULTUR. Das Interview wurde gekürzt und redaktionell bearbeitet. / Redaktionelle Bearbeitung: tsa

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Blick in einen Ausstellungsraum, in dem zwischen einer Reihe kleinerer Vitrinen ein großer Wandteppich aufgespannt ist.
Kam einst als Geschenk Napoleons ins Residenzschloss Dresden – die 1791 nach einem Gemälde von Antoine Coypel geschaffene Tapisserie "Die Ohnmacht der Esther" Bildrechte: Staatliche Kunstsammlungen Dresden/Oliver Killig

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 24. Februar 2023 | 12:10 Uhr