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Führen als Experten in eigener Sache Menschen durch das Dresdner Hygienemuseum: zwei Mitglieder des Teams Leichte Sprache Bildrechte: Oliver Killig / Deutsches Hygienemuseum Dresden

Inklusion in MuseenWie das Deutsche Hygienemuseum Dresden mit Führungen in Leichter Sprache barrierefreier wird

von Heike Schwarzer, MDR KULTUR

Stand: 26. Januar 2023, 04:00 Uhr

Einmal im Monat gibt es im Deutschen Hygienemuseum eine inklusive Führung. Sie ist es gedacht für Menschen, die es schwer haben mit der deutschen Sprache, die komplizierte Texte nicht so gut verstehen oder überhaupt Lernschwierigkeiten haben. Die Führungen vom Team "Leichte Sprache" gehören zu den Publikumsrennern des Museums.

Keine Fremdwörter, keine verschachtelten Sätze und immer viele Fragen. Wenn das Team für Leichte Sprache durch das Deutsche Hygienemuseum führt – egal ob Schulklassen, Familien, Seniorinnen oder Senioren – kommt man schnell ins Gespräch. "Ist die gläserne Frau tatsächlich aus Glas?" "Was können Insektenaugen besser als menschliche?" Oder: "Warum schmecken wir im Flugzeug oder Weltall anders als auf der Erde?" Es gibt auf alle Fragen eine einfache Antwort.

Menschen mit Beeinträchtigung führen durch das Museum

Wie das geht? Es sind Expertinnen und Experten in eigener Sache, die durch die Dauerausstellung und Themenbereiche wie Körper, Schwangerschaft oder Sinneswelten führen. Jana liebt Physik und Chemie, Norman hat überhaupt ein unglaubliches Fachwissen, nicht nur über den Menschen. Und Jens kocht gern, kreiert Rezepte und spielt leidenschaftlich Boccia. Er sitzt im Rollstuhl und findet alle Themen um den menschlichen Körper interessant. Hauptberuflich arbeiten die drei in Dresdner Behindertenwerkstätten, unter anderem im Textilbereich. Doch als Museumsführer sind sie richtig in ihrem Element. Jede Führung ist anders.

Museumsführungen für blinde Menschen

Frank Schmidt ist im Hintergrund immer mit dabei. 2012 hat er die Führungen in Leichter Sprache gemeinsam mit u. a. dem Lebenshilfe-Verein entwickelt, der Menschen mit verschiedenen Behinderungen im Alltag unterstützt. "Es ist eine öffentliche Führung, jeder kann kommen. Wir passen uns dann einfach an. Wenn Familien kommen, stellen wir uns auf die Kinder ein und machen vielleicht Experimente. Und bei älteren Leuten stellen wir vielleicht ein anderes oder zusätzliches Objekt vor. Wir nehmen das nicht so streng: Leichte oder Einfache Sprache? Wir helfen uns untereinander, korrigieren und erklären, es geht um das Miteinander. Das macht die Führungen immer zu etwas Besonderem, obwohl die Objekte meist gleich sind."

Lesen und Verstehen als Herausforderung

Mit Einfacher und Leichter Sprache im Museum beschäftigt sich Carola Rupprecht als Leiterin für Bildung und Vermittlung am Deutschen Hygienemuseum Dresden schon seit über zehn Jahren.

Leichte Sprache bietet Menschen mit kognitiven Einschränkungen einen Zugang zum Museum. Das finden wir wichtig. Sie ist aber auch eine gute Möglichkeit für Menschen, die nicht so gute Deutschkenntnisse haben, um Texte zu lesen.

Carola Rupprecht | Leiterin Bildung und Vermittlung am Dresdner Hygienemuseum

"Wir haben uns entschieden, Texte in Einfacher Sprache zumeist als Hörtexte anzubieten, weil für diese Zielgruppe das Lesen häufig eine Herausforderung ist." Gerade das macht die Führungen in Leichter Sprache auch interessant für ein breiteres und nicht nur inklusives Publikum.

Leichte und Einfache Sprache erklärtCarola Rupprecht über Leichte und Einfache Sprache:
"Leichte Sprache hat ein strengeres Regelwerk für Grammatik, Satzbau und Gestaltung. Einfache Sprache ist komplexer. Fremdwörter sollten trotzdem vermieden oder erklärt werden. Einfache Sprache hilft vielen Menschen, die noch oder noch nicht gut Deutsch sprechen oder Analphabeten sind."

Hören Sie hier den Beitrag von Heike Schwarzer

Leichte Sprache im Museum ist keine Normalität

Jana, Norman und Jens schätzen Angebote in Leichter Sprache. Doch im Alltag ist Leichte Sprache eine Seltenheit. Eine der Ausnahmen: das Dresdner Hygienemuseum. Inzwischen gehört es zu den Leuchttürmen in Sachen inklusive Angebote. Jens kommt auch barrierefrei im Rollstuhl vom Eingang und über den abgesenkten Kassenbereich in alle Ausstellungsräume. Und Leichte Sprache gibt es sowohl für den Audioguide und das Kindermuseum, als auch auf extra Monitoren in den Sonderausstellungen. "Ich habe schon einige Museen besucht", sagt Jens, "da gibt es tolle Beispiele, aber einige sind noch sehr ausbaufähig was Leichte Sprache betrifft."

Lieber Zuhören statt Lesen

"Wir wissen von vielen Museumsbesucherinnen und -besuchern, dass sie nicht besonders gern Text lesen, sondern lieber etwas hören", sagt Carola Rupprecht, "und insofern haben wir die Texte in Einfacher Sprache zumeist als Hörtext in den Ausstellungen." Diese Erfahrungen macht auch Frank Schmidt mit den Führungen in Leichter Sprache. "Weil sich das Angebot an alle richtet, kommen auch Leute aller Generationen und mit unterschiedlichen Voraussetzungen zusammen, über die Ausstellungsobjekte kommt man mit unserem Team leicht ins Gespräch. Und das mögen die Leute. Jeder nimmt dann etwas mit. Bei uns stirbt man nicht vor Langeweile. Wir haben viel Spaß miteinander."

Weiterführende Informationen

Leichte und Einfache Sprache im Deutschen Hygienemuseum Dresden:

In der Dauerausstellung gibt es Texte in Leichter Sprache über den Audioguide. Im Kindermuseum sind alle Texte in Einfacher Sprache verfasst und auf Augenhöhe auch eines Rollstuhlfahrers an der Wand oder auf absenkbaren Monitoren befestigt.

In den Sonderausstellungen sind alle Raumtexte sowie Texte zu ausgewählten Objekten und Stationen auch in Einfacher Sprache auf Monitoren zum Lesen und über einen Kopfhörer auch zum Anhören. Alle Monitore sind so angebracht, dass Rollstuhlfahrer und -fahrer sie gut lesen können. Entweder liegend oder leicht angeschrägt auf einem absenkbaren Tisch oder an der Wand in einer Höhe von 1,10 m und damit in guter Sichthöhe.

Öffentliche Führungen mit dem Team Leichte Sprache finden jeden Monat statt. Sie sind offen für alle. Nächste Führung: 12. Feb, So., 11:00 Uhr

(Redaktionelle Bearbeitung: Tina Murzik-Kaufmann)

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Dieses Thema im Programm:MDR KULTUR - Das Radio | MDR KULTUR am Morgen | 21. Januar 2023 | 08:45 Uhr