Online-Ausstellung "mind the gap" NS-Raubgut im Bücherregal? Zur Herkunft von Büchern der SLUB Dresden

Die Nazis nahmen jüdischen Menschen oder anderen Verfolgten nicht nur Grundstücke oder Kunstwerke weg, sondern raubten auch ihre Bücher. Später landete das Raubgut in Bibliotheken der DDR, privaten Bücherregalen oder in der SLUB, der Sächsischen Landes-, Staats- und Universitätsbibliothek in Dresden. Diese will die Bücher an die rechtmäßigen Besitzer zurückgeben und zeigt nun in der Online-Ausstellung "mind the gap", warum das nicht immer lückenlos gelingt.

Collage von Provenienzmerkmalen aus dem Titelmotiv der Ausstellung "Mind the Gap" 4 min
Bildrechte: SLUB Dresden

Der Roman "Die Inseln der Weisheit" von Alexander Moszkowski ist 1922 erschienen. Oben auf der vergilbten Titelseite stehen in Bleistift Name und Jahreszahl "Ilse Herlinger 1927". Wem das Buch gehörte, ist schnell klar: Ilse Weber, geborene Herlinger - eine jüdische Autorin, die in Auschwitz ermordet wurde. "Diese Merkmale wurden mit Akribie entweder ausradiert, überstempelt - oder einfach versucht, ja, unkenntlich zu machen", erklärt Elisabeth Geldmacher. Sie arbeitet in der Provenienzforschung an der Sächsischen Landes-, Staats- und Universitätsbibliothek Dresden (SLUB).

NS-Raubgut kursierte auch in der DDR

Der Ausschlag, den Roman überhaupt zu beachten: Ein Stempel des FDGB Sachsen, des Gewerkschafts-Dachverbands der DDR. Schon in einem vorigen Forschungsprojekt zu DDR-Enteignungen kam der Verdacht auf: Es könnte sich bei einer ganzen Marge Bücher des FDGB um NS-Raubgut handeln. Laut Geldmacher sei es möglich, dass sich die Nachkriegsorganisation im Aufbau aus sogenannten herrenlosen Buchbeständen bediente, um seine Bibliothek aufzubauen.

Jana Kocourek und Elisabeth Geldmacher übergeben Georg Webers "Weltgeschichte in übersichtlicher Darstellung" des ursprünglichen Eigentümers Max Geyer 2018 an seinen Enkel Rabbi Michael Meyerstein.
Übergabe eines Buchs des ursprünglichen Eigentümers Max Geyer 2018 an seinen Enkel Rabbi Michael Meyerstein. Bildrechte: Stolpersteine für Dresden e.V. / Lukas-Paul Kretzschmar

Eine gesetzliche Pflicht, NS-Raubgut zu suchen und zurückzugeben, gibt es in Deutschland nicht. Aber die Washingtoner Erklärung von 1998 fordert faire Lösungen. Der folgt auch die SLUB - und konnte Ilse Webers Buch tatsächlich an ihren Sohn zurückgeben. Die Familie habe der Forscherin vermittelt, dass sie sehr glücklich seien, das Buch wieder zu haben, als kleine Erinnerungsspur an die Mutter. Der Sohn sei heute sehr alt und lebe in Schweden. Persönliche Rückgaben wie diese seien aber extrem selten, betont Geldmacher.

Geraubte Bücher im eigenen Regal?

Elisabeth Geldmacher hat drei Jahre lang an der SLUB zu NS-Raubgut geforscht. Gefördert vom Deutschen Zentrum Kulturgutverluste - in einem dreiköpfigen Team, zu dem auch Nadine Kulbe gehörte. Sie betont, dass es sich rein theoretisch bei allen Büchern, die vor 1945 erschienen sind, um NS-Raubgut handeln könnte: "Weil viele dieser ursprünglich geschlossenen Bibliotheken insbesondere nach Ende des Zweiten Weltkrieges sehr stark verstreut worden sind."

Die betroffenen Bücher seien nicht nur in Bibliotheken, sondern auch in den antiquarischen Buchhandel gelangt – und könnten deswegen heute durchaus in Privatbibliotheken vorhanden sein. "Und deswegen: 'mind the gap' auch in Ihrem Regal", erklärt Kulbe.

Die Projektmitarbeiterinnen Nadine Kulbe, Robin Reschke und Elisabeth Geldmacher im Archiv der SLUB
Die Projektmitarbeiterinnen Nadine Kulbe, Robin Reschke und Elisabeth Geldmacher im Archiv der SLUB. Sie forschten seit Jahren zur Herkunft von 1.200 Büchern. Bildrechte: SLUB Dresden / Anja Schneider

Ausradiert, überstempelt, unkenntlich gemacht

'Mind the gap', übersetzt 'beachte die Lücke', haben die Forscherinnen ihre Onlineausstellung genannt. Und verweisen damit auf Leerstellen zum Beispiel in Archiven. Die gut 100 Fotos und Scans zeigen: Provenienzforschung ist mühsame Detektivarbeit, die viel Geduld braucht - ein Hangeln von Anhaltspunkt zu Anhaltspunkt.

Es ist eben unsere Aufgabe, herauszufinden, [...] welche Bücher widerrechtlich enteignet worden sind im Nationalsozialismus, also von jüdischen Vorbesitzerinnen, Vorbesitzern stammten. Aus gewerkschaftlichen Kontexten, aus politischen oder religiösen Kontexten.

Nadine Kulbe, Provenienzforscherin

Knapp 1.200 Fälle haben sie sich angesehen, weil sie ihnen aufgefallen sind: anhand von Ex Libris-Stempeln, Namenseinträgen oder Nummern. Für 200 Bücher konnte eine Verfolgung ausgeschlossen werden, knapp 140 sind offen, 486 weisen auf Verfolgung hin.

Fördergelder für Provenienzforschung fehlen

Jana Kocourek, zuständige Abteilungsleiterin der SLUB, resümiert: "Und da sind wir noch nicht allen Merkmalen nachgegangen, denen wir nachgehen müssten." Rund 30 Bücher konnten zurückgegeben werden. Und viel dokumentiert. Ein weiteres Provenienz-Projekt stehe in den Startlöchern, erzählt Kocourek.

Sie fordert: "Aber irgendwann müssen wir mal von dieser Projektstruktur weg. Wir müssen es verstetigen. Weil: Es ist eine genuine Aufgabe. Provenienzforschung ist eine Aufgabe in Museen, Bibliotheken und Archiven gleichermaßen." Es brauche Geld, appelliert sie an Bund, Länder und Kommunen: Gerade im Kontrast zu Museen sei in Bibliotheken und Archiven noch einiges zu tun.

Weitere Informationnen Die virtuelle Ausstellung "mind the gap. Von geraubten Büchern, fairen Lösungen ... und Lücken" wird am 14. April 2021 um 17 Uhr eröffnet.

Die Teilnahme am digitalen Eröffnungsrundgang der Sächsischen Landes-, Staats- und Universitätsbibliothek Dresden ist über einen Link möglich. Dieser findet sich auf der Homepage der SLUB.

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 14. April 2021 | 08:40 Uhr

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