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In der Ausstellung treffen alte Exponate auf moderne Ausstellungs-Technik. Bildrechte: SKD, Foto: David Pinzer

Der Schlüssel zum Leben. 500 Jahre mechanische FigurenautomatenDresden: Interaktive Schau zu Automaten, Androiden und Robotern

von Wolfram Nagel, MDR KULTUR

Stand: 03. Juni 2022, 14:00 Uhr

Stücke aus mehreren Museen der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden sind erstmals in einer der größten Automatensammlungen überhaupt vereint. Die Ausstellung im Lipsiusbau auf der Brühlschen Terrasse zeigt Automaten aus den Sammlungen des Grünen Gewölbes, des Mathematisch-Physikalischen Salons, des Museums für Sächsische Volkskunst und der Puppentheatersammlung. Die Schau ist etwas, was man nur in Dresden erleben kann, denn die Automaten sind zum Teil sehr fragil und können nicht mehr reisen.

Am Eingang der Ausstellung bekommen Besucherinnen und Besucher einen kleinen Vierkantschlüssel, wie man ihn von hüpfenden Vögeln oder Fröschen aus Blech kennt. Damit sollen sie sich die einzelnen Objekte erschließen, sagt Kurator Peter Plaßmeyer, Direktor des Mathematisch-Physikalischen Salons. Es gibt in der Ausstellung keine Informationsschilder – es gibt Monitore, durch die man sich "durchschließen" kann, um Fotos und Filme zu erleben. Da ist die ein oder andere Überraschung dabei.

Aber erst einmal dreht sich Lilith aus Edelstahl mit Vogelkrallen im Kreis. Ein Objekt, das Jim Whiting 2012 in Leipzig geschaffen hat. Darüber bewegt sich über einer schwarzen Stellwand ein Schweineschädel von Jean Jean Tinguely, berühmt für seine mechanischen Inszenierungen. Dies sei laut Generaldirektorin Marion Ackermann eine Schenkung, die zeige, dass die Faszination dafür genauso stark sei – neben den medizinisch-naturwissenschaftlichen Aspekten. Aus einem Nebenraum dringen Geräusche der "Marble Machine" des schwedischen Musikers Martin in den Saal. Das Video der Kultband "Wintergatan" ging millionenfach auf YouTube viral. Deren moderne Musikmaschine ist Symbol ungebrochener Faszination für die Automatenkunst seit 500 Jahren.  

Privatvergnügen für kurfürstliche Familien

Einer der bedeutendsten Schöpfer mechanischer Kunstwerke war Hans Schlottheim aus Augsburg. Vermutlich für die kursächsisch Tafelrunden in Dresden baute er um 1590 einen rot emaillierten Krebs aus Messing und Eisen, der über den gedeckten Tisch kriechen und sogar die Scheren bewegen konnte.

Überraschend detailgetreu: Der "Krebs" von Hans Schlottheim. Bildrechte: SKD, Foto: Michael Lange

Den sogenannten Tafelautomaten am Dresdner Hof ist eine ganze Abteilung auf der Empore des Lipsiusbaus gewidmet. So ließ die kurfürstliche Familie die Jagdgöttin Diana auf einem silber-vergoldeten Kentauren über den gedeckten Tisch fahren, und Pfeile abschießen. Wer getroffen wurde, musste einen Pfand abgeben. Eine Art Flaschendrehen, nur eben kurfürstlich. Ausstellungskurator und Direktor des Mathematisch-Physikalischen Salons Peter Plaßmeyer erklärt: "Die Kunstkammerautomaten waren das Privatvergnügen der kurfürstlichen Familie, es waren beliebte Weihnachtsgeschenke, Neujahrsgeschenke, Geburtstagsgeschenke. Und sie hatten ein begrenztes Publikum."

Eines der eindrucksvollsten Exponate, neben dem "Globuspokal des Hl. Christophorus" mit der Himmelskugel oder der "Figuren-Automatenuhr Ruhender Hund" von 1600 ist der Trommelnde Bär. Die sitzende Figur kann sogar mit den Augen rollen und das Maul bewegen. Die Pfoten halten Trommelstöcke. An einer weißen Schärpe hängt die Pauke mit dem sächsischen Kurwappen. Wie ein Orden prangt an der Brust ein vergoldetes Zifferblatt mit Uhrzeiger. In den aufklappbaren Holzkorpus sind ein Uhrwerk- und ein Trommelwerk eingebaut. Doch in Aktion kann man den Bären nur als Video erleben, zu empfindlich sei die Mechanik, sagt Peter Plaßmeyer. Dies sei der einzige Renaissance-Automat, der mit einem richtigen Fell bezogen ist. Und das Fell ist empfindlich – wenn man den Bären berührt, verliert er Haare.

Die Figuren-Automatenuhr "Trommelnder Bär" ist um 1625 entstanden und mit echtem Fell bezogen. Bildrechte: Mathematisch-Physikalischer Salon, Staatliche Kunstsammlungen Dresden

Der berühmte Turm zu Babel, ebenfalls aus der Augsburger Werkstatt von Hans Schlottheim, kann im Original gar nicht gezeigt werden, trotz des kurzen Weges vom Grünen Gewölbe im Residenzschloss bis zur Brühlschen Terrasse. Gezeigt werden ein großes Foto und ein Video, das die Restauratoren von der komplexen Mechanik gedreht haben, samt Blasebalg und Orgelpfeifen. Auf einer umlaufenden Bahn rollt eine Kugel herab, fällt in einen Schacht und löst ein Hebewerk aus. Nun läuft ein ganzes Bildprogramm ab, mit den Planetengöttern und Musikern, im Schutz des kurfürstlichen Paares. Christian II. zahlte für das Stück 2400 Gulden, ein Neujahrs-Geschenk für seine Gemahlin Hedwig. Bald schon gelangte das vergoldete Meisterwerk in die Dresdner Kunstkammer.  

Figurenautomaten in Zeiten der Aufklärung

Schon im 18. Jahrhundert, als all die wunderbaren Insignien absolutistischer Macht in den höfischen Kunstkammern verschwanden, eroberte das Volk die mechanischen Welten. Das Leben funktioniere wie ein Getriebe, glaubte die Aufklärung. Die Jaquet-Droz-Automaten ließen Menschen zeichnen, schreiben oder musizieren. Unter der Überschrift "Die Dramaturgie der Nockenwelle" ist ein Theatrum mundi in der Ausstellung aufgebaut. Es stammt aus Radebeul. Am Zuschauer ziehen Episoden der Weltgeschichte vorbei, wie die Residenz des Indischen Großmoguls mit dem Palast von Taj-Mahal. Davor seien lauter Bahnen, auf denen sich verschiedenste Figuren, Fahrzeuge und Tiere von rechts nach links bewegen, erklärt Peter Plaßmeyer.

Die "Drei Schreiber" von Christian Werdin. Bildrechte: SKD, Foto: David Pinzer

In der Koje daneben können Besucher die Passion Christi in sieben Aufzügen erleben, vom heiligen Abendmahl bis zur Kreuzigung und Auferstehung Christi. Geschaffen hat das einzigartige Schnitzwerk Elias Augst aus Steinigtwolmsdorf bei Bautzen, von 1825 bis 1830. Ein Urenkel des Kleinbauern habe es in der Scheune gefunden und es dem Museum für Sächsische Volkskunst übergeben, berichtet Igor A. Jenzen. Der ehemalige Direktor des Museums hat sogar in sechs Wochen eine kleine Szene nachgebaut. Angetrieben von einer hölzernen Welle sieht man den Jünger Jesu trinken. Dies sei sehr kompliziert gewesen und man habe dabei erst verstanden, wie raffiniert Elias Augst war, ein Tausendsasa.

Das Leben als Vorbild – Automaten der Moderne

Den Hauptraum der Ausstellung nehmen Spiel- und Münzautomaten ein, an die man sich bis heute erinnert. Dazu gehört die Musikbox des amerikanischen Erfinders Rudolf Wurlitzer, der aus Plauen im Vogtland stammt. Weniger bekannt dürfte ein Storch sein, der Schokoladenbabys bringt, oder der Boxomat, mit dem per Münzeinwurf Männer aufeinander losdreschen. Filmischer Ausdruck dieser mechanisierten Welt des frühen 20. Jahrhunderts ist "Metropolis" von Fritz Lang. Deren Marie symbolisiert mit ihrer modernen Ritterrüstung den Beginn unseres Zeitalters.

Am Eingang bekommen Besucherinnen und Besucher einen kleinen Vierkantschlüssel, um sich die Ausstellung zu "erschließen". Bildrechte: SKD, Foto: David Pinzer

In einer riesigen Regalwand, die den Eingang vom Hauptraum trennt, liegt die Eiserne Hand des Götz von Berlichingen, Vorbild für mechanische Prothesen. Dahinter bläst ein schnurrbärtiger K & K Dragoner die Trompete, im Inneren bestückt mit einer Musikwalze. Die Leihgabe aus Schwarzenberg stammt aus der Zeit des Wiener Kongresses, als Europa nach der verlorenen Völkerschlacht von Leipzig neu aufgeteilt wurde. Auch eine Babypuppe, die Mama schreit, gehört genauso zu den Modernen Figurenautomaten wie ein Stimmenimitator aus der Technischen Universität Dresden.

Mehr Informationen zur Ausstellung"Der Schlüssel zum Leben. 500 Jahre mechanische Figurenautomaten"
Staatliche Kunstsammlungen Dresden, Kunsthalle im Lipsiusbau
Georg-Treu-Platz 1, 01067 Dresden

3. Juni bis 25. September

Öffnungszeiten:
Dienstag bis Sonntag von 10 bis 18 Uhr, Montag geschlossen

Eintrittspreise:
Erwachsene 8 Euro
Ermäßigt 6 Euro
Der Eintritt ist für alle unter 17 Jahren frei.

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Dieses Thema im Programm:MDR KULTUR - Das Radio | 03. Juni 2022 | 12:10 Uhr