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"Deutsches Design 1949-1989: Zwei Länder, eine Geschichte"Design-Ausstellung in Dresden: Mehr als Vergleiche zwischen DDR und BRD

"Deutsches Design 1949-1989: Zwei Länder, eine Geschichte"

Design-Ausstellung in Dresden: Mehr als Vergleiche zwischen DDR und BRD

von Birgit Fritz, MDR KULTUR

Stand: 15. Oktober 2021, 15:18 Uhr

30 Jahre nach dem Mauerfall thematisiert eine große Ausstellung die Designgeschichte in DDR und BRD, gemeinsam realisiert durch das Kunstgewerbemuseum der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden und des Vitra Design Museums in Weil am Rhein. Eine Begegnung auf Augenhöhe zwischen Ost und West zu schaffen, ist der dezidierte Anspruch dieser Ausstellung im Dresdner Lipsiusbau.

Zu den Kränkungen, die der Osten in den vergangenen Jahrzehnten wegen seiner materiellen und geistigen Hinterlassenschaften (oft auch zu Unrecht) erfahren hat, fügt diese Ausstellung keine weitere hinzu. Die Arbeiten von Formgestalterinnen und -gestaltern – so hießen sie im Osten und so wollen viele noch heute genannt werden – werden vielmehr ins rechte Licht gerückt: dicht in der Dresdner Aufstellung und paritätisch mit den Westverwandten.

Viele im Publikum werden bei den 390 ausgestellten Exponaten oft nicht entscheiden können, ob sie im Osten oder Westen entstanden. Die Beschilderung ist in dieser Hinsicht angenehm zurückhaltend. "Heute gibt es eine Umdeutung der DDR-Gestaltung", erklärt Klára Nemecková, Kuratorin vom Kunstgewerbemuseums Dresden. "Man sieht im Zusammenhang mit der Nachhaltigkeitsdiskussion, dass eine Gestaltung einen Wert haben muss, die dauerhaft ist, die vieles aushält, die Reparaturen ermöglicht."  

Herausragende Design-Beispiele in Dresden

Einige Beispiele: Das Kleinkraftrad Simson S 51 von Karl Clauss Dietel und Lutz Rudolph, das in Suhl hergestellt wurde, war der Traum vieler Jugendlicher. Mit 60 km/h konnten sie durchs kleine Land düsen. Die Fahrerinnen und Fahrer konnte selbst an dem Gefährt schrauben, wenn Teile verschlissen waren und ersetzt werden mussten. Auch die großen Rupfen-Spieltiere der Sonneberger Spielzeuggestalterin Renate Müller haben den Ritt ganzer Kindergenerationen ausgehalten. Unverwüstlich auch das Rühr- und Mixgerät RG 28 – man war allerdings froh, wenn man es im weißen Gehäuse erwischte und nicht im orangeroten.

Die Anlage mit beweglichen Lautsprechern war eine besondere Schöpfung von Karl Clauss Dietel. Bildrechte: Kunstgewerbemuseum, Staatliche Kunstsammlungen Dresden, Foto: Gunter Binsack

Selbstverständlich gab es auch gestalterische Missgriffe, wie die zweifarbigen Blumengießkannen aus Plastik – auch wenn sie ganz dem Zeitgeschmack der späten Fünfziger entsprachen und mit ihnen ein neues Material in die Haushalte einzog. "Man sieht extrem viele Objekte auch aus der Bundesrepublik, die aus Kunststoff mit innovativen Technologien hergestellt wurden", erklärt Erika Pinner, Kuratorin vom Vitra Design Museum. "Also oft ist davon die Rede, aller Kunststoff kam aus der DDR. Es gab auch in der Bundesrepublik in den 60er-Jahren sehr viel davon. Das war ein neues aufregendes Material. Das ist auch international so gewesen."

Mehr als Vergleiche zwischen DDR und BRD

Die Traditionen von Werkbund und Bauhaus prägten in Ost und West die Haltung der Designer zu den Dingen. Sie weiterzutragen war im Westen einfacher als im Osten, wo das Formalismusverdikt die Moderne zweitweise ins Abseits stellte. So zeigt die Dresdner Ausstellung auch, wie verwoben Designgeschichte mit Politik, Ideologie, Wirtschaft und dem Zeitgeist ist.

Der größte Unterschied für die Designerinnen und Designer waren die Voraussetzungen der jeweiligen Länder. Bildrechte: Staatliche Kunstsammlungen Dresden, Foto: Iona Dutz

Während nach dem Krieg der Marschallplan das Wirtschaftswunder im Westen ermöglichte, zahlte der Osten noch Reparationen. Das Design im Westen, beispielsweise von Dieter Rams oder Ingo Maurer, war schnell weltmarkttauglich. Der Osten war klamm an Ressourcen und seit 1961 vermauert. Dennoch gab es ähnliche Entwicklungen: Kuratorin Klára Nemecková nennt das stapelbare Geschirr, also die Mitropagefäße, von Margarete Jahny und Erich Müller als ein Beispiel. "Auch da hat man immer gesagt, dass das kopiert ist nach dem Stapelgeschirr von Nick Roericht. Aber dem ist nicht so. Denn bereits 1950 hat Margareta Jahny an der Hochschule für Bildende Künste Dresden ein Stapelgeschirr entworfen unter ihrem Lehrer Mart Stam und Marianne Brandt."

Anders als oft dargestellt, war das Geschirr "Mitropa" keine Kopie Bildrechte: Kunstgewerbemuseum, Staatliche Kunstsammlungen Dresden/Gunter Binsack

Wir wollen mit vielen Klischees aufräumen und zeigen nicht immer Vergleiche, sondern wir erzählen Geschichten hinter den Objekten.

Klára Nemecková, Kuratorin

Im Westen konnten Designer reich und berühmt werden. Im Osten blieben sie oft ungenannt, verschwanden vielfach hinter ihren Produkten und deren Produktionsstätten. Schon deshalb ist es höchste Zeit, die Designgeschichte Ost aufzuarbeiten – noch können die Akteurinnen und Akteure erzählen. Das werden sie auch: An einem eigens für die Ausstellung geschaffenen Diskursmöbel, das natürlich ein großer runder Tisch im Untergeschoß der Haupthalle ist, entstanden in den Hellerauer Werkstätten.

Weitere InformationenDie Ausstellung "Deutsches Design 1949-1989: Zwei Länder, eine Geschichte" ist noch bis zum 20. Februar 2022 in der Kunsthalle im Lipsiusbau in Dresden zu sehen.

Adresse:
Georg-Treu-Platz 1
01067 Dresden

Öffnungszeiten:
Dienstag bis Sonntag von 10 bis 17 Uhr

Dieses Thema im Programm:MDR KULTUR - Das Radio | 15. Oktober 2021 | 07:40 Uhr