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"Spoon Archaeology" in PillnitzAusstellung über Plastikbesteck in Dresden: Ist das Kunst oder kann das weg?

von Mario Süßenguth, MDR KULTUR

Stand: 11. Mai 2022, 09:19 Uhr

Werden Archäologen künftiger Generationen Einwegplastiklöffel ausgraben und als Kulturleistung des 20. und frühen 21. Jahrhunderts betrachten? So mutmaßt es die aktuelle Sonderausstellung des Kunstgewerbemuseums der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden (SKD) im Schloss Pillnitz. Sie zeigt rund 700 Messer, Gabeln und Löffel aus Kunststoff, industriell hergestellt zum einmaligen Gebrauch, die seit vorigem Jahr in der EU verboten sind. "Spoon Archaeology" heißt die Schau, die sich kritisch mit dem Konsum auseinandersetzt.

"Was ist die Alternative zu unserem aktuellen Lebensstil des 'To go' und der Wegwerf-Mentalität?", fragt Kurator Thomas A. Geisler, zugleich Direktor des Kunstgewerbemuseums Pillnitz in Dresden. "Die Zeitspanne des Kunststoffbestecks ist angesichts einer zehntausende Jahre währenden Kulturentwicklung eine extrem kurze. Wir widmen uns hier aber auch der Faszination des Produkts, heißt: Gestaltung, Form, Design, die dieses Material erst möglich machen."

Einwegprodukt trifft auf Dresdner Barock

Plastik, Plaste oder Plast – wie auch immer der Kunststoff nun regional genannt werden mag: Das leicht formbare Erdölprodukt versetzt Designerinnen, Designer und Freundinnen knalliger Farben seit jeher in Verzückung. Azurblaue Kaffeelöffel, strohgelbe Pommes-Gabeln, schneeweiße Reislöffel oder nachtschwarze Cocktailspieße – sie wurden millionenfach produziert, als Werbeartikel, Kiosk-Utensil oder Verpflegungsbeigabe im Flugzeug.

Dieses kulinarische Werkzeug verrottet de facto nie und ist als Einwegprodukt doch nur für den sekunden- oder minutenkurzen Gebrauch bestimmt. Ein moderner Widerspruch, den die Schau zu Vergangenheit und Zukunft des Bestecks in Dresden-Pillnitz komprimiert zeigt, in drei Räumen des Wasserpalais aus Sachsens Augusteischer Zeit. Barock trifft Design, lautet auch der Marketingslogan des Museums.

Die Ausstellung "Spoon Archaeology" im Kunstgewerbemuseum Dresden zeigt die bunte Welt des Einwegbestecks aus Plastik - und regt dabei zum Nachdenken an. Bildrechte: Staatliche Kunstsammlungen Dresden/Klemens Renner

Design-Ausstellung hinterfragt Konsum

Die Sammlung von Einwegbesteck aus aller Welt stammt von den Designern Kai Linke und Peter Eckart. Gemeinsam mit Geisler nahmen sie damit voriges Jahr an der London Design Biennale teil. Dort hieß die Kernfrage, auch unter dem Eindruck der globalen Covid-19-Pandemie: Können wir eine bessere Welt gestalten?

"Wir merken, wie kurzfristig gedacht der Weg ist, Einwegbesteck aus Kunststoff herzustellen", sagt Kurator Geisler. "Aber liegt ab nun die Zukunft wirklich in der Verwendung von Alternativ-Materialen wie Holz oder Mais?" Oder wäre das erneut eine Sackgasse, weil eben Einweg kein Weg sei, so der Kurator. Dies sind die Gedanken, die beim Besuch der Schau mitschwingen. Ein Video in der Schau zeigt denn auch, wie sich der Großteil der Weltbevölkerung noch heute ernährt: mit der eigenen Hand, Hilfsmittel sind oft essbare Blätter oder Gemüse- und Brotstücke. Fingerfood nicht als hipper Modetrend, sondern als nachhaltige Lebensweise der Zukunft?

Nachhaltigkeit gegen Kurzlebigkeit

Die zum hassgeliebten modernen Alltag gewordenen Einweg-Kunststoff-Löffel, -Messer, -Gabeln oder -Spieße verraten jedenfalls eine Menge über den Stand der westlichen Zivilisation, der so rasant schnell erreicht wurde. Noch im 19. Jahrhundert ähnelte Reisebesteck dem kostspieligen Dinner-Werkzeug, das heute allenfalls auf Festtafeln liegt, handwerklich produziert aus Sterling-Silber, Edelhölzern oder Perlmutt. Ein Löffel fürs Leben. Essbesteck für die Ewigkeit.

Die Schau "Spoon Archaeology" in Dresden-Pillnitz zeigt zum Vergleich auch älteres Bestück für unterwegs. Bildrechte: Staatliche Kunstsammlungen Dresden/Klemens Renner

Einer der Schaukästen zeigt, was die Wegwerfgesellschaft heute und eine nachhaltige Gesellschaft vor 300 Jahren hervorgebracht haben: das kunstvoll verzierte, klappbare Reisebesteck – und gleich daneben eines der seltenen Wegwerfprodukte aus DDR-Zeiten, der kleine Eislöffel, der den Eisbechern oder der Kaufhallen-Frosttruhe beigelegt war. Auch der aus Österreich stammende Kurator Geisler weiß um dessen Besonderheit: "Das war gutes Design – und auf jedem der Löffel war ein Name eingeprägt. Wir haben einen roten Eislöffel 'Angela'."

Der Wegwerf- und Einweggedanke als Irrung der Vergangenheit? Schön wärs! Denn wirklich weg aus dem Alltag scheinen die bunten Löffeln, Gabeln, Messer, Spieße und Coffee-to-go-Rührstäbchen noch lange nicht. Die echten Archäologen müssen noch warten.

Informationen zur Ausstellung"Spoon Archaeology"
Kunstgerbwerbemuseum Schloss Pillnitz
Bis 31. Oktober 2022

Adresse:
August-Böckstiegel-Straße 2
01326 Dresden

Öffnungszeiten:
täglich 10—17 Uhr, Montag geschlossen

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Dieses Thema im Programm:MDR KULTUR - Das Radio | 12. Mai 2022 | 06:15 Uhr