Städtische Galerie Starke Frau, starke Künstlerin: Dresdner Ausstellung ehrt Malerin Angela Hampel

Expressionistisch gemalte Punkerinnen, die ihr Recht als Frauen einfordern, verkleidet als mythische Figuren, als Kassandra, Medea und Salome. Mit dieser feministischen Revolte wurde die damals etwa 30-jährige Malerin Angela Hampel aus Dresden Mitte der 80er-Jahre bekannt. Jetzt hat die Städtische Galerie Dresden ihr die erste Retrospektive mit dem Titel "Angela Hampel – das künstlerische Werk" gewidmet.

Porträt Angela Hampel vor Gemälden in einer Ausstellung
Mit einer großen Retrospektive ehrt die Städtische Galerie Dresden die Malerin und Grafikerin Angela Hampel. Bildrechte: Städtische Galerie Dresden / Sophie Arlet

Ein Auge wacht immer. Expressionistische Formen und Frauen im Ausnahmezustand durften erwartet werden von Angela Hampel. Überraschend in ihrer Dresdner Ausstellung sind dagegen spröde Berg-Porträts. Zu erfahren ist, dass diese Künstlerin sogar Alpinistin ist, dass sie die höchsten Gipfel dreier Kontinente erklommen und im Himalaya sogar die magischen 8.000 Meter überschritten hat. In Kunst und Gebirge: sie geht an die Extreme.

Einmal im Jahr für anderthalb oder zwei Monate weg – das macht Klarheit im Kopf, die Du ab und zu mal brauchst, wenn's an den Feinschliff des Bildes geht.

Angela Hampel, Malerin

Angela Hampel als Gallionsfigur und Feministin der 80er-Jahre

Eine halbe Generation revoltierte Mitte der 80er-Jahre im Osten mit expressionistischer Geste. Angela Hampel wurde zur Gallionsfigur – und zur Feministin. Nachdem sie den Roman "Kassandra" illustriert, wird Christa Wolf zur Freundin. In "Kassandra" war zu lesen: "es sind nicht irgendwelche Verhältnisse, die euch drücken, es sind die Männer: Es ist das Patriarchat, das Kassandra umbringt." – Ein Buch, mit dem sich Hampel durchaus identifizieren kann:

"Man hat sich da geradezu dran geklammert, da war eine starke Frau, die auch etwas zu melden hatte und die dann natürlich kläglich scheiterte. Aber das hat für mich eine ganz große Bedeutung gehabt in dem ganzen Haufen, ich war ja auch mehrheitlich mit Männern umgeben in der Arbeit."

Angela Hampel, Salome, 1985/1986, Mischtechnik auf Leinwand / 120,5 x 73 cm / Besitz der Künstlerin
Von Kassandra aus wandte sich Hampel anderen Frauen aus der Mythologie und aus der Bibel zu, darunter unter anderem Salomé. Bildrechte: Philipp WL Günther, © VG Bild-Kunst, Bonn 2022

Von Christa Wolfs "Kassandra" zu Ingeborg Bachmanns "Undine"

Die wahnsinnige Medea, die ihre Kinder umbringt aus verratener Liebe. Auf Kassandra lässt Angela Hampel etliche Frauen-Mythen folgen, die sie teilweise weiterschreibt. Auf Ingeborg Bachmanns Erzählung "Undine geht" basieren zwei Metallskulpturen an der Elbe in Dresden: die halbgöttliche Wasserfee, die für einen Menschen sogar ihr Reich verlassen hatte – und nun wieder zurückkehrt.

Die Skulpturen spiegeln "die Vergeblichkeit weiblichen Liebens", erklärt Hampel: "Undine setzt sozusagen alles auf eine Karte und wird am Ende betrogen. Und das ist ja so ein Standard-Verhalten von vielen Männern. Und das haben viele Frauen geteilt, deshalb haben sie zum Beispiel auch ein anderes Verhältnis zu der Undine."

Gründung der Dresdner Künstlerinnenvereinigung "Sezession 89" 

Ehrlich und schmerzhaft: Die "Offene Zweierbeziehung", eine Installation von Angela Hampel und Stefan Fischer von 1989: jede, jeder gefangen für sich. Kooperationen waren ihr immer willkommen, oft für Performances. Und man darf sagen: Die Gründung der "Sezession 89" ist vor allem Angela Hampel zu verdanken. Das Ziel scheinbar banal und doch hoch: die patriarchalen Strukturen des Kunstbetriebs für Frauen zu öffnen. Hampel erinnert sich:

"Ich kam ja nun auch ein bisschen von der Käthe Kollwitz her, und dieses Wirken in meiner Zeit, das hab ich mir sehr, vielleicht auch ein bisschen zu sehr angenommen, weil ich denke: Wenn Kunst überhaupt eine Aufgabe hat, dann ist es entweder die Welt zu verschönern oder eben Dinge, die schlecht sind, zu verbessern. Natürlich ist das ein Wahnsinnsanspruch."

Angela Hampel, Selbst / 1988 / 1989 / Kohle auf Papier / 68,6 x 81 cm
Auch dieses Selbstbildnis Hampels (1988/89) ist Teil der Ausstellung in der Städtischen Galerie Dresden. Bildrechte: Philipp WL Günther, © VG Bild-Kunst, Bonn 2022

Radikale Kritik – auch am Feminismus

Seit einigen Jahren schränkt eine ernste Stoffwechselkrankheit sie ein, doch Angela Hampel hört nicht auf, sich in die Zeit geradezu hineinzuschmeißen. Sie malt die Ratten auf dem Narrenkahn und den Krieg als Tod pur. Ihre Kritik bleibt radikal im besten Sinne – übrigens auch, was den Feminismus angeht:

"Es passiert nicht wirklich etwas, es wird nicht wirklich an die Wurzeln des Systems gegangen. Man müsste das ganze System ändern und nicht immer nur ein Pflaster draufkleben. Gerade was die Frauen betrifft. Es reicht ja nicht, es ist sinnlos, immer mehr Frauenhäuser zu machen oder mehr Schutzzonen. Man müsste die Verhältnisse so ändern, dass das gar nicht nötig ist."

Man müsste das ganze System ändern und nicht immer nur ein Pflaster draufkleben.

Angela Hampel, Malerin

Angela Hampel, Die Ratten verlassen das sinkende Schiff / 2017 / Mischtechnik auf Leinwand / 159 x 119 cm
Angela Hampels Werk mit dem Titel "Die Ratten verlassen das sinkende Schiff" Bildrechte: Philipp WL Günther, © VG Bild-Kunst, Bonn 2022

Freilich sind Liebe und Erotik im Bild, glückhaft ekstatisch und blockiert. Formal variabler und sogar intimer sind Angela Hampels Zeichnungen. Generell ist ihre Ansprache schonungslos direkt: Dein ist mein ganzes Herz. Ob mythische Heldin oder Columbine: sie sagen Du zum Publikum.

"Ich bin die, die da etwas hineingibt. Und das Schöne ist, dass es Leute gibt, die etwas herausnehmen. Und wenn sich das ein bisschen trifft, das ist Glück, in der Malerei."

Amazone und Krieger – Liebe und Todeskampf. Die ältere Malerei wirkt gar nicht veraltet – sogar aktuell, zum Beispiel mit den androgynen unklaren Identitäten. Gar nicht nur retrospektiv also die Ausstellung "Angela Hampel – das künstlerische Werk" in der Städtischen Galerie Dresden.

Angela Hampel, Ohne Titel (Paar) / 1986 / Algrafie auf getöntem Papier (rot) / 51,3 x 61,3 cm
Viele Werke Angela Hampels tragen keinen Titel, so auch diese Darstellung eines Paars (1986) Bildrechte: Philipp WL Günther, © VG Bild-Kunst, Bonn 2022

Mehr Informationen zur Ausstellung

"Angela Hampel – das künstlerische Werk"
Laufzeit: 25. Mai bis 11. September 2022

Ausstellungsort: Städtische Galerie Dresden
Wilsdruffer Straße 2
01067 Dresden

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Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | artour | 07. Juli 2022 | 22:10 Uhr

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