Graffiti "Tanz der Lebenden" Street-Art auf Dresdner Friedhof polarisiert

Die Arbeiten des bekannten Dresden-Street-Art-Künstlers Jens Besser findet man inzwischen weltweit an vielen Orten, aber natürlich auch hierzulande. So prangt eine Wandzeichnung von ihm seit kurzem auch auf der Außenmauer eines Friedhofes in der Dresdner Neustadt – Titel des Graffitis: "Tanz der Lebenden". Ausgerechnet an diesem Ort der Trauer passt es so besonders gut.

Dresdner Street-Art-Künstler Jens Besser bespüht eine Friedhofsmauer
Die botanischen Motive wie Eichenblätter oder Lilien finden sich auf dem Friedhof als Gräberschmuck wieder. Bildrechte: Heike Richter

Die Blüte einer Feuerlilie passe mit ihrer runden Form eben perfekt an die Rückseite einer Gruft, welche an ihrer Spitze einen Halbkreis mache, erklärt Street-Art-Künstler Jens Besser. 60 Meter ist der Teil der Mauer lang, auf der er sich mit einem Werk verewigt hat. Der Ort, der Innere Neustädter Friedhof in Dresden, war dabei unweigerlich Inspirationsquelle, wovon die Lilien zeugen, aber auch riesige Eichenblätter.

Darstellung der lebendigen Dresdner Neustadt

Jens Besser
Künstler Jens Besser Bildrechte: Zerrlicht*Agentur

Bei seinen Spaziergängen über den Friedhof sei Besser auf das Motiv des Eichenblattes gestoßen, welches als bildliche Darstellung oft auf Gräbern zu finden sei. Das Blatt an sich sei auch zeichnerisch simpel und in einem Strich umsetzbar. So habe er die Eichenblätter mit einem Schwung aus dem Körper herausgezeichnet, was der Arbeit eine gewisse Leichtigkeit gegeben habe, erzählt der Street-Art-Künstler.

Die braucht es als Gegenpol zum Beispiel zu den vielgestaltigen Windrädern, wie man sie oftmals auf Kindergräbern findet. Die Atmosphäre, die das Graffiti auf der Außenmauer des Friedhofs verströmt mit den hellen Farbtönen, ist dennoch eine lebensbejahende. Dafür steht vor allem das zentrale Motiv, ein quirliger Menschenzug in Blau, der sinnbildlich die Bewohner des Stadtteils abbilden soll.

Dresdner Street-Art-Künstler Jens Besser bespüht eine Friedhofsmauer
Dieser Menschenzug stellt sinnbildlich die Bewohner der Dresdner Neustadt dar. Bildrechte: Heike Richter

Hier ist der Koch, hier ist eine Bodybuilderin, hier die DJane hält dann den Schallplattenspieler vor sich. [...] Der Fahrradkurier musste natürlich auch mit drauf, dann die zwei Freaks aus der Neustadt, der kleine und der große mit der Farbrolle.

Jens Besser, Dresdner Street-Art-Künstler

Um zu zeigen, dass dies aber auch ein sehr lebendiger Stadtteil sei, gebe es auch einen Klavierspieler und Musiker. Darum sei es Jens Besser bei seiner Darstellung vom "Tanz der Lebenden" gegangen.

Dresdner Totentanz
Der "Dresdner Totentanz" von Christoph Walther entstand im 16. Jahrhundert. Bildrechte: Haus der Kirche/F: Jens Ahner

Der Titel der Arbeit nimmt Bezug auf den so genannten "Dresdner Totentanz", ein zwölf Meter langes Sandsteinrelief des Renaissancebildhauers Christoph Walther, entstanden um 1535. Dargestellt sind darauf 27 Figuren: Vertreter unterschiedlicher Stände, deren Reigen von drei den Tod verkörpernden Skeletten angeführt wird. Heute ist der restaurierte Wandfries in der Dresdner Dreikönigskirche angebracht. Von 1731 bis 1975 befand er sich jedoch auf dem Inneren Neustädter Friedhof, wo jetzt ein zeitgemäßes Pendant die Mauer verschönt. Und das im wahrsten Sinne des Wortes, denn hier im Stadtteil sind sämtliche Häuserwände mit Graffitischriftzügen regelrecht zugepflastert und eben auch die Friedhofsmauer.

Dresdner Totentanz
Auf dieses zwölf Meter lange Sandsteinrelief nimmt Jens Besser in seinem Graffiti Bezug. Bildrechte: Haus der Kirche/F: Jens Ahner

Bezahltes Kunstwerk erntet Kritik

Dass dies immer schlimmer werde, berichtet Ellen Hönl von der Friedhofsverwaltung, die sich für die Neugestaltung der Mauer und für die Idee von einer Neuauflage des Dresdner Totentanzes mit engagiert hat. Aufgrund der Erfahrung, dass bereits bemalte Flächen in Ruhe gelassen würden, habe sie große Hoffnung, mit dem beauftragten Graffiti endlich mal ein ordentliches Bild für die Friedhofsbesucherinnen und -besucher zu bekommen.

Es soll magisch anziehen, wir wollen den Friedhof ja attraktiver gestalten für die Trauernden, für alle Friedhofsbesucher. Und dann freuen wir uns natürlich wenn wir jetzt die Neustadt attraktiver gestalten könnten.

Ellen Hönl, Friedhofsverwaltung
Besprühte Hauswand
Die Ästhetik dieser Art von Graffiti-Kunst kann Jens Besser nicht verstehen. Bildrechte: MDR/Grit Krause

Die erhoffte Ruhe lässt allerdings auf sich warten, denn seit Jens Besser mit den Arbeiten am Bild begonnen hat, wurde es nahezu täglich von Sprayern aus der Graffiti-Szene übersprüht. Ein "Hau ab du Hund" in Lila prangt noch immer quer über der Fläche. Am Ende ging es sogar soweit, dass der Künstler von Vermummten angegriffen und von der Leiter gestoßen wurde. Passiert ist ihm dabei nichts. Über die Motive lässt sich nur spekulieren, möglicherweise geht es darum, dass es für das Kunstwerk Geld gegeben hat, 17.200 Euro vom Stadtbezirksrat, dessen Höhe von Projektgegnern für unangemessen hoch und nicht nachvollziehbar angesehen wird. Eine andere Überlegung ist, die seit Jahren um sich greifende Gentrifizierung der Dresdner Neustadt zu stoppen.

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version des Textes hieß es, dass ein Großteil der Summe für das Werk in die Grundierung der Wand geflossen ist. Dieser Satz wurde nach einem Nutzerhinweis geändert. Die Kosten für die Grundierung sind nach Angaben des Künstlers mit mehr als 6.500 Euro zu veranschlagen.

So hässlich wie möglich gestaltet, glaubt man, dass die Mieten niedrig bleiben. Wenn man sich Stadtteile wie Neukölln in Berlin anguckt, zeigt sich, dass Hipster trotzdem hinziehen.

Jens Besser, Street-Art-Künstler

Seitens einiger Anwohnerinnen und Anwohner gibt es inzwischen schon Angebote, zu helfen, wenn das Graffiti wieder hergestellt werden soll – für Jens Besser, Ellen Hönl und für den "Tanz der Lebenden" am Inneren Neustädter Friedhof auf jeden Fall ein Hoffnungsschimmer.

Dresdner Street-Art-Künstler Jens Besser bespüht eine Friedhofsmauer
Mehr als 17.000 Euro bezahlte der Stadtbezirksrat für dieses Graffiti. Bildrechte: Heike Richter

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 22. Januar 2021 | 07:40 Uhr

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