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StadtgeschichteFotoprojekt: Neues Leben für alte "Wartburg"-Produktionshalle in Eisenach

von Mareike Wiemann, MDR KULTUR-Landeskorrespondentin Thüringen

Stand: 01. Dezember 2021, 16:39 Uhr

Thüringens größtes Industriedenkmal steht in Eisenach: Das O1 war einst Stammwerk von BMW und DDR-Produktionsstätte für das Erfolgsmodell "Wartburg", doch seit 20 Jahren steht das geschichtsträchtige Fabrikgebäude leer. Nun gewährt ein Fotograf aus Hamburg ungewöhnliche Einblicke in die heutige Ruine, die er mithilfe von alten und neuen Bilder wieder zum Leben erweckt hat. Entstanden ist ein besonderes Zeitdokument für Eisenach – noch rechtzeitig bevor das Gebäude zur Sportarena umgebaut wird.

Es herrscht eine große Leere in dieser Halle in Eisenach. Auf dem Boden liegt nichts als Staub, der Blick schweift weit entlang dutzender Stahlträger bis zu den riesigen Fenstern, deren Scheiben zum Großteil kaputt sind. Aus einem Rohr von der Decke tropft das Regenwasser nach unten – es kann nicht versickern und bildet weite Pfützen: "Es gibt hier nichts mehr außer den tragenden Säulen, den Außenwänden, und zwei Treppenhäusern", so der Hamburger Fotograf Werner Schöffel. "Es gibt nicht mal mehr Toiletten, nichts. Alles ist entfernt worden. Und diese Leere war meine Bühne."

Fragilität der Ruine mit Lasertechnik eingefangen

Im März 2020 begann Schöffel im O1 zu arbeiten. Er erforschte das O1 zunächst mit einem aus der Vermessungstechnik stammenden Laserscanner. Aus unzähligen Messpunkten generierte er Bilder, die er dann zu einem Film zusammenfügte: Die virtuelle Kamera fährt durch Fenster und Wände hindurch. Die schweren Stahlträger erscheinen plötzlich transparent, fast filigran.

Von 1955 bis 1965 wurde das Auto-Modell Wartburg 311 in Eisenach produziert. Bildrechte: Werner Schöffel

Durch die verschiedenen Messpunkte legt sich eine grobkörnige Ästhetik über alles. Eine Ruinen-Meditation. "Die ganze Fragilität wird damit auf die Spitze getrieben, was das Gebäude heute ist. Eigentlich steht es ja nur noch wegen der riesigen Eisenträger. Die Mauern sind alle lädiert und löchrig", sagt der Fotograf.

Historische und neue Bilder übereinander montiert

Das O1 von außen – früher und heute Bildrechte: Werner Schöffel

Zeit und Wandel, das sind Themen, mit denen Schöffel sich schon lange künstlerisch beschäftigt. Seit fast zwei Jahren lässt ihn nun das O1 nicht mehr los, der computergenerierten Kamerafahrt sind einige weitere Projekte gefolgt. Er hat alte Fotografien aus dem Wartburg-Werk gesammelt, die abgebildeten Orte dann noch einmal fotografiert, und historische und neue Bilder übereinander montiert. Er hat Menschen, die einen Bezug zum O1 haben, in der Halle porträtiert. Und er hat – als vorerst letzte Arbeit – kleine Rauchwolken im Gebäude aufsteigen lassen und fotografiert. Diese Bilder irritieren. Schweben da etwa Geister durch die alten Gemäuer?

"Das Gebäude hat eine eigene Temperatur", erklärt Schöffel. "Es kann draußen noch so warm sein, hier ist es kühler. Die Kühle des Verlassenen. Und da kommen einem so Gedanken wie: Wärme und Kälte, was erzeugt der Übergang?" Wenn Menschen bei kalter Umluft ausatmeten, sehe man den Atem, so der Fotograf. Die Dunstwolken auf seinen Fotografien stellten dar, wie die letzte Wärme auf Kälte treffe.

Schöffel hat kleine Dunstwolken im Gebäude aufsteigen lassen und fotografiert. Bildrechte: Werner Schöffel

Zeitdokument für Eisenachs Stadtgeschichte geschaffen

Werner Schöffel (r.) hat das O1 über Uwe Britten (l.) kennen gelernt. Bildrechte: MDR/Mareike Wiemann

Bei all seinen Arbeiten wird Schöffel von einem Freund aus Eisenach begleitet, dem Texter Uwe Britten, über den er das O1 überhaupt erst kennengelernt hat. Für Britten leistet Schöffel wichtige Arbeit in Eisenach, denn bislang habe sich noch niemand ausführlich mit diesem für die Stadtgeschichte so wichtigen Ort beschäftigt: "Für viele Menschen in Eisenach, gerade auch für die ehemaligen Beschäftigten, hat das O1 eine hohe Bedeutung."

Kürzlich hat Werner Schöffel in Hamburg ein Stipendium für sein O1-Projekt bekommen. Er nutzt das Geld nun, um eine Ausstellung zu konzipieren, die ab dem kommenden Oktober im Eisenacher Kunstpavillon gezeigt werden soll.

Fotoprojekt geht auch nach Umbau zur Turnhalle weiter

Und auch nach der Ausstellung will Werner Schöffel dran bleiben. Denn die alte Industriehalle wird sich verändern. Sie wird in den kommenden Jahren mit Millionengeldern zu einer großen Sporthalle umgebaut. Schöffel will das weiter verfolgen, indem er die Porträtierten in fünf Jahren in der Turnhalle wieder fotografiert – an der gleichen Stelle.

"Wir haben sie verortet, und könnten den Platz wiederfinden", bekräftigt er sein Vorhaben. Das O1 wird nach dem Umbau wohl komplett anders aussehen. So ist jetzt schon klar: Werner Schöffel hat mit seinen Film- und Fotoarbeiten ein Zeitdokument für Eisenach geschaffen.

Schöffels Bilder werden voraussichtlich Oktober 2022 im Eisenacher Kunstpavillon ausgestellt. Bildrechte: Werner Schöffel

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Dieses Thema im Programm:MDR KULTUR - Das Radio | 01. Dezember 2021 | 06:15 Uhr