Trauer Zum Tod des Leipziger Fotografen Erasmus Schröter

Der Leipziger Künstler zählte zu den interessantesten Fotografen seiner Generation. Nun ist er im Alter von 64 Jahren völlig unerwartet gestorben. Ein Nachruf von MDR Kultur-Kunstredakteur Andreas Höll, der das Werk des Künstlers lange begleitet hat und auch Kurator dessen Leipziger Schau "Montevideo" im Museum der bildenden Künste war.

Erasmus Schröter
Erasmus Schröter Bildrechte: Christoph Busse

Der Fotograf Erasmus Schröter ist tot. Der 1956 in Leipzig geborene Künstler starb völlig unerwartet vergangenen Sonntag. Schröter gehörte ohne Zweifel zu den interessantesten Fotografen seiner Generation. Er studierte an der Leipziger Hochschule für Grafik und Buchkunst, bis er dann 1985 die DDR aus Protest gegen die politischen Verhältnisse verließ – und nach Hamburg übersiedelte. 1997 kehrte er wieder nach Leipzig zurück.

Internationaler Erfolg

Schröter war mit seinen vielfältigen Arbeiten international präsent, vor allem in England und Kanada. In den letzten Jahren hatte er aber auch wichtige Einzelausstellungen in Mitteldeutschland, wie zum Beispiel 2019 in der Kunstsammlung Jena oder ein Jahr zuvor im Leipziger Museum der bildenden Künste, gemeinsam mit seiner Frau, der Malerin und Grafikerin Annette Schröter.

Schröter war ein ungemein facettenreicher Künstler, der lustvoll verschiedene Bildsprachen auslotete. Schon als Student gelangen ihm ebenso rätselhafte wie eindrucksvolle Schwarz-Weiß-Porträts von nächtlichen Passanten. Und diese Aufnahmen brachten die bleierne Zeit in der DDR der 1980er-Jahre gleichsam auf den Punkt.

Fotografien von Erasmus Schröter
Das Foto "Bunker WB VII." (1995) von Erasmus Schröter Bildrechte: dpa

Illuminierte Bunkerbilder

Nach seiner Übersiedlung nach Hamburg machte er dann zunächst große Fotoreportagen für renommierte Magazine wie Spiegel, Stern, oder Zeit, bis er sich wieder stärker seinem künstlerischen Werk zuwandte. Vor allem seine lichtinszenierte Fotografie sorgte für Aufsehen. Mit der geballten Kraft von riesigen Scheinwerferbatterien illuminierte er verfallene Bunker am französischen Atlantikwall. Dabei erzeugte er eine alptraumhafte Atmosphäre, welche die Schrecken des Krieges in ein grellbuntes Zwielicht tauchte.

Besondere Porträts

Seine Lust an der Verfremdung zeigte sich aber auch bei seiner Porträtfotografie – wie z.B. bei jenen Aufnahmen von jungen Männern, die sich in schrillen Outfits beim Leipziger Wave Gotik Festival inszenieren. Mit der Präzision eines Anthropologen porträtierte er hier die Maskeraden einer exhibitionistischen Subkultur, die zugleich neue Bilder der Männlichkeit entwirft.

Fotografien von Erasmus Schröter
Eines der Porträts von Gothics von Erasmus Schröter Bildrechte: dpa

Ganz anders verfuhr er dagegen bei seiner Schwarz/Weiß-Serie mit dem Titel "Komparsen." Hier porträtierte er nebenberufliche Kleindarsteller, die für sächsische Bühnen und Filmproduktionsfirmen arbeiten. Diese Komparsen wirken wie Relikte aus der DDR-Zeit. In ihrer grauen Unauffälligkeit scheinen sie die Atmosphäre aus jener untergegangen Epoche zu verkörpern – ganz im Gegensatz zu der Exzentrik der kapitalistischen Postmoderne.

Blick für die Alltagskultur

Mit großem Formgefühl und ästhetischen Erfindungsgeist umkreiste Schröter immer wieder die jüngste Vergangenheit. Dazu gehörte auch seine Faszination für die Manifestationen der Alltagskultur, wie sie sich zum Beispiel auch zeigt beim Kinderspielzeug aus der DDR. Ob futuristische Mondfahrzeuge oder martialische Mittelstreckenraketen aus buntem Plastik – Schröter hat sie unermüdlich gesammelt bei seinen Streifzügen auf den Flohmärkten und sie dann auch mit viel Sinn für Ironie in seinen Ausstellungen inszeniert. Und so verrät seine Sammelleidenschaft auch viel von der unendlichen Neugier, die er allem entgegenbrachte.

Fotografien von Erasmus Schröter
Fotografie von Erasmus Schröter in der Ausstellung "Kopf oder Zahl - Leipziger Gesichter und Geschichten 1858-2008" Bildrechte: dpa

Lust am Spiel

Bei aller intellektuellen Versiertheit war er stets fasziniert von der Lust am Spiel, wie zum Beispiel bei der Serie "Hasenland." Hier schlüpften er und seine Frau Annette in Hasenkostüme – vor schwarz-weißen Landschaften, die an die Szenerien der Romantiker erinnerten. Und so entstand zugleich ein ironisches Sinnbild zur Außenseiterrolle des Künstlers in der Gesellschaft.

Humor, Warmherzigkeit, zuweilen auch Sarkasmus – das waren prägende Charakterzüge von Schröter. Er war ungemein feinsinnig, aber immer bodenständig. Er war im besten Sinne eine kantige Persönlichkeit, die einen ganz unverwechselbaren Kosmos hervorgebracht hat. Kaum jemand wusste von seinen schweren Depressionen, mit denen er die letzten Jahre zu kämpfen hatte. Deshalb erscheint sein plötzlicher Tod auch so unfassbar. Er schien mitten im Leben zu stehen – und nun ist er gegangen. Welch ein Verlust.

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Kunst und ihre Schöpfer in Leipzig

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 22. April 2021 | 07:20 Uhr

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