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Kunstsammler und MäzenWie der Expressionismus nach Erfurt kam: Die Kunstsammlung von Alfred Hess

von Ulrike Sebert, MDR KULTUR

Stand: 27. Dezember 2021, 08:54 Uhr

Dass Erfurt in den 1920er-Jahren eine lebendige Oase des Deutschen Expressionismus war, ist heute wenig bekannt. Im Angermuseum wurde damals eine der bekanntesten Sammlungen der Klassischen Moderne in Deutschland aufgebaut, wesentlich unterstützt durch den jüdischen Schuhfabrikanten und Kunstmäzen Alfred Hess. Er starb vor 90 Jahren am 24. Dezember 1931. Ein Grund, an ihn und sein Wirken zu erinnern – auch, weil seine Sammlung durch die Nazis zerschlagen wurde und heute so nicht mehr existiert.

Rot und Gelb leuchten Emil Noldes "Begonien" seit 2018 wieder im Erfurter Angermuseum. Auf der Wand gegenüber "Weiden II, im Schanzengraben bei Weimar", ein Gemälde von Christian Rohlfs, rückerworben 2017. Gleich daneben steht "Die Rückblickende" von Wilhelm Lehmbruck, eine Skulptur, etwa 90 Zentimeter groß. Sie kam 1994 wieder zurück nach Erfurt.

Von den 1.000 Kunstwerken der Sammlung, die 1937 als "entartet" beschlagnahmt wurden, sind das, neben 30 wiedererworbenen Blättern Druckgrafik, die einzigen Spuren der expressionistischen Erfurter Blütezeit neben dem Heckel-Raum im Erdgeschoss. Der Raum konnte durch die damalige Museumsdirektorin gerettet werden, indem sie einen Schrank vor die Tür stellte und einen mittelalterlichen Verkündigungsengel davor postierte.

Expressionismus erlebte in Erfurt eine Blütezeit

Die "Berliner Straßenszene" von Ernst Ludwig Kirchner gehörte einst zur Sammlung von Alfred Hess. Es gilt als eines der bedeutendsten Werke des Expressionismus. Bildrechte: dpa

Kai-Uwe Schierz ist heute Direktor des Angermuseums und erklärt, wie in den 1920er-Jahren das Museum zu einer der größten expressionistischen Sammlungen kam. Hess war seiner Angabe nach einer der wichtigsten Kunstsammler in dieser Zeit und auch Kunstmäzen. Er habe das Museum in verschiedenen Anstrengungen, die damalige expressionistische Moderne im Haus in der Sammlung zu etablieren, ganz wesentlich unterstützt.

Der jüdische Schuhfabrikant bezahlte alle Ankäufe des Museums, veranlasste jährlich eine Schenkung und es gingen regelmäßig Leihgaben seiner eigenen, noch bedeutenderen Sammlung, ans Museum. Auch den Heckel-Raum hat er finanziell unterstützt.

Angermuseum zuerst nicht an Moderner Kunst interessiert

Gleichzeitig war Alfred Hess in Erfurt heftigen Anfeindungen ausgesetzt, wurde in der Presse als "jüdisch - bolschewistischer Agent" verunglimpft, besonders, was seinen modernen Kunstgeschmack betraf. Hess ist daher eine sehr wichtige Person in der Geschichte des Museums.

"Er hat in gewisser Weise ein Vermächtnis eröffnet, nämlich das Vermächtnis des bürgerlichen Engagements für die modernen Künste", so Museumsdirektor Kai-Uwe Schierz. Damals sei die Stadt Erfurt, selbst der Magistrat der Stadt, gar nicht an moderner Kunst interessiert gewesen. Man habe sogar verschiedenen Anfragen, Mittel für Ankäufe dieser Richtung zur Verfügung zu stellen, offen widersprochen.

Feininger, Pechstein, Klee: Berühmte Gäste der Villa Hess

In der Hess-Vila in der Richard-Breslau-Straße hat heute der Gemeinde-, und Städtebund Thüringen seinen Sitz. Eine schlichte Tafel erinnert an den Kunstmäzen. Dass hier alle namhaften Künstler des Expressionismus ein und aus gingen, hier wohnten und Bilder ausstellten, neue entwarfen, erzählt das Gästebuch der Familie, das sich im Bauhaus-Archiv in Berlin befindet.

Künstler wie Paul Klee waren in der Villa Hess zu Gast. Bildrechte: imago images/UIG

Thomas von Taschitzki ist Kurator der Skulpturen-, und Gemäldesammlung in Erfurt: Wer Gast im Angermuseum war, der ging dann anschließend in die Villa Hess, wo dann weiter gefeiert wurde und es gab einen sehr fruchtbaren Dialog und auch einen gewissen kulturellen künstlerischen Salon, in dem Begegnung möglich wurde, wo Künstler und Kulturschaffende sich gegenseitig inspiriert haben.

Wie mit "Entarteter Kunst" in Museen umgehen?

Alfred Hess verstarb am 24. Dezember 1931. Durch die Wirtschaftskrise sah sich die Familie einem überschuldeten Vermögen gegenüber und musste einen Teil ihrer bedeutenden Privatsammlung verkaufen. Thekla Hess und der gemeinsame Sohn Hans emigrierten über Umwege nach England, konnten zunächst einen Großteil der Sammlung retten, viele Werke sind verschollen und tauchen auf dem Kunstmarkt für Millionenbeträge wieder auf, hängen zum Teil in nationalen und internationalen Museen oder befinden sich in Privatbesitz. So wie auch die Werke aus dem Angermuseum.

"Natürlich ist es wichtig, dass man sagt, wir haben 1.000 Werke in der Aktion 'Entartete Kunst' verloren. Aber ein Museum darf nicht nur zurückschauen", erklärt Museumsdirektor Schierz. Ein Museum müsse die Geschichte der Vergangenheit erzählen und danach fragen: was interessiert uns heute daran?

Immer mehr Bilder kehren ins Angermuseum zurück

Setze man das um, was damals die Museumdirektoren gewagt haben, nämlich gegen die öffentliche Meinung heftig umstrittene zeitgenössische Kunst zu sammeln, dann sei es auch spannend, danach zu fragen, wie wir uns heute gegenüber zeitgenössischer Kunst in einem solchen Museum verhalten, erklärt Kai-Uwe Schierz. Immer mal wieder thematisiert das Angermuseum Alfred Hess und sein Wirken, vor allem dann, wenn Bilder aus den Sammlungen zurück nach Erfurt kehren – wie zuletzt Emil Noldes Begonien-Gemälde.

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Dieses Thema im Programm:MDR KULTUR - Das Radio | 24. Dezember 2021 | 06:15 Uhr