Gudrun Kemsa in der Kunsthalle Erfurt vor einem Foto
Fotografin Gudrun Kemsa fährt meist einmal im Jahr nach New York, um zu fotografieren. Nun sind ihre Werke in der Kunsthalle Erfurt zu sehen. Bildrechte: Dirk Urban

Ausstellung Von New York bis Shanghai: Kunsthalle Erfurt zeigt Großstadtfotografien von Gudrun Kemsa

13. März 2023, 15:33 Uhr

In heutigen Megacitys sind die Lebensbedingungen alles andere als gut, dennoch ziehen solche Städte jedes Jahr Millionen Menschen an. Gudrun Kemsa, Jahrgang 1961, Absolventin der Kunstakademie Düsseldorf und Fotografieprofessorin an der Hochschule Niederrhein, nähert sich in ihren sorgfältig komponierten Bildern dem Mythos Metropole. In der Kunsthalle Erfurt ist bis zum 7. Mai 2023 eine Ausstellung mit Werken von Gudrun Kemsa zu sehen, darunter Fotografien und Videoinstallationen.

Mareike Wiemann
Bildrechte: Hagen Wolf

Sehnsuchtsort New York: Hier baut Gudrun Kemsa in Downtown Manhattan regelmäßig ihre Kamera auf. Vor den großen, edlen Flagship-Stores steht sie mitten im rauschenden Verkehr und wartet auf den einen Moment. Den Moment, in dem die Sonne genau richtig am Himmel steht: "Ich laufe eigentlich den hellen Flecken hinterher. Und schaue – wo ist das Licht? Dieser Hauch von Natur mitten in der Großstadt."

Ein Besucher der Kunsthalle Erfurt vor einem Foto
Die Kunsthalle Erfurt zeigt Fotografien von Gudrun Kemsa – darunter dieses Bild eines Prada-Geschäftes. Bildrechte: Dirk Urban

Licht in der Fotografie: Nur wenige Minuten Zeit für ein Bild

Wo ist das Licht? Zum Beispiel vor einem Store der Dessousmarke Victoria's Secret. Auf Kemsas Foto verschwinden die edlen Eingangstüren aus Glas und glänzendem Metall im Schatten des Gebäudes, während eine junge Frau, die davor steht, noch von der gleißenden Sonne angestrahlt wird.

Die Frau hat gerade auf ihr Handy geschaut, jetzt blinzelt sie ins Helle – für Kai-Uwe Schierz, den Direktor der Erfurter Kunstmuseen, alles andere als ein Schnappschuss. Kemsa habe ein exzellentes Gefühl für besondere Lichtsituationen: "Sie fotografiert nicht einfach, was sie sieht. Sondern nutzt diese Zeit des besonderen Lichteinfalls, die ja oft in den großen Städten nur wenige Minuten andauert. Das ist die große Aufgabe, der sich die Künstlerin bei diesen Bildern gestellt hat."

Auch die anderen Fotografien wirken ähnlich sorgfältig komponiert: Die Schatten, die die Menschen vor den Gebäuden werfen, fügen sich perfekt ein in die strenge, massige Großstadtarchitektur. Gudrun Kemsa sucht das Licht, weil sie ein äußerst ambivalentes Verhältnis zu den Megacitys dieser Welt hat.

Sie sind für sie stressige, ungesunde Orte und dennoch Verheißungsort für viele Menschen. Da, wo kein Baum und kein Strauch wächst, wo nur noch Platz für Autos und Konsum ist – da sei das Sonnenlicht eben der einzig verbliebene Rest Natur: "Auf mich wirkt es immer so, als würden die Leute dort ums Überleben kämpfen", so Kemsa, "aber es ist auch so, dass diese Glitzerwelt mich unheimlich fasziniert."

Fotografie eines Geschäftseinganges in New York
Fotografie von Gudrun Kemsa: 5th Avenue 44, 2018, C-Print, Diasec Bildrechte: Stadtverwaltung Erfurt

Gudrun Kemsa ist fasziniert von der Glitzerwelt

Die Faszination wird vor allem in einer Videoarbeit von Kemsa transportiert. Darin ist sie am Abend auf einem Ausflugschiff unterwegs, das den Shanghaier High-Tech-Bezirk Pudong umrundet. Ein spektakulärer Wolkenkratzer nach dem anderen taucht im Bild auf, in der Dunkelheit glitzern und funkeln die Lichter der Gebäude, eine ruhige Musik unterstreicht die meditative Stimmung.

Für Museumsdirektor Schierz eine besondere Arbeit: "Wir haben das alles schon einmal gesehen, es gibt Millionen solcher Stadtansichten von Pudong im Netz. Und dennoch stehen wir vor diesem Video und denken – irgendwie macht uns das an. Wir können uns davon nicht losmachen."

Fotografien regen zum Nachdenken an

Man kann sich in diese künstliche 1001-Nacht-Szenerie geradezu hineinsinken lassen, genau so, wie man sich übrigens auch in Kemsas Straßenfotografien verlieren kann. Denn die Menschen, die auf ihnen zu sehen sind, sind hier nicht absichtlich positioniert worden – es sind Passantinnen und Passanten, die rein zufällig die Straße entlanggekommen sind, als die Sonne im richtigen Winkel stand.

Und so geht beim Betrachten das Kopfkino los, was die Menschen auf den Bildern wohl umtreibt: "Wir haben nicht wirklich Ahnung, was für ein Schauspiel da gegeben wird. Aber wir haben die Ahnung, dass ein Schauspiel gegeben wird. Das tägliche Schauspiel mit dem Titel 'Ich bin in der Großstadt'", so formuliert es Schierz.

Eine Hausfassade in einer Großstadt, die rundum mit Werbeplakaten behangen ist.
Eine weitere Fotografie von Gudrun Kemsa: 5th Avenue 69, 2014, Pigmentdruck - derzeit zu sehen in der Kunsthalle Erfurt. Bildrechte: Stadtverwaltung Erfurt

Interessanterweise ist es ein sehr ruhiges Schauspiel, was wir hier miterleben. Denn obwohl die von Kemsa abgelichteten Flagship-Stores immer an großen Straßen liegen, sind weder Autos noch Busse auf ihren Fotos zu sehen. Es sind die Stein gewordenen Verheißungen namens Victoria's Secret, Diesel oder Prada, die im Fokus stehen. Und die Menschen, die hier – trotz allem – ihr Glück suchen.

Informationen zur Ausstellung

"Urban Desire. Fotografien und Videoinstallationen von Gudrun Kemsa"
12. März bis 7. Mai 2023
Kunsthalle Erfurt, Fischmarkt 7, 99084 Erfurt

Öffnungszeiten:
Dienstag bis Sonntag 11 bis 18 Uhr
Donnerstag bis 22 Uhr

Eintritt:
6 Euro, ermäßigt 4 Euro, am ersten Dienstag im Monat freier Eintritt

Veranstaltungen:
30. April, 11:15 Uhr: Ausstellungsführung mit der Künstlerin Gudrun Kemsa (keine Anmeldung erforderlich)
3. Mai, 12 Uhr: Kostenlose Kunstpause
7. Mai, 11:15 Uhr: Abschließende Kuratorenführung

Barrierefreiheit:
Der Zugang zur Kunsthalle Erfurt ist stufenlos. Jede Etage ist per Aufzug erreichbar. Es gibt eine barrierefreie Toilette.

Redaktionelle Bearbeitung: Hendrik Kirchhof

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 11. März 2023 | 08:40 Uhr