Umnutzung von Industriearchitektur So wird das Erfurter Heizwerk zum Kulturort

Alte Industriearchitektur steht hoch im Kurs – wenn es Investoren gibt und eine Nutzung. Auch in Erfurt gibt es ab jetzt ein Gebäude, das viel Aufmerksamkeit auf sich ziehen dürfte, vis-à-vis des Theaters gelegen und mitten in der Stadt: das alte Heizwerk. Hier ziehen demnächst Büros ein und große Flächen für Kultur sind geplant. Doch die Baustelle wackelte zunächst im Wind.

Es wäre beinahe nichts geworden. Der große Brückenschlag – zwischen dem Gebäude und dem Hang dahinter. Denn die Windböen des vorhergesagten Sturms werden immer stärker. Tagelang dauerte die Vorbereitung, um die gigantischen Bauteile für die Brücke anzuliefern. Der Kranfahrer und sein Team schauen betrübt auf das, was die Wetter-App sagt: viele Böen, auch für die nächsten Tage. Auch die Architekten und Investoren überlegen. Neben ihnen liegt die 42-Meter-Konstruktion, eine, trotz allem, filigrane Brücke aus 17 Tonnen Stahl. Sie soll das Obergeschoss des alten Heizwerkes auf der Rückseite in gigantischer Höhe zu einer Straße verbinden.

Ein gewagtes Konstrukt

Andreas Tröger und Michael Rommel (v.l.n.r.) vom Heizwerk Erfurt
Andreas Tröger und Michael Rommel (v.l.n.r.) vom Heizwerk Erfurt Bildrechte: Blanka Weber

Seit drei Jahren baut hier eine Investorengruppe von sieben Personen und deren Teams. Es ist ein Projekt, das viele Schultern braucht. "Wir haben vor, nächsten Freitag unsere Büroräume zu beziehen, dann kommen noch zwei Mieter, und dann sind die Büroeinheiten auch schon alle bezogen“, erklärt Andreas Tröger. Er ist einer der Investoren und vor drei Jahren angetreten, um mit seinem Team Kultur & Veranstaltungen zu planen. Und jetzt?

Andreas Tröger führt aus: "Wir hatten ursprünglich mal geplant, die Kulturflächen Ende des vergangenen Jahres an den Start zu bekommen. So hatten wir das auch kommuniziert. Danach haben wir dann alles für März und April umgeplant, hatten dafür auch relativ viele Buchungsanfragen und Vorreservierungen. Und haben das dann wieder verschoben und planen jetzt die Eröffnung im Herbst, am 7. September."

5.000 Quadratmeter, alter Backstein und Stahl, Glas und Beton

Der alte Kesselsaal des Heizwerkes Erfurt wird zum Veranstaltungsbereich: Konzerte, große Podien, Feste, alles wäre möglich. Und doch hat die Zeit auch mit den Investoren etwas gemacht: "Wenn ein Bauwerk etwas länger braucht, um zu gedeihen, ist Zeit natürlich auch etwas Qualitätssicherndes." Das sagt Michael Rommel, einer der Investoren und selbst Architekt.

Architekt und Investor Michael Rommel Heizwerk Erfurt
Architekt und Investor Michael Rommel im Innern des Heizwerks Erfurt Bildrechte: Blanka Weber

Rommel kann der Zeit auch etwas Gutes abgewinnen: "Man hat den Vorteil, dass man in dieser langen Zeit anders nachdenkt, überlegt. Unter dem Motto: Wie wenig ist genug? Ist das wirklich genug?" Das heißt übersetzt: Ressourcen schonen. Material gezielt einsetzen. Das, was da ist, klug nutzen. 5.000 Quadratmeter gilt es insgesamt zu bespielen, ein altes Backsteingebäude mit Stahl, Glas und Beton und viel schlichter Moderne dezent zu kombinieren.

Michael Rommel konkretisiert das: "Das heißt, es gibt pure Materialien. Auf dem Boden haben wir einen geschliffenen Estrich, wir haben rohen Stahl eingesetzt, rohen Beton, relativ neutrale Töne von grau bis Anthrazit. Das ist eine sehr neutrale Kulisse für diesen Bestandsbau und das kann man nicht nur innen sehen, das setzt sich auch konsequent außen fort."

Industrie-Architektur bietet Kultur große Chancen

Das Augenmerk soll dem Denkmal gelten, so die Absicht der Architekten. Und – geht es nach ihnen – dürfte das Beispiel in Thüringen durchaus Schule machen, um wertvollen Kulturbestand zu erhalten: "Ich denke, dass man sich in Städten und Gemeinden klar über ein Nutzungskonzept Gedanken machen muss, so wie hier auch. Denn die Nutzung ist passgenau eingefügt, dass man so wenig wie möglich in den großen Voluminas machen muss, aber immer noch so viel, dass es in der Nutzung funktioniert."

Heizwerk Erfurt
Glück im Unglück für die Stahlteile der neuen Brücke: Das Sturmtief legte eine kurze Pause ein, damit der Kranführer seine Arbeit machen konnte. Bildrechte: Blanka Weber

Kultur kann da nur eine Säule sein, das lehrt nicht nur die Pandemie: "Es gibt sicherlich auch andere Nutzungen, die man in solchen Gebäuden unterbringen kann. Es gibt gerade so schöne Diskussionen in Thüringen über eine Schokoladenfabrik, mit der man viel machen kann. Wenn das erstmal weg ist, ist ein Kulturgut weg. Die Frage ist: Kann man so etwas auch step by step in einer anderen Geschwindigkeit machen, als wir das hier gemacht haben?", fragt sich Rommel.

In Erfurt sind es gerade mal drei Jahre – enorm wenig, sagt Michael Rommel. Er und seine Kollegen hatten auch bei der Brücke Glück im Unglück. Das Sturmtief legte eine kurze Pause ein, die reichte dem Kranführer, um die Stahlteile einzuhängen und nun die Stadt und das Heizwerk auf diese Art nochmals zu verbinden.

Kultur in Erfurt und Thüringen

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 12. März 2021 | 13:40 Uhr

Meistgelesen bei MDR KULTUR

Kultur

Grit Lemke  vor dem letzten noch vorhandenen Block des damaligen Vertragsarbeiterwohnheims mit Audio
Grit Lemke, aufgewachsen in Hoyerswerda, vor dem letzten noch vorhandenen Block des damaligen Vertragsarbeiterwohnheims. Sie wohnte in der gleichen Straße, wurde vom Angriff im benachbarten Jugendklub "Der Laden" völlig überrascht. Über ihre Kindheit und den September 1991 hat sie nun ein Buch geschrieben, das im September erscheint: "Kinder von Hoy". Bildrechte: ohne Angabe

Abonnieren

Kultur

Katrin Schumacher mit Audio
MDR Literaturexpertin Katrin Schumacher reist nach Brünn und Prag, um wichtige tschechische Autoren im Vorfeld der Leipziger Buchmesse zu treffen. Bildrechte: MDR/Uwe Mann, honorarfrei