Kunsthalle Erfurt Thüringer Künstlergruppe "D 206": Ausstellung zeigt Abkehr und Aufbruch

Nach der Wende haben sich Künstlerinnen und Künstler in Thüringen zur Gruppe "D 206. Die Thüringer Sezession" zusammengeschlossen, deren Name an die paneuropäischen Zugverbindung mit gleicher Kennung erinnert. Abkehr und Neuaufbruch war das selbst auferlegte Programm der jungen Kunstschaffenden. All das verbindet sich nun im Thema "Kopfbahnhof", das auch der Titel für die Jubiläumsausstellung in der Kunsthalle Erfurt ist.

Harald Reiner Gratz - Kein Floß der Medusa -  2019 Öl auf Leinwand 120x250 cm 5 min
Bildrechte: Harald Reiner Gratz/VG Bild-Kunst, Bonn 2020

"Kopfbahnhof" heißt die Ausstellung, und das, obwohl Erfurt gar keinen solchen besitzt! "Der Ausstellungstitel ist eine Metapher", sagt Kai-Uwe Schierz, Direktor der Kunsthalle Erfurt. In einem Kopfbahnhof enden schließlich alle Gleise am Prellbock. Eine Richtungsänderung sei nötig, damit die Züge wieder auf Fahrt gehen können. Eine solche brauchten viele Thüringer Künstler nach dem Mauerfall. Einige wenige gründeten am 15. Juli 1990 in Erfurt die Künstlergruppe "D 206. Die Thüringer Sezession", benannt nach dem Interzonenzug D 206, der vielen DDR-Bürgern Freiheit suggerierte. Der D 206 befuhr von 1971 bis 1981 die Strecke Warschau-Paris, mit Halt in Erfurt. "Es war ein Interzonenzug, der die Leute neidisch erblassen ließ. Weil die, die da die ganze Strecke mitfuhren, die konnten Grenzen überwinden", erklärt Schierz.

Vielseitiges Thema

Die vielen Abstellgleise, durch die ein Kopfbahnhof schnell zum Sackbahnhof werden kann, erspürte die Gruppe "D 206" schon bei ihrer Gründung. Viele ostdeutsche Künstler sollten im wiedervereinigten Deutschland mit ihrer Kunst "versacken". Weshalb auch das Wort 'Sezession', Abspaltung oder Loslösung, unbedingt in den Titel musste.

Die Künstler haben sich gesagt: 'Wir wollen uns abgrenzen von den alten politischen und kulturpolitischen Strukturen.' dafür stand eben der "Verband bildender Künstler", ebenso wie die Bezirksverbände. Aber sie sagten sich auch: 'Wir wollen etwas Neues machen und das Neue soll überregional sein, soll Grenzen überwinden. Wir wollen einen Austausch von Ostmitteleuropa bis nach Westeuropa. Und wir sind mittendrin.' Das war die Vision.

Kai-Uwe Schierz, Direktor der Kunsthalle Erfurt

Eine Wand am Eingang der Schau versammelt zum Thema "Kopfbahnhof" Werke aller zwölf Mitglieder der Künstlergruppe, um die Besucher einzustimmen. Dabei werden die Einzelwerke nicht auf Künstlernamen festgelegt, erklärt der Museumsdirektor: "Derjenige, der in die Ausstellung eintritt, hat erst mal den Eindruck von großer Vielfalt, von Diversität, unterschiedlichsten Interpretationen dieses Themas 'Kopfbahnhof'."

Thüringische Postitionen

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Zeichnung von Walter Sachs Bildrechte: VG Bild-Kunst, Bonn 2020

Zum Auftakt kann sich das Publikum den bedrückenden Großformaten des Schmalkalder Malers Harald-Reiner Gratz schwer entziehen. Dominante Farben, Öl, pastos aufgetragen, erzählen in figürlich-expressiver Malweise von den Abgründen der menschlichen Natur. Kontemplativ heben sich dazu die großformatigen Tuschezeichnungen des Weimarer Künstlers Walter Sachs ab, die die Nähe zur chinesischen Kalligraphie suchen. Zudem belegt die Ausstellung zahlreich, dass Sachs als Bildhauer in klassischen Motiven Menschenbilder auf ihre Archetypen untersucht.

Einen Kontrast setzen die handgroßen Menschenköpfe des Eisenacher Plastikers Friedrich Rittweger, die mit billigstem Material, Zeitungspapier, ausgeführt, an die Kunst der Arte Povera erinnern. Kai-Uwe Schierz achtet darauf, Kunstschaffende aus ganz Thüringen im Blick zu behalten und Arbeitsstände in solchen Ausstellungen abzubilden.

Walter Sachs - Befragung 2009 Marmor Höhe: 70,5 cm
Walter Sachs' Skulptur "Befragung" aus dem Jahr 2009 Bildrechte: VG Bild-Kunst, Bonn 2020

Beziehungsreich präsentiert die Ausstellung die verschiedensten künstlerischen Handschriften. So die teils komplementär-farbigen Testbild-Quadrate des an der TH Ilmenau ausgebildeten Informatikers Ralph Eck, der einer der wenigen Konkreten Künstler der DDR war – wie auch der ebenfalls in der Schau gezeigte Helmut Senf. Im 2. Stock fallen die geradezu monumentalen Aquatinta-Radierungen auf: 2 Meter x 1 Meter, "in Blau", von Ulrich Panndorf aus dem Jahr 1994; abstrahierend-figürlich stellen sie Menschenbilder vor. Einen Raum weiter kann man Malerei von Sabine Rittweger aus Eisenach betrachten: Skizzenhaft lässt sie sich auf die Themen 'Bahnhof', 'Flugsteig', 'moderne Reisende mit Rollkoffern' ein. "Flughafen Tegel" heißt ihr Bild. "Eigentlich streben die Figuren alle aus dem Zentrum raus. Die sind alle, mehr oder weniger, schon weg. Das Zentrum des Bildes ist einfach leer – weiß auf weiß gemalt. Eine bessere Charakterisierung eines solchen transitorischen Ortes kann man doch gar nicht malen", meint Schierz.

Sabine Rittweger - Reisende, Flughafen Tegel 2008 Eitempera auf Leinen 115 x 140cm
"Reisende, Flughafen Tegel" von Sabine Rittweger Bildrechte: Sabine Rittweger/VG Bild-Kunst, Bonn 2020

Einen transitorischen Nicht-Ort hat Sabine Rittweger mit Eitempera auf die Leinwand gebracht, zu dem auch ein Kopfbahnhof mutieren kann. Eine einende künstlerische Haltung ist bei der Gruppe "D 206" leider nicht zu erkennen.

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 07. Juli 2020 | 12:10 Uhr