Personalien Erfurt: Suche nach Kulturdirektion geht in die vierte Runde

Alles auf Anfang: Nach drei gescheiterten Verfahren schreibt Erfurt nun erneut die Stelle des Kulturdirektorats aus. Die Leitung ist seit Februar 2019 vakant. Doch niemand scheint wirklich glücklich mit dem Auswahlprozedere zu sein. Worin begründet sich die Kritik, und weshalb scheiterten bislang alle Versuche, einen neuen Kulturdirektor oder eine neue Kulturdirektorin für Thüringens Hauptstadt zu finden?

Panorama der Innenstadt von Erfurt, 2019 4 min
Bildrechte: IMAGO / Dirk Sattler
4 min

Nach drei gescheiterten Verfahren schreibt Erfurt nun erneut die Stelle des Kulturdirektors oder der -direktorin aus. Doch niemand scheint glücklich mit dem Auswahlprozedere zu sein. Blanka Weber berichtet.

MDR KULTUR - Das Radio Mo 27.12.2021 06:00Uhr 04:12 min

Rechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Audio

Es ist eine lange Geschichte und eine, die von Kritik geprägt ist. Begonnen hat alles 2018: "Wir hatten die Stelle ausgeschrieben nach meinem Ausscheiden", so formuliert es Tobias Knoblich, der früher diese Position inne hatte und heute Dezernent für Kultur und Stadtentwicklung ist. Die Zeit als Kulturdirektor liegt lange hinter ihm, und dennoch hat das heutige Verfahren auch viel mit ihm zu tun – das bemängeln auch manche Mitglieder des Stadtrates. 

Kritik am Verfahren aus Erfurts Stadtrat

Tobias Knoblich, Kulturdezernent der Stadt Erfurt
Tobias Knoblich, Kulturdezernent der Stadt Erfurt, bemängelt die bisher fehlgeschlagenen Verfahren. Bildrechte: imago images/VIADATA

Im ersten Anlauf sei die Bewerberlage schlecht gewesen, so Knoblich. Damals habe der Oberbürgermeister alles wieder zurückgezogen. Knoblich erklärt weiter: "Das zweite Verfahren lief dann erfolgreich. Wir hatten zwei Kandidatinnen, die sich aber aus persönlichen Gründen gegen Erfurt entschieden hatten." Der dritte Anlauf schien vielversprechend, doch scheiterte letztenendes auch "weil es ein unterschiedliches Verständnis gab, welche Rolle der Stadtrat tatsächlich in diesem Verfahren spielen kann." 

Astrid Rothe-Beinlich von den Grünen im Stadtrat formuliert ihr Verständnis so: Mehr Transparenz, Beteiligung von Beginn an und nicht nur das Abnicken eines oder einer Kandidatin. Sie sagt: "Als grüne Fraktion wollen wir bei der Auswahl beteiligt werden. So wie das in vielen anderen Städten auch üblich ist, beispielsweise in Leipzig, wo die Bewerbungen auch den an dem Verfahren Beteiligten zur Einsicht gegeben wurden." 

Astrid Rothe-Beinlich
Grünen-Politikerin Astrid Rothe-Beinlich fordert mehr Transparenz. Bildrechte: MDR/Astrid Rothe-Beinlich

Die Stadtverwaltung Erfurt will genau das nicht zulassen und beruft sich ihrerseits auf kommunalrechtliche Gegebenheiten. Tobias Knoblich: "Danach ist die Auswahl einer Amtsleiterstelle die Sache des Oberbürgermeisters und nicht des Stadtrates. Ab einer gewissen Vergütungsgruppe, hier geht es um die Gruppe 15, ist der Stadtrat nur am Ende zu beteiligen, indem er der Personalie zustimmt oder sie ablehnt, allerdings nur im Hinblick auf das Verfahren, nicht auf die Auswahl einer geeigneten Persönlichkeit."

Befürchtungen der freien Kulturszene

Manche Stadträte dürften diese Haltung auch jetzt mit Beginn der vierten Runde nicht gerne hören. Vertreter der freien Kulturszene befürchten, dass nochmals wertvolle Zeit verstreicht und die Stelle weiterhin unbesetzt bleiben könnte. "Wir fragen uns, ob die Politiker der Stadt im Sinne der Einwohner und Kultur entscheiden oder nur nach Politik, Parteilinie und private Querelen einbringen. Nach außen macht das keinen guten Eindruck", sagt Florian Dobenecker von der Ständigen Kulturvertretung Erfurt, einem Netzwerk der freien Szene.

Anerkennend meint er jedoch auch, man sehe, dass derzeit viele Aufgaben eines Kulturdirektors oder -direktorin von anderen Personen miterledigt würden. Und auch das Team rund um Tobias Knoblich würde Vieles seit Monaten zusätzlich stemmen. Ihn erinnere das an personelle Ressourcenverbrennung. Dobenecker: "Gerade in Anbetracht dessen, dass das kulturelle Jahresthema 'Nachhaltigkeit' sein soll im kommenden Jahr." Bei Personalfragen werde eben weniger nachhaltig gedacht, kritisiert er. "So ein Direktor müsste dann schon her."

Wir fragen uns, ob die Politiker im Sinne der Einwohner und Kultur entscheiden oder nur noch Politik, Parteilinie und private Querelen einbringen.

Florian Dobenecker Ständige Kulturvertretung Erfurt

Auch Tobias Knoblich bemängelt die bisher fehlgeschlagenen Verfahren. In all den Etappen sei viel verbrannte Erde entstanden. Jetzt geeignete Bewerber zu finden, sei schwer: "Wer kommt schon in eine Stadt, wo man zum vierten Mal ausschreibt und wo es ganz offensichtlich auch Diskrepanzen gibt. Deswegen hatten wir uns entscheiden, die Stelle zunächst intern zu besetzen und jemanden gewissermaßen amtierend als Kulturdirektor ins Rennen zu schicken, um Zeit zu gewinnen." Doch dieser Idee wollte der Personalrat nicht folgen. Zu den Details könne man sich öffentlich nicht äußern.

Lösung in Sicht?

Florian Dobenecker wünscht sich, dass trotz aller Diskrepanzen eine Lösung gefunden wird. Denn "gerade die Kultur kämpft ums Überleben. Da muss jemand her, der eine ganzheitliche Sicht auf die Kultur in Erfurt hat und sich darum kümmert." Sollte das vierte Verfahren erfolgreich sein, könnte die Stelle Mitte 2022 besetzt sein. Schneller dürfte es kaum gehen. Und auch der Ärger mancher Stadtratsmitglieder ist bis dahin nicht vom Tisch. 

Mehr Kultur in Erfurt und Thüringen

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 27. Dezember 2021 | 07:10 Uhr