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Die Ausstellung "Blühstreifen" in der Kunsthalle Erfurt zeigt ganz unterschiedliche Perspektiven auf den Garten. Bildrechte: Stadtverwaltung Erfurt / D. Weisheit

Zur Buga

Traum vom Paradies: Erfurter Kunsthalle zeigt Garten-Kunst

von Ulrike Thielmann, MDR KULTUR-Kunstkritikerin

Stand: 12. August 2021, 15:18 Uhr

Die Buga in Erfurt und ganz Thüringen zeigt, was im Garten alles möglich ist. Auch die Kunst soll ihren Beitrag leisten. Deswegen zeigt die Kunsthalle Erfurt eine große Ausstellung mit dem Titel "Blühstreifen – Gärten im Fokus der Kunst". Mehr als 90 Künstlerinnen und Künstler zeigen Arbeiten, die um das Thema Garten kreisen.

Zwiespältig sei sein persönliches Verhältnis zum Garten, erzählt Kai-Uwe Schierz, Kunsthistoriker und Direktor der Erfurter Museen. Schon wegen seiner Gestaltung sei dieser Ort meist nicht offen, sondern verschlossen. "Der Garten definiert sich durch die Abgrenzung vom Umraum", erklärt Schierz. "Häufig ist das dann der Gartenzaun und manchmal sogar ein Maschendrahtzaun."

Nun fiel Kai-Uwe Schierz die Aufgabe zu, anlässlich der Buga in Erfurt eine ganze Kunstausstellung zu den unendlichen Facetten des Gartens zu gestalten. Die Schau "Blühstreifen" erstreckt sich nun auf drei Stockwerken der Kunsthalle Erfurt. Und nicht nur da: Die Schau hat Außenstellen. Nicht zuletzt können Interessierte die Stufen des Erfurter Doms erklimmen, wo man daran erinnert wird, wie alt die menschliche Erfolgsgeschichte des Gartens ist.

Exkursion zum Erfurter Dom

Altes und Neues Testament enthalten diverse Garten-Gleichnisse. Im Mittelalter stellte man gern das "Paradiesgärtlein" als "Hortus conclusus" dar – ein bildlich oft hoch geschlossener Ort oder eben ein Hort, der für die Jungfräulichkeit Mariens stand. Oft wird sie von einem fabelhaften Einhorn begleitet. Diese Darstellung war wohl besonders in Thüringen und Erfurt beliebt, weiß Kai-Uwe Schierz: "Die sogenannten Einhorn-Darstellungen sind im Spätmittelalter stark auf den mitteldeutschen Raum konzentriert. Ein Zentrum dieser Darstellungen ist tatsächlich Erfurt." Tatsächlich findet sich in der thüringischen Hauptstadt eine der frühesten Darstellungen, führt Schierz weiter aus: ein Tafelbild im Erfurter Dom, das um 1420 entstand.

Um 1420 soll dieses Tafelbild im Erfurter Dom entstanden sein. Bildrechte: Bistum Erfurt, Domschatz - Falko Behr

Neben diesem Exkurs in die christlichen Bilderwelten können sich die Besucherinnen und Besucher auch mit den seelischen Verwerfungen beschäftigen, denen sich ein Gärtner aussetzt, der die Wildnis in seinem Garten bekämpfen will. Mit diesem Wissen ausgestattet kann man den üppig zum Thema präsentierten Werke in der Kunsthalle locker ins Auge sehen.

Blick in die Ausstellung "Blühstreifen" Bildrechte: Stadtverwaltung Erfurt / D. Weisheit

Humor und DDR-Kunst

"Camouflage Gießkanne" von Benedikt Braun Bildrechte: Benedikt Braun/Galerie Eigenheim

Manch Künstler geht es gar humorvoll an, wie der in Weimar lebende Künstler Benedikt Braun mit einer Camouflage-Gießkanne von 2011. Anderen vergeht beim Thema der Vertreibung aus dem Garten Eden das Lachen. So schaut der in Leipzig lebende Maler Norbert Wagenbrett ganz genau auf Adam und Eva, auf jede Falte ihrer Körper.

Wagenbrett, Schüler von Willi Sitte, macht Dürer und Cranach zum Maßstab seiner Menschendarstellung. Geschaffen wurde das Werk in den 80er-Jahren für das Foyer der Bezirksparteischule der SED in Ballenstedt. Die wollte das Bild lieber nicht haben. Es sei "ein Verismus, der nicht nur darstellt, sondern der geradezu medizinisch seziert, was da zu sehen ist", erläutert Kai-Uwe Schierz. "Also hier wird die Diagnose des modernen Menschen gestellt. Was spannend ist: Das sind heute Adam und Eva."

"Adam" und "Eva" von Norbert Wagenbrett Bildrechte: Reinhard Hentze, Halle/S.

Sogar Exkurse zum Garten als Gesellschaftsutopie unternimmt die Schau. Gleich zum Anfang erinnert die Ausstellung an die Laubenlandparzelle als eine Keimzelle der Sozialdemokratie. Mit aquarellierten Studien zur einstigen IGA in Erfurt des Thüringer Künstlers Otto Knöpfler wird gezeigt, wie der ideale sozialistische Garten und der sozialistische Mensch darin beschaffen sein sollten. "Das Gegenteil von dem, was Norbert Wagenbrett uns zeigt", so Schierz. Zur Darstellung des Menschen bei Knöpfler sagt er: "Er ist vor allem jung, er ist hübsch, er ist adrett. Die Mädchen sind alle adrett. Ansonsten wird sehr viel gelustwandelt. Die Arbeit findet nicht so sehr statt. Erholung ist eher der Schwerpunkt."

Lokale Arbeiten und große Namen wie John Cage

Eine Radierung von John Cage Bildrechte: John Cage Trust NY/Kunsthalle Bremen – Die Kulturgutscanner − Arthothek

Immer wieder flicht die Ausstellung Arbeiten von Thüringer Künstlern ein. Farbenfroh leuchtet etwa eine abgründig-pastose Umdeutung des "Frühstück im Freien" von Harald Reiner Gratz. Auch die ganz großen Namen fehlen nicht: Mit John Cages versponnener Gartenphilosophie kann man sich in der Schau auseinandersetzen wie auch mit einem Garten-Aquarell von Max Liebermann. Das singt formal ein Hohelied des Gartens. Es erinnert jedoch auch daran, dass sich der jüdische Maler in seinem Garten am Wannsee vor den Nationalsozialisten zurückzog.

Neben den vielen Kunstpositionen, die die Ambivalenz des Gartens thematisieren, gibt es auch solche, die seiner Schönheit unbedingt und ohne jeden Zweifel huldigen. Zu nennen sind hier unter anderem die auratischen Porträts von Gemüse von Ingar Krauss. Der Künstler lichtete die Früchte des Gartens nach der Art der frühen Fotografie ab, entwickelte die Bilder von Hand auf Silbergelatinepapier und übermalte sie schließlich mit einer satten Lasur aus Ölfarbe. Da ist er dann wieder: der Traum vom Garten Eden.

Ingar Krauss zeigt in der Erfurter Kunsthalle Garten-Erzeugnisse in neuem Gewand. Bildrechte: Stadtverwaltung Erfurt / D. Weisheit

Die Ausstellung besuchen – weitere InformationenDie Ausstellung "Blühstreifen – Gärten im Fokus der Kunst" ist noch bis zum 3. Oktober in der Kunsthalle Erfurt zu sehen.

Adresse:
Fischmarkt 7
99084 Erfurt

Öffnungszeiten:
Dienstag bis Sonntag von 11 bis 18 Uhr
Donnerstag von 11 bis 22 Uhr

Dieses Thema im Programm:MDR KULTUR - Das Radio | 13. August 2021 | 07:40 Uhr