Kunstaktion Re:Boot Erfurt Wie Erfurt den Kultur-Neustart probt

Wenn die Menschen nicht in die Galerien und Museen können, dann müssen die Galerien und Museen eben raus auf die Straße! Das ist die Idee des Re:Boot Erfurt, mit dem zahlreiche Kunst- und Kulturakteure vom 5. bis 8. März die Thüringer Landeshauptstadt in eine große Outdoor-Galerie verwandeln. Zugleich wollen die Initiatoren den Beweis liefern, dass Kulturveranstaltungen in Zeiten von Corona möglich sind.

Das Schaufenster eines Cafés voller Bilder und Gemälde. 4 min
Die Kreativtankstelle ist einer von 50 Standorten, der für den Re:boot sein Schaufenster zur Galerie gemacht hat. Bildrechte: MDR/Andreas Kehrer

MDR KULTUR - Das Radio Fr 05.03.2021 06:00Uhr 03:36 min

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Selbst Computerlaien wissen: Wenn nichts mehr geht und sich der Rechner aufgehangen hat, hilft ein Neustart. Oder wie es im Englischen heißt: "reboot". Kurz alle Systeme runterfahren, ein paar Sekunden warten und dann geht's wieder los. Genau das hat im übertragenen Sinne am Wochenende auch die Erfurter Kulturlandschaft vor, wie Mitinitiator Jörg Krieg erklärt: "Der Name Re:Boot kommt vom Kurator Dirk Teschner und dahinter steht genau das! Wir wissen alle, wie es um die Kunst steht in der Pandemie: Sämtliche Ateliers, Museen und Galerien sind geschlossen."

Es geht natürlich genau darum, alles wieder hochzufahren und sichtbar zu werden.

Jörg Krieg, Mitinitiator Re:boot Erfurt

Eine große Outdoor-Galerie

Vom 5. bis 8. März soll die Kultur in Erfurt in einem großen kollektiven Event neu gestartet werden. Vom Bahnhofsviertel, über die Altstadt bis in den Erfurter Norden hinein werde das kulturelle Leben in die Straßen, an die Fassaden und in die Schaufenster zurückkehren, sagt Krieg. Er ist als Vorstand des Café Hilgenfeld e.V einer von vier Initiatoren. Zusammen mit der Galerie Hammerschmidt und Gladigau, dem Kunsthaus Erfurt und Ständige Kulturvertretung hat Krieg den Re:Boot konzipiert.

Vorbild waren die glänzenden Aktionstage am 8. Mai 2020, als unter dem Motto "Gold statt Braun" zahlreiche Kulturorte in Erfurt golden glänzten. Der Re:Boot verfolge jedoch keine politischen Zwecke, betont Krieg. Es gäbe keine Forderungen und gehe auch nicht darum, Kritik an der Corona-Politik der Regierung zu äußern.

Ein Mann mittleren Alters mit dunklem Haar vor eine geblühmten Tapete.
Die Idee zur Kunst im Schaufenster ist nicht neu. Seit dem ersten Lockdown stellt Jörg Krieg Kunst in den Fenstern des Café Hilgenfeld aus. Bildrechte: MDR/Andreas Kehrer

Es geht in erster Linie darum, wieder sichtbar zu werden, wieder da zu sein, sich zu zeigen, sich zu öffnen, wieder nach außen zu kommen, ins Gespräch zu kommen und seine Kunstwerke zu zeigen.

Jörg Krieg, Mitinitiator Re:boot Erfurt

Das Re:Boot Erfurt ist angelegt als große Outdoor-Galerie. 50 Standorte unterschiedlichster Art wollen sich beteiligen und ihre Flächen für Erfurter Künstler und Künstlerinnen zur Verfügung stellen. Mit dabei sind Kunstgalerien, Museen, Cafés oder auch Ladengeschäfte, die normalerweise keine Kunst im Schaufenster haben. Die Besucher sind eingeladen, wie bei "Kultur flaniert" oder der "Fête de la Musique" von Ort zu Ort zu spazieren und die Kultur neu zu entdecken.

Corona als Abrissbagger

Eine Künstlerin, die sich am Re:Boot beteiligen wird, ist Susanna Hanna. Die gebürtige Stuttgarterin lebt seit zehn Jahren in Erfurt und arbeitet als Medienkünstlerin. In ihren Videoinstallationen, Fotografien und Malereien beschäftigt sie sich mit der menschlichen Wahrnehmung von Realität und damit, wie zerbrechlich eben diese Realität sein kann. "Das erleben wir ja gerade alle, dass sich die Realität von einem Moment auf den anderen verändern kann. Und genau mit diesem Spannungsfeld arbeite ich", sagt Hanna.

Wie fragil Realität sein kann, zeigt zum Beispiel ihre Videoarbeit "remembering brühl" aus dem Jahr 2017. Es sind Aufnahmen von Abrissarbeiten des letzten der drei, einst direkt am Leipziger Bahnhof gelegenen Brühl-Plattenbauten. 22 Minuten lang wird der Betrachter Zeuge, wie ein Bagger ein mehrstöckiges Wohnhaus niederreißt, es Stück für Stück in Schutt und Geröll verwandelt. Ein erschütternder und zugleich seltsam faszinierender Anblick, der auch sinnbildlich für das Jahr 2020 stehen könnte. Denn für viele Lebensentwürfe war Corona nichts anders als ein Abrissbagger – für viele Künstler und Künstlerinnen zum Beispiel.

Kunst- und Kulturschaffenden fehlt es an Sichtbarkeit

Susanna Hanna würde dieser Interpretation wohl nur mit Vorbehalt zustimmen. Denn die Kunst steht ihrer Meinung nach keineswegs vor einem Trümmerhaufen, auch wenn Corona nicht spurlos vorübergezogen ist. Die geschlossenen Galerien, Museen und Ausstellungsorte gingen den Künstlern und Künstlerinnen an die Nieren, sagt Hanna. Aber statt Resignation und dem vielerorts getitelten "Kultursterben" erlebt sie vor allem eine Fokussierung auf die Arbeit: "Die Kunst läuft weiter. Viele meiner Kollegen sind so stark am Arbeiten, weil sie gerade einfach auf ihre Arbeit zurückgeworfen werden [...]. Ich nehme die Zeit nicht als kunstlos war, weil ich selbst intensiv an meiner Arbeit dranbleibe und jeden Moment, der möglich ist, versuche der Kunst zu widmen."

Natürlich ist unsere Sichtbarkeit in der Öffentlichkeit reduziert.

Susanna Hanna , Medienkünstlerin

Deshalb war es für sie auch eine Selbstverständlichkeit, sich am Re:Boot Erfurt zu beteiligen. Ihr gehe es darum, als Teil der Kulturszene ein Zeichen zu setzen. Zugleich sei es eine Möglichkeit, an einem zentralen Ort in Erfurt auszustellen. Ab dem 5. März zeigt Susanna Hanna eine Video- und Toninstallation in einem kleinen Laden auf der Krämerbrücke. Diesmal ohne Abrissbagger, dafür aber in Kooperation mit dem "Ensemble Majore" des Kammermusikvereins Erfurt e.V.  Auf der Krämerbrücke zeigt sie ihre filmische Interpretation der Pastorale des "Erfurter Beethoven" Michael Gotthard Fischer, die im Oktober 2020 im Theater Erfurt Premiere hatte.

Beweis für pandemiegerechte Kulturveranstaltung

Während sich die einzelnen Künstler darüber freuen, endlich wieder ausstellen zu können, geht es den Initiatoren auch darum, den Beweis anzutreten, dass kulturelle Veranstaltungen unter gewissen Voraussetzungen in der Pandemie durchführbar sind. Jörg Krieg schätzt das Risiko von Corona-Infektionen beim Re:Boot Erfurt sehr gering ein. So habe man zum Beispiel bewusst auf einen klassischen Auftakt verzichtet: "Ich glaube, dass es so gut wie risikolos sein wird. Es gibt keinen speziellen Termin für die Aktion. Es geht Freitag um 10 Uhr los, wenn noch viele auf Arbeit sind und am Montag endet es um 22 Uhr. Also gibt es viel Zeit und es gibt nicht den einen Raum, wo etwas gezeigt wird. Insofern kann sich der Publikumsverkehr risikolos in der Stadt verteilen. Und es wird außerhalb sein, an der frischen Luft."

Insofern könnte der Re:Boot Erfurt ein kultureller Frühlingsanfang sein: Das große Erwachen nach einem langen, langen Winter im Dornröschenschlaf der Pandemie. Und vielleicht ist er auch der Auftakt zu einem kulturellen Jahr, das doch mehr zu bieten hat, als viele bisher befürchtet haben.

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 05. März 2021 | 06:15 Uhr

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