Nachrichten & Themen
Mediathek & TV
Audio & Radio
MDR KULTUR im RadioMDR KULTUR im FernsehenÜber unsKontaktSuche

Besucherbergwerk ZinngrubeVon Graffiti bis Schnitzkunst: Ausstellung im Erzgebirge zeigt Bergbau im Spiegel der Kunst

von Heike Schwarzer, MDR KULTUR

Stand: 03. Dezember 2022, 12:33 Uhr

Das Erzgebirge – der Name der sächsischen Region verweist auf den Bergbau, der Menschen, Kultur und Landschaft bis heute prägt, etwa in Ehrenfriedersdorf. Jetzt zeigt die Zinngrube mit einer außergewöhnlichen Ausstellung den "Ehrenfriedersdorfer Bergbau im Spiegel der Kunst" – das Spektrum reicht von Graffiti über Fotografie bis Schnitzkunst. Die neue Sonderausstellung im Museum des Besucherbergwerks auf dem Sauberg läuft bis zum 30. September 2023.

Wegen sogenanntem "unangepassten Verhaltens" blieb Mechthild Pöhler ein Kunststudium in der DDR versagt. Die Chemnitzerin fand trotzdem ihre Lehrmeister und begann um 1970 im Auftrag der Zinngrube Ehrenfriedersdorf als Künstlerin zu arbeiten. Gerade erst wurden im Vorfeld der Sonderausstellung "Ehrenfriedersdorfer Bergbau im Spiegel der Kunst" einige ihrer grafischen Arbeiten wiederentdeckt. Kuratorin Betina Meißner hatte gehört, dass es sie irgendwo gab, aber wusste nicht wo: "Ich habe sie dann zufällig hier im Mannschaftsraum der Bergleute in der einstigen Zinngrube entdeckt. Dass wir sie gefunden haben, war ein Geschenk."

Es habe viele auch private Leihgeber für die Sonderausstellung gegeben, betont die Kuratorin, die bei der Auswahl der künstlerischen Arbeiten auch auf sehr frühe Zeugnisse stieß: "Sozusagen der älteste Bezug im Bergbau in Ehrenfriedersdorf sind die beiden Heiligenfiguren der Barbara und des Erasmus. Sie stammen von 1507." Die prunkvollen Altar-Bildnisse des als Hans Witten bezeichneten Meisters aus dem frühen 16. Jahrhundert gehören – im Original – zur prächtigen Ausstattung der Ehrenfriedersdorfer Stadtkirche Sankt Niklas. Betina Meißner: "Barbara ist klar als Heilige zu erkennen und Erasmus hat diese Haspel, um die Gedärm geschlungen ist. Und das ist ein Attribut, mit dem er eindeutig dem Bergbau zuordenbar ist."

Besondere Ausstellung auf dem Sauberg in Ehrenfriedersdorf

Es sind nur Kopien dieser berauschend schönen Altarfiguren, die historisch den Auftakt bilden, aber eigentlich will man sofort die Originale in Sankt Niklas sehen. Doch der Sauberg ist der richtige Ort für die Ausstellung, denn hier liegt der Inspirationsquell für viele künstlerische Arbeiten. Im 13. Jahrhundert gab es hier die ersten Zinnfunde, die die Stadt Mitte des 15. Jahrhunderts zur reichsten im Erzgebirge machten. Die Kunstwerke zur Ehrenfriedersdorfer Bergbaugeschichte sind nun auch ein Teil des großen Kunstparcours, des sogenannten "Purple Path", der von Chemnitz in die Region der Kulturhauptstadt 2025 führt, erzählt Michael Knauth, Co-Kurator der Sonderausstellung.

Wir haben uns bemüht, dass Ehrenfriedersdorf Teil des Purple Path wird. Wir haben hier einen Berg, wir haben sogar ein Bergwerk und wir haben Kunst.

Michael Knauth, Co-Kurator

Besucherbergwerk zeigt außergewöhnliche Schnitzkunst aus dem Erzgebirge

Erzgebirgische Schnitzkunst gehört unbedingt dazu. Zum Beispiel ein stolzer Obersteiger im Festtagshabit, um 1850 entstanden. Ihm gegenüber steht eine Schnitzarbeit von Albert Klumpp aus den 1920er-Jahren: Zwei verschüttete Bergleute hocken dem Tode nahe am Boden. Michael Knauth: "So etwas ist in der erzgebirgischen Schnitzerei sonst nie zu sehen."

In der Ausstellung des Besucherbergwerkes Zinngrube wird erzgebirgische Schnitzkunst gezeigt, die sonst nie zu sehen ist – wie diese Darstellung zweier verschütteter Bergleute von Albert Klumpp. Bildrechte: photoron

Der Kurator führt zu einem eindrucksvollen, schwarz-weißen Fotoporträt im großen Format. Der junge Bergmann hat die Arme komplett tätowiert. "Ein Bergmann in der dritten Generation, sein Vater, sein Großvater und er selbst ist Bergmann. Er hat sich Ehrenfriedersdorf auf sein Arm tätowieren lassen."

Ölbilder, Zeichnungen, Grafiken und Fotografien zu sehen

Die meisten der Ehrenfriedersdorfer Kunstwerke gehören zum umfangreichen Bestand der Sammlung "Erzgebirgische Landschaftskunst". Rund 70 ganz unterschiedliche Werke von Ölbildern, Zeichnungen, Grafiken, Plakaten, Trockenblumenbildern oder aktuellen Fotoserien haben die Kurator*innen für die Ausstellung ausgewählt. Sie zeigen Landschaften, Menschen und Naturereignisse. Schwarz-weiße, an Felsgestein erinnernde Öl-Tusche-Arbeiten auf Papier von Ursula Wagener und schwarz-rote Siebdrucke von Carlfriedrich Claus oder einen kolorierten Holzschnitt von 1556 des Universalgelehrten Georgius Agricola – sie gehören zu den namhaften Vertreter*innen.

Erzgebirgische Landschaftskunst ist auch über Tage Thema der Ausstellung "Ehrenfriedersdorfer Bergbau im Spiegel der Kunst". Bildrechte: Désirée Scheffel

Wiederentdeckte Kunst aus Ehrenfriedersdorf

Doch von speziellem Wert sind die Arbeiten regionaler und wiederentdeckter Künstler*innen und Autodidakt*innen. "Wir haben einen Aufruf unter der Bevölkerung gestartet", sagt Michael Knauth, "was habt ihr vielleicht noch zu Hause oder von welchen Arbeiten wisst ihr? Da gab es dann ganz neue Geschichten."

"Sauberg Förderturm" heißt dieses Werk von Christiane Schlüssel – auf dem Sauberg liegt auch das Besucherbergwerk Zinngrube. Bildrechte: Désirée Scheffel

Fritz Walter Mönkemeyers Graffito aus dem ehemaligen Kulturhaus Zinnerz oder sein Entwurf für den Schwarzenberger Schwibbogen kamen dadurch in die Sonderausstellung. Und auch fünf wunderbare Radierungen und Aquarelle von Mechthild Pöhler. Ihre fünf Arbeiten in der Sonderausstellung sind eine späte Wiedergutmachung für eine Autodidaktin und unbeugsame Künstlerin, deren Ehrenfriedersdorfer Bilder und Geschichten sonst vermutlich verschwunden wären.

Bildrechte: Zinngrube Ehrenfriedersdorf

Mehr Informationen"Ehrenfriedersdorfer Bergbau im Spiegel der Kunst"
Ausstellung bis zum 30. September 2023

Museum des Besucherbergwerks Ehrenfriedersdorf auf dem Sauberg
Am Sauberg 1
09427 Ehrenfriedersdorf

Öffnungszeiten
Dienstag bis Sonntag: 10 bis 16 Uhr
Montags und am 24., 25. sowie 31. Dezember 2022 und 1. Januar 2023 geschlossen

Tipp der Autorin: Es ist das einzige Bergwerk im Osten, in das die Besucherinnen und Besucher mit einer historischen Seilfahrtsanlage hinabfahren – auf 110 Meter Tiefe.

Redaktionelle Bearbeitung: Simon Bernard

Kultur im Erzgebirge und Sachsen

Dieses Thema im Programm:MDR KULTUR - Das Radio | 03. Dezember 2022 | 15:15 Uhr