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Die Kuratorinnen Lisa Caspari (links) und Annegret Schüle haben die Ausstellung erarbeitet. Bildrechte: dpa

Als Wanderausstellung konzipiert

Erfurter Ausstellung zeichnet das Verbrechen der Euthanasie nach

von Mareike Wiemann, Landeskorrespondentin Thüringen

Stand: 31. Oktober 2020, 04:00 Uhr

In der Fabrik Topf & Söhne wurden einst die Leichen-Verbrennungsöfen für Auschwitz gefertigt. Mittlerweile befindet sich dort ein Erinnerungsort, der sich mit den Verbrechen der Nationalsozialisten auseinandersetzt. Nun befasst sich eine Sonderausstellung mit der "Euthanasie", der sogenannten Vernichtung "lebensunwerten Lebens". Für die Organisatorinnen ein wichtiges Anliegen – gerade jetzt, mitten in der Corona-Pandemie.

Es ist nur ein kleiner Raum, den diese Ausstellung füllt, knapp 20 Quadratmeter, mit 14 Infotafeln und zwei Vitrinen. Doch das reicht völlig aus, um die abgrundtiefe Menschenfeindlichkeit und die tödliche Bürokratie der Nationalsozialisten pointiert hervorzuheben. Schon kurz nach der Machtergreifung 1933 kommt es zu einer ersten sogenannten rassenhygienischen Maßnahme: Das "Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses" wird eingeführt, das Zwangssterilisierungen bei Menschen mit unter anderem "angeborem Schwachsinn, Schizophrenie, manisch angeborenem Irrsein" erlaubt.

Es sind schwammige Begriffe wie diese, die über die Jahre immer weiter ausgelegt werden, wie die Ausstellung deutlich macht. Mit dem Kriegsbeginn setzt eine völlig neue Dynamik in Bezug auf die "Rassenhygiene" ein: "Hier spielen neben den ideologischen Motiven vor allem auch kriegsökonomische Gründe eine wichtige Rolle", so Kuratorin Lisa Caspari. "Also – wer wird im Krieg versorgt? Denn im Krieg wird die Gesellschaftshierarchie noch einmal viel krasser, als sie es zuvor schon war." Die ersten Euthanasieverbrechen finden deswegen in den besetzten Gebieten statt, im Reich selbst sind die ersten Opfer behinderte Kleinkinder und Säuglinge.

Staatlich organisierter Mord

Um alles zu koordinieren, wird die "Aktion T4" gegründet, eine Organisation, die die massenhafte Ermordung von Anstaltspatientinnen und -patienten in die Hand nimmt. Rund 300.000 Menschen werden in den kommenden Jahren unter dem Euphemismus der Euthanasie vergast und anschließend verbrannt, den Angehörigen werden Sterbeurkunden mit ausgedachten Todesursachen ausgehändigt. Weil damals viel verschleiert wurde, ist es teilweise bis heute schwierig, die genauen Todesumstände nachzuvollziehen.

Kuratorin Caspari aber wollte die Geschichten der Opfer sichtbar machen, und wühlte sich unter anderem durch Akten im Berliner Bundesarchiv und im thüringischen Landesarchiv in Gotha. "Diese Opfergruppe wurde jahrzehntelang vergessen. Und um an sie erinnern zu können, brauchen wir Namen, Geschichten und Bilder." Caspari hat verschiedene Schicksale von Menschen aus Erfurt und Umgebung für die Ausstellung aufgearbeitet, darunter das von Willi Kirmes: ein Jugendlicher, der im Alter von 16 Jahren von der Aktion T4 ermordet wurde. Die einzige Schuld Kirmes' war es, dass er sich auflehnte gegen Autoritäten – und, dass ihm ein Elternhaus fehlte. In der Ausstellung sind ein Foto von ihm, ein selbst geschriebener Lebenslauf und eine Zeichnung zu sehen: Auf der steht ein Mensch auf einer Blumenwiese, und lässt einen Drachen steigen. Die Recherche dieser bedrückenden lokalen Geschichten ist das stärkste Kapitel der kleinen, aber gut erzählten Ausstellung.

Aktuelle Bezüge

Um viele Zielgruppen zu erreichen, werden auch Führungen in leichter Sprache angeboten. Bildrechte: dpa

Für Annegret Schüle, Leiterin des Erinnerungsortes, kommt die Schau genau zum rechten Zeitpunkt. Geschichtsvermittlung bedeute immer auch, die Gegenwart zu reflektieren. Und in der Corona-Pandemie komme es eben darauf an, wie sich unsere Gesellschaft in einem massiven Stresszustand den Grundsatz der Menschlichkeit bewahre. "Die Ausstellung leistet für diese Reflektion einen Beitrag, denn sie zeigt sehr eindrücklich, wohin es führen kann, wenn eine Gesellschaft den Schutz der Schwachen und Hilfsbedürftigen verweigert. Und eine Unterscheidung macht zwischen Leben, das lebenswert und verteidigenswert ist, und Leben, das lebensunwert ist."

So verlässt man den kleinen Raum am Ende in der Gegenwart – und mit einer Ausstellungspostkarte in der Hand. Auf der ist Artikel 3 des Grundgesetzes abgedruckt: "Alle Menschen sind vor dem Gesetz gleich. Niemand darf wegen seiner Behinderung benachteiligt werden."

Informationen zur AusstellungWohin bringt ihr uns? - "Euthanasie"-Verbrechen im Nationalsozialismus
31. Oktober 2020 - 30. Mai 2021

Dienstag bis Sonntag 10 - 18 Uhr
(Achtung: Auch in Thüringen sind die Museen ab dem 2. November geschlossen! Bitte informieren Sie sich über pandemiebedingte Änderungen bei den Öffnungszeiten.)

Erinnerungsort Topf & Söhne
Sorbenweg 7
99099 Erfurt

Ab Juni 2021 soll die Ausstellung an verschiedenen Orten in Thüringen gezeigt werden.

Dieses Thema im Programm:MDR KULTUR - Das Radio | 30. Oktober 2020 | 13:10 Uhr