Ausstellung Baumwollspinnerei Leipzig: Fotofestival f/stop misstraut der Macht der Bilder

Das "f/stop – Festival für Fotografie Leipzig" existiert mit Unterbrechungen seit 2007 und kann auf eine bewegte Geschichte und so manchen Eklat zurückblicken. Nun ist die 9. Ausgabe von f/stop in neuen Händen, in der Trägerschaft des D21 Kunstraum Leipzig e.V., der nun mit dem Duo Stefanie Abelmann und Christian Bodach die Festivalleitung bestreitet. Die Ausstellung auf dem Gelände der Leipziger Baumwollspinnerei ist bis zum 4. Juli 2021 zu sehen.

Festival für Fotografie Leipzig 4 min
Bildrechte: Ingrid Eggen

Hier ist das traute Heim aus den Fugen: Sofakissen, Blumentapete und Gardinen sind überlagert von anderen Bildern, Sonnenuntergängen und Aktfotos schwuler Männer. Der Pekinger Fotokünstler Guanyu Xu hat sie allesamt in der Wohnung seiner Eltern teils mit Angeldraht befestigt, teils aufgeklebt, um so zu einer ungewöhnlichen Bildcollage zu finden. Zudem ging es Xu, der schwul ist, darum, die, Zitat "heteronormative Häuslichkeit des elterlichen Haushaltes zu stören", die ihn während seiner Heimbesuche ersticke. Seine Eltern ahnen angeblich noch heute weder etwas von den wilden Kunstinstallationen ihres Sohnes in ihrer Wohnung noch von seinem Schwulsein. Und so baute Xu, heute Ende 20, stets alles wieder ab, bevor die Eltern kamen.

Xus Fotoserie zeigt f/stop in seiner großen Schau in der Werkschauhalle in einer eigenen Koje, wie die Werke der sieben anderen präsentierten Künstler und Künstlerinnen auch. Christian Bodach von der Festivalleitung: "Es gib immer wieder Flächen, wo man sich nicht sicher ist: "Gehört das jetzt zu dem Raum oder ist das eine Fotografie?" Das überformt alles, Kissen, Betten, Jalousien - der ganze Raum ist voller Poster, die so zu einer realen 3-D-Collage werden, die dann ihrerseits wieder fotografiert wird."

Guanyu Xu
Guanyu Xu: "JZ-08132017-10032020", 2020 Bildrechte: xxx

Vertrauen ist die Währung des 21. Jahrhunderts

"Vertrauen" lautet das Motto des diesjährigen Fotofestivals. Xu vertraut seinen bürgerlichen Eltern nicht. Nina Strand, eine der beiden extra eingeladenen Kuratorinnen postuliert gar auf der Internetseite von f/stop, "dass Vertrauen die Währung des 21. Jahrhunderts sei". Dabei ist dies gerade eine Währung, mit der immer weniger von uns dienen können oder wollen – und eigentlich verschenkt man ja Vertrauen und will es nicht gegen etwas eintauschen! Ein schwieriges, problembeladenes Motto also auf dem diesjährigen 9. f/stop – Festival für Fotografie Leipzig, natürlich geht es auch um Vertrauen in die Bilder.

Nachdenken über Marlene Dietrichs Hände

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Carmen Winant, Poster exklusiv gestaltet für TRUST/vertrauen für die 9. Ausgabe des f/stop Bildrechte: Carmen Winant

Die norwegische Kuratorin Nina Strand, selbst Fotografin, ist besonders stolz, die US-Künstlerin Carmen Winant gewonnen zu haben, mit einer Kunst-Position, die der Fotokunst misstraut, ihre eine Absage erteilt. Am Beispiel von Marlene Dietrich exerziert sie das durch. Winant hat Dietrichs Hände aus ihren Filmen auf eine Reihe von Postern aufgebracht, die gleich am Eingang in großen Abständen hängen, wo man nun über eine größere Strecke hinweg viele Hände sieht, weniger "Mutterns Hände" à la Kurt Tucholsky, sondern Dietrichs Hände, oft manieriert verdreht, wie sie eine Leinwandgöttin damals zu liefern hatte. Carmen Winant misstraut also Marlenes Händen und Nina Strand erklärt: "Winant ist eine Fotografin, die mit der Ausstrahlung anderer Menschen arbeitet. Sie konnte nicht aufhören, über Marlene Dietrichs Hände nachzudenken und gleichzeitig über die Geschichte von weiblichen Händen: Wie wir uns verhalten und wie wir sind."

Vom Aussterben der klassischen Foto-Reportage

Hände gelten ja in ihrer Darstellung immer noch als Gradmesser für Kunst, so hat die norwegische Fotografin Ingrid Eggen Bilder von Händen erschaffen, die in ihren Verrenkungen und Verdrehungen, die menschliche Hand neu zu denken versuchen.

"Ja, was sind das? Das sind Hände. Aber sind es eine, sind es zwei, sind es drei? Gehören sie zum gleichen Körper? Damit spielt Ingrid Eggen tatsächlich", sagt Stefanie Abelmann von der Festivalleitung. Und ihr Kollege Christian Bodach ergänzt: "Es sieht fast schon bisschen aus wie Gewächse. Gar nicht so natürlich. Und durch die diese Entrückung macht man sich noch mal Gedanken darüber, was unsere Körperteile so auch transportieren, an Botschaften oder wie eigentümlich die auch sind."

Abelmann und Bodach agieren von dem Leipziger Kunstraum D21 aus, dem neuen Träger von f/stop. Neben fotokünstlerischen Positionen – darunter auch die der in Leipzig bei Tim Rautert studierten Viktoria Binschtok – zeigt das Festival auch etliche Videoarbeiten, um die Frage aufzuwerfen, wie unsere heutige komplexe Bilderwelt agiert. Die klassische Foto-Reportage scheint kurz vor dem Aussterben; Fotos der Selfie-Kultur übernehmen die Deutungshoheit. Mit viel Engagement geht das f/stop Festival seine Fragen an und misstraut so – übrigens nicht zum ersten Mal – der Macht der Bilder.

Mehr Informationen f/stop – Festival für Fotografie Leipzig
vom 25. Juni bis 4. Juli
Die Werkschauen laufen auf dem Gelände der Baumwollspinnerei, zusätzlich gibt es ein Online-Programm "Digital Wondering".

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 25. Juni 2021 | 07:10 Uhr

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