Fotokünstler Florian Merkel – inspiriert von Max Klinger und dem herben Chemnitzer Charme

Einer der interessanten Künstler aus Chemnitz ist Florian Merkel. Der Fotograf wurde 1961 im damaligen Karl-Marx-Stadt geboren und wuchs hier auf, doch wie so viele Chemnitzer Künstlerinnen und Künstler ging er bald schon weg und landete schließlich in Berlin. Jetzt gibt es eine Schau in seiner Heimatstadt, in der Galerie Weise, die jedoch pandemiebedingt nicht geöffnet ist. MDR KULTUR hat mit dem Künstler gesprochen und zeigt einige seiner eindrucksvollen Arbeiten.

Das Markenzeichen von Florian Merkel ist das liebevolle Kolorieren von Schwarzweißfotos. Das geht zurück auf eine uralte Technik aus dem 19. Jahrhundert, die aber kaum noch verwendet wird. Doch der Fotokünstler liebt es, die schwarz-weißen Motive mit grellbunten Farben zu verfremden.

Es macht viel mehr Spaß, die Bilder zu übermalen und den Bildern so die eigene Realität zu geben, als die reine fotografische Strecke. Es ist immer eine gewisse Ironie dabei und man wird bei mir sehr selten eine Kolorierung finden, die eine dokumentarische Behauptung wäre.

Florian Merkel

Schräg und ironisch

Die Lust an der Ironie paart sich mit einem Sinn für das Schräg-Dekorative – und das zeigt sich auch bei seiner neuesten Arbeit mit dem Titel "Mittags in Chemnitz". Da hat er seine Künstlerkollegin Lydia Thomas in einer Doppelbelichtung aufgenommen, und zwar mitten im Stadtzentrum, unweit des Roten Turms. Die junge Frau trägt hier grellgelb kolorierte Ringe in Lippe und Nase und mit geschlossenen Augen und blassem Gesicht steht sie dem Betrachter frontal gegenüber.

Bilder von Florian Merkel

Florian Merkel – „Mittags in Chemnitz 1“, 2019
Florian Merkel – „Mittags in Chemnitz 1“, 2019 Bildrechte: Florian Merkel, Galerie Weise
Florian Merkel – „Mittags in Chemnitz 1“, 2019
Florian Merkel – „Mittags in Chemnitz 1“, 2019 Bildrechte: Florian Merkel, Galerie Weise
Florian Merkel – „Widmung“, 2021 (links) und „Atalante übt“, 2020
Florian Merkel – „Widmung“, 2021 (links) und „Atalante übt“, 2020 Bildrechte: Florian Merkel, Galerie Weise
Florian Merkel – Blick in die Ausstellung mit „Think Tank“, 2020 und „Dynamische Geste“, 2017
Florian Merkel – Blick in die Ausstellung mit „Think Tank“, 2020 und „Dynamische Geste“, 2017 Bildrechte: Florian Merkel, Galerie Weise
Florian Merkel – „Mittags in Chemnitz 2“, 2019
Florian Merkel – „Mittags in Chemnitz 2“, 2019 Bildrechte: Florian Merkel, Galerie Weise
Florian Merkel – Blick in die Ausstellung mit „Mittags in Chemnitz 1+2“, 2019 und „Einstand“, 2017
Florian Merkel – Blick in die Ausstellung mit „Mittags in Chemnitz 1+2“, 2019 und „Einstand“, 2017 Bildrechte: Florian Merkel, Galerie Weise
Florian Merkel – „Klinger Rezeption 1“, 1983 Bildrechte: Florian Merkel, Galerie Weise
Florian Merkel – „Einstand“, 2017
Florian Merkel – „Einstand“, 2017 Bildrechte: Florian Merkel, Galerie Weise
Florian Merkel – Blick in die Ausstellung mit „Klinger Rezeption“, 1983 und „Think Tank“, 2020
Florian Merkel – Blick in die Ausstellung mit „Klinger Rezeption“, 1983 und „Think Tank“, 2020 Bildrechte: Florian Merkel, Galerie Weise
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Mit diesem Fotoshooting im Jahr 2021 kreist Merkel zugleich um seine Heimatstadt. In Chemnitz ist er aufgewachsen, hat dort lange Jahre gelebt, auch noch nach seinem Studium, bis er dann irgendwann nach Berlin gegangen ist. Da stellt sich natürlich die Frage, wie Merkel heute seine Beziehung zu Chemnitz beschreiben würde.

Chemnitz hat eine sehr eigene Atmosphäre, die man möglicherweise an anderen Orten nicht so findet. Eine Atmosphäre, an der man sich gut reiben kann. Es ist nicht die Beliebigkeit da, wie sie in anderen Städten ist, wo sich die Sache verläuft.

Florian Merkel

Kunststudium in Leipzig

Florian Merkel – „Einstand“, 2017
Florian Merkel – "Einstand", 2017 Bildrechte: Florian Merkel, Galerie Weise

Als Jugendlicher konnte sich Florian Merkel an dem herben Charme der Industriestadt reiben. Doch zum Studieren musste er Chemnitz verlassen. Und so landete er Anfang der 1980er-Jahre an der renommierten Hochschule für Grafik und Buchkunst in Leipzig. Das war damals eine Malerhochburg – und so gab es nur eine kleine feine Schar von Fotokünstlern, Merkel sagt: "Wir waren sehr wenige, jeder Jahrgang waren ungefähr fünf Leute. Von den Malern ist man vielleicht nicht so ernst genommen worden und dadurch hat man auch relativ viele Freiheiten gehabt, weil die Malprofessoren sich nicht so dafür interessiert haben. Man hatte eine sehr gute Literaturauswahl in der Schulbibliothek. Und was nicht in der Schulbibliothek war, das kam vom Professor, der da gut ausgestattet war." Der Professor war Hellfried Strauß – und diese Lehrerpersönlichkeit hat Florian Merkel in seinem Studium begleitet.

Beeinflusst von Max Klinger

Im Jahr 1983 schuf der junge Mann dann eindrucksvolle Schwarz-Weiß-Porträts von jungen Modellen, dabei ließ er sich inspirieren von den suggestiven Frauen-Skulpturen von Max Klinger.

Seine Verbindung von einem Realismus und Skurrilität hat mich immer fasziniert. Und ich fand seine Figuren, die er gemacht hat, sehr gegenwärtig. Die kamen mir nicht wie Figuren von 1890 vor, sondern von 1983.

Florian Merkel über seine Inspirationsquelle Max Klinger

Gegensätze

Florian Merkel – „Klinger Rezeption 1“, 1983
Florian Merkel – "Klinger Rezeption 1", 1983 Bildrechte: Florian Merkel, Galerie Weise

Mittlerweile lebt Merkel seit rund drei Jahrzehnten in Berlin. Und auch dort beschäftigt er sich immer wieder mit Frauenporträts. Und da gibt es das grellbunte Bild einer jungen Frau, die dynamisch in die Luft springt: "Das Bild ist auf dem Tempelhofer Feld entstanden, in Berlin. Was mich daran interessiert hat: es ist eine Art Lebensgefühl. Es ist nicht die überschwängliche Lebensfreude. Es hat auch etwas, was dem Optimismus auch ein bisschen zuwider läuft. Die Person ist scheinbar ungebunden, aber sie ist auch einsam", sagt Merkel.

Die Dialektik von Einsamkeit und Freiheit, von Farbe und Schwarz-Weiß, das Wechselspiel von Fotodokument und Fiktion – das alles prägt die Kunst von Merkel. Und diese Aspekte interessieren ihn auch, wenn er malt. Und so sind seine Arbeiten zugleich Abbilder einer erfundenen wie auch vorgefundenen Wirklichkeit. Und die reflektiert zugleich die grelle Buntheit unserer Medienwelt – wie auch deren Schattenseiten.

Die Ausstellung Florian Merkel – Attacke. Malerei und Fotoarbeiten.

10. März 2021 bis 8. Mai 2021
Galerie Weise 2021 | florianmerkel.com

Zur Ausstellung ist ein Kunstkatalog erschienen.

Kultur und Kunst in Chemnitz

Kultur

Eröffnung Stefan Heym Forum
Der Bestand von Stefan Heyms Bibliothek im Chemnitzer Tietz umfasst nicht nur wertvolle Erstausgaben, sondern auch von Hand signierte Bücher berühmter Schriftstellerkolleginnen und - kollegen wie Amos Oz und Anna Seghers. Bildrechte: MDR/Ines Gruner-Rudelt

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 06. Mai 2021 | 17:40 Uhr

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MDR Literaturexpertin Katrin Schumacher reist nach Brünn und Prag, um wichtige tschechische Autoren im Vorfeld der Leipziger Buchmesse zu treffen. Bildrechte: MDR/Uwe Mann, honorarfrei