Simson, Diamant, Erika Chemnitzer Ausstellung über Kult-Design: Die zehn wichtigsten Arbeiten von Karl Clauss Dietel

Die Chemnitzer Kunstsammlungen widmen sich dem umfangreichen Schaffen von Karl Clauss Dietel. Seit mehr als 60 Jahren prägt der Formgestalter mit seinen Arbeiten die deutsche Designgeschichte. Von E wie Erika bis W wie Wartburg 353 sind seine Produkte und Produktnamen nicht wegzudenken. In der Ausstellung "simson, diamant, erika" finden sich zahlreiche Klassiker des ostdeutschen Formgestalters wieder.

Karl Clauss Dietels Entwurf des Mokicks Simson S 50, 1969
Karl Clauss Dietels Entwurf des Mokicks Simson S 50 Bildrechte: VG Bild-Kunst, Bonn 2021

Kultnamen und Kultobjekte wie Simson, Diamant, Erika entsprangen der Kreativität des Formgestalters Karl Clauss Dietel. Doch dazu reihten sich zahlreiche Ideen, Skizzen und Stadtplanungen – das zeigt die aktuelle Ausstellung "simson, diamant, erika" in den Kunstsammlungen Chemnitz. 2019 hat das Museum die Sammlung erworben und dafür über 8.800 Positionen, also Skizzen, Modelle, Fotografien, aufgenommen.

An vielen dieser Objekte arbeitete Dietel mit seinem Kollegen Lutz Rudolph zusammen. Gezeigt werden nicht nur zahlreiche Designklassiker wie das Diamant-Rad, die Simson-Roller oder das Heliradio, auch Formskizzen, Entwürfe und Prototypen, die nie Serienreife erlangten. Für seine Arbeit erhielt Dietel 2014 als erster und einziger Gestalter aus der ehemaligen DDR den Designpreis der Bundesrepublik Deutschland. Die nun in der Ausstellung gezeigten Werke sind nur ein kleiner Teil seiner umfangreichen Arbeit. Wir stellen die zehn wichtigsten vor:

Klassiker: Der Mokick-Simson aus Suhl

Noch heute sieht man junge Menschen auf Simson-Rollern fahren, die zur Entstehungszeit noch gar nicht auf der Welt waren. Die ersten Entwürfe unter anderem für das unvergessene Mokick S 50 entstanden schon um 1967. Dietel und Rudolph reichten sie bei dem Fahrzeug- und Jagdwaffenwerk "Ernst Thälmann" in Suhl ein. Das Unternehmen trug ursprünglich vor der Enteignung durch die Nationalsozialisten den Namen "Gebrüder SIMSON", daher entschloss sich Dietel, den Namen "Simson" für die Gestaltung wieder aufzunehmen.

Karl Clauss Dietel Ausstellung
Einige Modelle der Simson-Mokicks Bildrechte: MDR/Ann-Kathrin Canjé

Ab 1975 startete die Produktion in Suhl und wurde in diversen Varianten bis zur Wende produziert. Es zählt sogar zum meistgebauten und beliebtesten Zweirad der DDR. Fun Fact: Heute sind sogar mehr Simson-Mokicks (Typ S50 und S51) zugelassen als zur Hochzeit der Produktion in Suhl.

Dietels "Offenes Prinzip"

Grafische Darstellung der Veränderungen des im VEB Fahrzeug- und Jagdwaffenwerk Ernst Thälmann Suhl hergestellten Mokicks S 50/51, 1982/Neufassung 2014.
Das "Offene Prinzip" ermöglicht einfache Reparatur. Bildrechte: VG Bild-Kunst, Bonn 2021

Dass die Maschinen auch heute noch so beliebt sind, zeugt von der Nachhaltigkeit, die Dietel und Rudolph beim Bau ihrer Maschinen von Anfang an mitdachten. Bekannt ist ihre Idee auch unter dem "Offenen Prinzip". Es basiert darauf, dass die Bauteile einfach erkennbar sind, ausgetauscht und repariert werden können. Zum formal-ästhetischen Konzept der Roller gehören Sitzbank, Tank, Tachometer sowie Leuchten. Eine nachhaltige Denkweise, die es ermöglicht, dass selbst heute noch alte Maschinen einfach zu reparieren.

Die Heliradios

Exponat
Das Rundfunkgerät Programat Bildrechte: MDR/Ann-Kathrin Canjé

Auch an diesem Produkt arbeitete Dietel gemeinsam mit Rudolph. Noch während ihres Studiums suchten die beiden Kontakt zum Unternehmer Bodo Hempel. Ihr Vorschlag: Die formgestalterische Überarbeitung seiner Radiomodelle. Auf das Angebot folgten zahlreiche Überarbeitungen wie etwa die asymmetrische Anordnungen der Bedienelemente mit verschiedenen Farben und Größen. In Serie gingen dann später Modelle wie RK 5 und RK 7 sensit.

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Die Kugellautsprecher K 20 ließen sich frei beweglich im Raum verteilen Bildrechte: MDR/Ann-Kathrin Canjé

Das Rundfunkgerät "Programat" schaffte es allerdings nicht über einen Prototypen hinaus. Dabei war die Funktionalität gegeben: Das Gerät hatte die Möglichkeit, selbst Programme zu scannen und zu den Kategorien wie "Kultur", "Aktuell" oder "Familie" hinzuzfügen. Das Problem: Wenn es in Ostdeutschland keine Programme mehr fand, suchte es auch nach West-Radiosendern. Da somit eine Art "West-Kontakt" aufgebaut werden konnte, kam es nie zur Produktion. Zu den Heliradios gehörten ebenfalls die Kugellautsprecher, die auch heute noch modern anmuten.

Rundfunkgerät RK 90

Ein Gerät, das ebenfalls nur in wenigen Funktionsmustern erhalten ist und nie als Serie produziert wurde, ist das Rundfunkgerät RK 90. Mit diesem Produkt setzten Dietel und Rudolph neue Maßstäbe in den 80er-Jahren, da das Gerät mit Infrarot ferngesteuert werden konnte.

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Rundfunk- und HiFi-Steuergerät RK90 sensit cubus Bildrechte: MDR/Ann-Kathrin Canjé

Eisenacher PKW á la Dietel

Zwar stehen keine ausgereiften PKWs in der Ausstellung, da sie nie produziert wurden. Aber die Skizzen und Modelle zeigen die umfangreichen Ideen, die Dietel hatte, auch in Bezug auf die Weiterentwicklung des Trabants. PKW spielten eine wichtige Rolle in seinem Schaffen. Vom damals üblichen Stufenheck wandte Dietel sich ab und setzte bewusst ein Steilheck ein. Dies war schon Thema seiner Diplomarbeit. Von den zahlreichen Modellen, die er schuf, fertigte er Fotografien an.

Dietels Idee vom "sozialistischen Auto" beinhaltete eine aufrechte Sitzhaltung, große Fenster für optimale Sicht, einfache Bedienung. Seine Vollheckvariante kam nicht bei allen gut an – der Grundentwurf des Wartburg 353 für das VEB Automobilwerk Eisenach wurde 1962 abgelehnt und anschließend gemeinsam mit Hans Fleischer umgewandelt. Außerdem versuchte Dietel sich an einem Nachfolger für den Trabant 601. Sieben Nachfolgemodell-Entwürfe entstanden in Zusammenarbeit mit Lutz Rudolph innerhalb von 20 Jahren. Die Entwicklung wurde nach vier Entwürfen, die in Serie gehen sollte, vom Politbüro der SED gestoppt.

Karl Clauss Dietel Ausstellung
Dietels Idee vom "sozialistischen Auto" ist an seinen Modellen verdeutlicht. Bildrechte: MDR/Ann-Kathrin Canjé

E wie Erika

Auch wenn Schreibmaschinen heute längst Geschichte sind – an die formschönen Erikas erinnern sich noch viele Menschen. Heute zieren sie eher Museen oder stehen als Schmuckstück in Wohnungen. 1965 gewann Karl Clauss Dietel damit noch den Wettbewerb für Kleinschreibmaschinen. Die Erika 50/ 60 ging in den 70er-Jahren in Produktion. Die flache Tastatur ist ein besonderes Augenmerk der Geräte, welche für die schicke Dietel-Ästhetik sorgt.

Schreibmaschinen in Vitrinen
Dietels Erikas zieren die Ausstellung der Kunstsammlungen Chemnitz Bildrechte: MDR/Ann-Kathrin Canjé

Flachrundstickautomat

Schonmal von einem Stickautomat gehört? Auch diese Gerätschaft formgestaltete Dietel. Die Modelle der Diamant Flachstrickmaschinen sind vielleicht nicht so bekannt, wie die Erika-Schreibmaschinen, aber sollten nicht in Vergessenheit geraten. Denn Dietel orientierte sich auch hier an seinem Leitgedanken, dass die Nutz- und Bedienbarkeit der Geräte an den Menschen angepasst ist. Hierbei legte er Wert auf die elektronische programmierbare Steuerung der Maschine. Das Modell FRJ 2000 wurde ab 1994 produziert. Hier entwarf Dietel auch die Produktgrafik.

Clauss Dietel Ausstellung
Das Modell eines Flachrundstickautomat von Dietel, 1993 Bildrechte: MDR/ Ann-Kathrin Canjé

Diamant-Räder

Weit bekannter als die Stickautomaten sind die Fahrräder, die Dietel für "Elite-Diamant" entworfen hatte. Heute sieht man immer mehr Menschen, die bei Radtouren auf das Elektrorad zurückgreifen. Schon 1990 überarbeitete Dietel Fahrradmodelle von Diamant und entwickelte den "City-Blitz", ein E-Rad sozusagen. Der Akku des Rads, der Dietel-typisch plastisch gestaltet ist, ist in das Rad eingepasst und kann über einen Griff zum Aufladen abgenommen werden.

Exponat Diamant Fahrrad
Zwei Diamant-Räder finden sich in der Ausstellung wieder Bildrechte: MDR/Ann-Kathrin Canjé

Spuren in der Stadtgestaltung

Clauss Dietel Ausstellung
Spuren der Stadtgestaltung wie diese Sitzbänke sind ebenfalls von Dietel inspiriert Bildrechte: MDR/ Ann-Kathrin Canjé

Dietel hat seine Spuren vielerorts hinterlassen, so auch in der von ihn liebevoll genannten "Karl-Chemnitz-Stadt". Es ist auch seiner Initiative zu verdanken, dass die Stadtverordnetenversammlung 1968 ein "Formgestaltungsprogramm" für die damalige Karl-Marx-Stadt beschloss. So enstanden im Zusammenschluss mit einem Künstlerbund Gestaltungsideen und Elemente für die Stadt. Von Abfalleimern bis zu Sitzbänken waren die Entwürfe vielfältig.

Karl Clauss Dietel Ausstellung
Der Grabstein der Designerin und Bildhauerin Marianne Brandt Bildrechte: MDR/Ann-Kathrin Canjé

Das "Amt für industrielle Formgestaltung" widersetzte sich und stoppte somit die vollständige Ausführung des Programms. Für Dietel blieben ab 1970 architekturbezogene Arbeiten von Bedeutung. Außerdem in der Stadt versteckt: der von Clauss Dietel gestaltete Grabstein für die Chemnitzer Designerin Marianne Brandt. Er ist auf dem Nikolai-Friedhof zu finden.

Gestaltung der Dresdner Frauenkirche

Kennenswert ist auch das Modell Dietels von 1995 zur Gesaltung der Dresdner Frauenkirche nach der Zerstörung im Zweiten Weltkrieg. Sein Konzept-Titel "Frauenkirche Dresden nach Ausschwitz und Krieg" impliziert schon, was ihm wichtig war: eine Mahnstelle aus Marmor, die an die Taten der Nationalsozialisten erinnen und im Gebäude hätte integriert sein sollen. Im Modell erkennt man, wie die weiße Marmor-Mahnstelle senkrecht durch das Kirchenschiff schneidet. Somit wäre der Riss in der Geschichte, auch der Riss im prunkvollen Gebäude gewesen.

BIlder in einer Ausstellungen zeigen die Frauenkirche, davor ein Modell der Frauenkirche.
Das Modell Dietels von 1995 zum Wiederaufbau der Dresdner Frauenkirche Bildrechte: MDR/Ann-Kathrin Canjé

Mehr Informationen Ausstellung "simson, diamant, erika – Formgestaltung von Karl Clauss Dietel"
von 27. Juni – 3. Oktober 2021 in den Kunstsammlungen Chemnitz

Kunstsammlungen am Theaterplatz
Theaterplatz 1
09111 Chemnitz

Öffnungszeiten:
Dienstag, Donnerstag bis Sonntag, Feiertag: 11 bis 18 Uhr
Mittwoch 14 bis 21 Uhr

Am 30. September wird der zur Ausstellung veröffentliche Bildband von Spector Books der Öffentlichkeit in Anwesenheit Dietels und der Autoren vorgestellt

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | MDR Kultur am Mittag | 28. Juni 2021 | 11:36 Uhr

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