Von der Ruine zum modernen Bildungskosmos Franckesche Stiftungen in Halle erstrahlen in neuem Glanz

Bildung für alle: Der Theologe, Pietist und Pädagoge August Hermann Francke hatte die Franckeschen Stiftungen im 17. Jahrhundert zunächst als Waisenhaus gegründet, es war groß wie ein Palast. Aus diesem "Nukleus" entwickelte sich eine Schulstadt von europäischem Rang, die heute Potenzial zum Welterbe hat. Dabei war das riesige Gebäudeensemble am Ende der DDR fast ruiniert. Die Rettung währte Jahrzehnte und verschlang 157 Millionen Euro. Nun findet das Mammutprojekt mit der Übergabe der letzten drei sanierten Gebäude am Freitag seinen Abschluss – bei einer digitalen Francke-Feier, die bis Sonntag dauert. Stiftungsdirektor Thomas Müller-Bahlke betont, dass kein Freilichtmuseum entstanden sei, sondern ein "moderner Bildungskosmos".

Aussenansicht Haupthaus Franckesche Stiftungen
Bildrechte: imago/Steffen Schellhorn

In schlichtem Glanz erstrahlt das ehemalige Druckereigebäude der Franckeschen Stiftungen. Mit hellem Putz und Fachwerkbalken Ton in Ton fügt es sich nun mustergültig in das historische Ensemble ein – und so verweist es zugleich auf seine faszinierende Geschichte. Thomas Müller-Bahlke, der Direktor der Franckeschen Stiftungen, erklärt, dass das sogenannte Druckerei-Gebäude Mitte des 18. Jahrhunderts entstanden und ursprünglich als Magazin für die erste Bibelanstalt der Welt gedacht sei.

Bis 2010 als Druckerei in Betrieb

Die sanierte Historische Druckerei
Schlicht und licht - die sanierte Druckerei Bildrechte: Franckesche Stiftungen / Markus Scholz

"August Hermann Francke hat auch hier Wegsteine gesetzt, indem er zum ersten Mal Bibeln im Taschenbuchformat und in Massenproduktion hergestellt hat", so Müller Bahlke. Dafür habe Francke ein eigenes Lagergebäude gebraucht, das schon im 18. Jahrhundert zur Druckerei umfunktioniert wurde. "Bis 2010 hat sie auch als Druckerei hier auf dem Gelände gearbeitet."

Impressionen Der Wiederaufbau der Franckeschen Stiftungen in Bildern

Von der Ruine zum modernen Bildungskosmos: Der Wiederaufbau der Franckeschen Stiftungen in Halle ist nach drei Jahrzehnten endgültig abgeschlossen. Eine Chronik in Bildern.

Aussenansicht Haupthaus Franckesche Stiftungen
Zwischen 1945 und 1991 wurde das Historische Waisenhaus von der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg genutzt. In dieser Zeit wurden nur die dringendsten Erhaltungsmaßnahmen durchgeführt. Das Gebäude war 1989/90 stark vernachlässigt und bedürfte einer grundhaften Sanierung. Bildrechte: imago/Steffen Schellhorn
Das mit Taubenkot bedeckte Weltenmodell im Waisenhaus der Franckeschen Stiftungen vor dem Wiederaufbau
Am Ende der DDR war das riesige frühbarocke Gebäudeensemble in einem ruinösen Zustand, wie hier das mit Taubenkot bedeckte Weltenmodell im Waisenhaus zeigt. Durchs undichte Dach drangen die Vögel ein. Bildrechte: MDR / Robert Frisch
Das 1709/10 errichtete, kleine Gebäude des alten Mägdeleinhauses vor der Sanierung
Das 1709/10 errichtete, kleine Gebäude des alten Mägdeleinhauses diente der Unterrichtung von Mädchen, die Francke in sein Bildungskonzept integrierte. Ein Novum. Es war zum Ende der DDR ebenfalls in ruinösem Zustand. Bildrechte: Franckesche Stiftungen / Werner Ziegler
Hans-Dietrich Genscher (M), Michail Gorbatschow (r.) Henry Kissinger (l.)
Aus dem Knaben, der einst neidisch aufs Gelände der Stiftungen schielte, wurde ihr Retter. 1990 übernahm Hans Dietrich Genscher die Schirmherrschaft für die Sanierung der Franckeschen Stiftungen. 1993 kam er mit Michail Gorbatschow (r.) Henry Kissinger (l.) in seine Geburtstadt Bildrechte: dpa
Franckesche Stiftungen Luftaufnahme
Das ganze Areal der Franckesche Stiftungen in einer Luftaufnahme im Jahr 2018 Bildrechte: imago/Steffen Schellhorn
Thomas Müller-Bahlke, Direktor der Franckeschen Stiftungen Halle, zeigt in der Kunst- und Naturalienkammer der Franckesche Stiftungen einen über 300 Jahre alten historischen Flusspferdzahn.
Besuchermagnet heute ist die Kunst- und Naturalienkammer: Thomas Müller-Bahlke, Direktor der Franckeschen Stiftungen Halle, zeigt einen über 300 Jahre alten historischen Flusspferdzahn. Das 50 Zentimeter lange Exponat wurde erst Anfang 2020 in der Biologiesammlung des Landesgymnasiums "Latina August Hermann Francke" entdeckt. Danach war jahrelang vergeblich gesucht worden. Kurfürst Friedrich III. von Brandenburg hatte den Zahn 1698 aus Anlass der Gründung der Kunst- und Naturalienkammer nach Halle geschickt. Bildrechte: dpa
Aussenansicht Haupthaus Franckesche Stiftungen
Zwischen 1945 und 1991 wurde das Historische Waisenhaus von der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg genutzt. In dieser Zeit wurden nur die dringendsten Erhaltungsmaßnahmen durchgeführt. Das Gebäude war 1989/90 stark vernachlässigt und bedürfte einer grundhaften Sanierung. Bildrechte: imago/Steffen Schellhorn
Das Denkmal zeigt den Gründer der Franckeschen Stiftungen in Halle, August Hermann Francke, im Lindenhof der Stiftung.
Das Denkmal zeigt Stiftungsgründer August Hermann Francke (1663-1727). Der pietistische Pastor stampfte Ende des 17. Jahrhunderts eine ganze Schulstadt aus dem Boden, die allen Schichten offen stehen sollte. Er strebte damit "eine Universalreform der Gesellschaft durch breite Bildung und Erziehung zur Selbstverantwortung nach christlichen Maßstäben" an. Bildrechte: dpa
Im Jahr 2000 wurde das Alte Mägdeleinhaus am Lindenhof der Theologischen Fakultät der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg zur Nutzung übergeben
Im Jahr 2000 wurde das sanierte Alte Mägdeleinhaus am Lindenhof der Theologischen Fakultät der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg zur Nutzung übergeben. Bildrechte: Franckesche Stiftungen/Uwe Gaasch
Im Blickfeld des 1829 von Daniel Christian Rauch erschaffenen Denkmals von August Hermann Francke werden in den Franckeschen Stiftungen in Halle/Saale die historischen Häuser 12 und 13 aufwändig saniert.
Die zum längsten Fachwerkhaus Europas gehörenden Gebäude wurden 2002 völlig entkernt und bestanden nur noch aus dem Fachwerkskelett. Bildrechte: dpa
Blick auf die Baustelle für den Neubau des Sitzes der Kulturstiftung des Bundes in Halle/Saale
Auf dem Areal der Franckeschen Stiftungen wird 2010 mit einem Neubau für den Sitz der Bundeskulturstiftung begonnen. Bildrechte: dpa
Halle Saale, Fliegeraufnahme mit Blick auf Franckesche Stiftungen, ca. 1935
Vogelperspektive im Jahr 1935. Kurz vor Ende des zweiten Weltkrieges, am 31. März 1945, wurde das Historische Waisenhaus von einer Bombe getroffen. Teile des Gebäudes stürzten ein. Bildrechte: IMAGO / Arkivi
Die Kunst- und Naturalienkammer im Dachgeschoss des Historischen Waisenhauses
Blick in die Kunst- und Naturalienkammer im Dachgeschoss des Historischen Waisenhauses mit dem geretteten Weltenmodell im Vordergrund. 1734-1741 wurde sie im ehemaligen Schlafsaal der Waisenknaben eingerichtet. Bildrechte: Franckesche Stiftungen/Thomas Meinicke
Die erste Handzeichnung der Schulstadt aus dem Jahr 1713 wird vom Kustus Claus Veltmann in den Franckeschen Stiftungen gezeigt.
Franckes erste Handzeichnung der Schulstadt aus dem Jahr 1713, die im Archiv gefunden wurde. Das restaurierte Schriftstück zeigt die Vision einer Anlage, wie sie bis heute das Bild des Areals mit seinen Fachwerkbauten und dem historischen Waisenhaus prägt. Bildrechte: dpa
barocke Bibliothek der Franckeschen Stiftungen
Blick in die Bibliothek mit 64.000 Büchern aus dem 15. bis 18. Jahrhundert. Die fast 300 Jahre alte Bibliothek mit ihren theaterkulissenartig in den Raum gestellten Regalen wird von Forschern, Wissenschaftlern und Gästen aus aller Welt aufgesucht. Bildrechte: dpa
Die Ausgabe einer Bibel wie sie 1788 in der Cansteinschen Bibel-Anstalt im Waisenhaus der heutigen Franckeschen Stiftungen gedruckt wurde, hält eine Mitarbeiterin der Stiftungen in ihren Händen.
Die Ausgabe einer Bibel wie sie 1788 in der Cansteinschen Bibel-Anstalt im Waisenhaus der heutigen Franckeschen Stiftungen gedruckt wurde. Bildrechte: dpa
Das sanierte Historisches Druckereigebäude der Franckeschen Stiftungen in Halle
Das Historische Druckereigebäude gehört zu den letzten drei sanierten Gebäude des Stiftungsensembles. Bildrechte: MDR/Steffen Lipsch
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Multifunktionale Nutzung geplant

Die sanierte Historische Druckerei
Blick in die sanierte Historische Druckerei Bildrechte: Franckesche Stiftungen / Markus Scholz

Die frühere Druckerei bietet nun Platz für das Archiv, die Bibliothek und neue Magazinräume. Dazu kommt die Museumspädagogik nebst einem lichten Vortragssaal. Und so zeigt die multifunktionale Nutzung des Gebäudes auch die vielfältigen Facetten der Franckeschen Stiftungen. Wichtig ist dabei auch die Vernetzung mit den anderen Kultur- und Bildungseinrichtungen auf dem Gelände – und da spielt natürlich die Bundeskulturstiftung eine herausragende Rolle.

Seit 2002 ist sie in Halle – und nun bekommt sie ein weiteres Fachwerkgebäude, das liebevoll restauriert und umgebaut wurde. Thomas Müller-Bahlke erklärt, dass das, was sie als kleine Scheune bezeichnen, ursprünglich ein Vieh- und Pferdestall gewesen sei. "Es gehörte also zur Meierei, zum Landwirtschaftsbetrieb der Franckeschen Stiftungen. Als wir angefangen haben zu sanieren, war er ziemlich baufällig, und alleine das Fachwerkgerüst war um 20 Zentimeter an der Südostecke abgesackt, so dass wir das mühsam statisch wieder regulieren mussten." Daraus ist nun ein Bürogebäude geworden, das auch inspirierend für die Menschen sei, die darin für die Kultur arbeiten können, so der Direktor der Franckeschen Stiftungen.

Hörsaal für Lehramtstudenten in der Großden Scheune

Mit großer Sensibilität wurde auch die sogenannte große Scheune wieder hergerichtet. Statt dunklem Fachwerk sind auch hier die Balken in heller Farbe gehalten. Dieser Verzicht auf demonstrative Rustikalität verleiht dem Gebäude einen ganz eigenen Charme. Zugleich verkörpert es eine ausgeklügelte Konstruktion, mit der man schon zu Franckes Zeiten die Arbeitsabläufe optimiert hat.

Die sanierte Große Scheune der Franckeschen Stiftungen in Halle.
Die Große Scheune Bildrechte: MDR/Steffen Lipsch

Die große Scheune ist 1724 errichtet worden und vom Typ her eine Doppelquer-Tenne, die sich dadurch auszeichnet, dass an beiden Längsseiten vier große Scheunentore sind, wo die Heuwagen reinfahren konnten, entladen wurden und hinten wieder rausfahren konnten. Das zeigt auch, wie pragmatisch die Pietisten rangegangen sind. Das war alles sehr pragmatisch und effizient.

Thomas Müller-Bahlke Direktor Franckesche Stiftungen

Die große Scheune verfügt nun über einen zauberhaften Hörsaal und atmosphärisch gestaltete Seminarräume – dort werden künftig Lehrerinnen und Lehrer ausgebildet.

Die Umgebung könnte für die angehenden Pädagogen nicht anregender sein, denn auf dem Gelände gibt es sage und schreibe vier Schulen: vom Landesgymnasium über Gemeinschafts- und Grundschule bis hin zur Montessori-Schule. So ist ein lebendiger Bildungskosmos entstanden – mit rund 50 Gebäuden, die jetzt wieder in neuem Glanz erstrahlen, wie Thomas Müller-Bahlke ausführt. All diese Gebäude sind nun im Verlauf von 30 Jahren Schritt für Schritt wieder saniert worden. Das Besondere daran sei, wie Müller-Bahlke betont, dass man nicht alleine ein großes Freilichtmuseum aufbauen wollte, sondern "den Geist August Hermann Franckes im Inneren der Gebäude wieder einziehen lassen, sodass wir heute über 4.000 Menschen auf dem Gelände haben."

Franckes Vision einer Schulstadt und deren Wiederaufbau

Die erste Handzeichnung der Schulstadt aus dem Jahr 1713 wird vom Kustus Claus Veltmann in den Franckeschen Stiftungen gezeigt.
Eine Handzeichnung Franckes zur Schulstadt Bildrechte: dpa

Der Theologe, Pietist und Pädagoge hatte die Stiftungen im 17. Jahrhundert zunächst als Waisenhaus gegründet. Daraus entwickelte sich eine Schulstadt von europäischem Rang mit sozialen Einrichtungen, Wirtschaftsbetrieben und Ländereien. Francke galt wegen seiner Lehrmethoden europaweit als fortschrittlicher Pädagoge. Bildung sollte allen sozialen Schichten und auch Mädchen zugute kommen.

In den Wiederaufbau des Fachwerkensembles mit rund 50 Gebäuden wurden seit 1990 rund 157 Millionen Euro investiert.Der Großteil der Gelder für den Wiederaufbau der Schulstadt kam den Angaben nach von Bund, Land, EU und der Stadt. Rund 20 Millionen Euro wurden durch private Spenden, mit Hilfe von Organisationen wie auch der Kirche und anderen Stiftungen aufgebracht.

Auf dem Areal sind Schulen, Kitas, Forschungsstätten und universitäre Einrichtungen ansässig. Es gibt Freizeit- und Betreuungsangebote für alle Generationen.

Digitale Francke-Feier 2021 Festveranstaltung zum Abschluss des Wiederaufbaus der Franckeschen Stiftungen

Freitag, 19. März 18:30 Uhr
Live-Stream mit Staatskulturministerin Monika Grütter und Sachsen-Anhalts Ministerpräsident Rainer Haseloff

 

Kulturschaffende und -leben in Halle

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 19. März 2021 | 07:40 Uhr

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Kultur

Katrin Schumacher mit Audio
MDR Literaturexpertin Katrin Schumacher reist nach Brünn und Prag, um wichtige tschechische Autoren im Vorfeld der Leipziger Buchmesse zu treffen. Bildrechte: MDR/Uwe Mann, honorarfrei